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FLUGVERKEHR Liegt nahe

Mit verschärften Kontrollen versuchen die Fluggesellschaften, den Handel mit Billig-Flugscheinen zu unterbinden. *
• aus DER SPIEGEL 22/1988
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bernd Zimmer, Exportleiter der Düsseldorfer Flennor GmbH, hatte wichtige Termine in den USA, doch seinen Flug nach Chicago hätte er fast verpaßt: Die Lufthansa wollte ihn nicht an Bord lassen.

Als Zimmer am Lufthansa-Schalter in Düsseldorf seinen Flugschein vorlegte, nahm ihn ein Angestellter beiseite und bedeutete ihm, daß er mit seinem Ticket nicht fliegen könne. Es sei nicht in Deutschland gekauft, sondern in Kanada, entspreche deshalb nicht den deutschen Tarifen und sei somit ungültig.

Zimmer war schon des öfteren mit preiswerten Flugscheinen aus Kanada von Düsseldorf aus in alle Welt gereist. Schwierigkeiten hatte es dabei nie gegeben.

Um so überraschter war Zimmer, wie hart die Leute von der Lufthansa mit ihm umsprangen. Beredte Hinweise auf seine häufigen Flugreisen halfen ebensowenig wie lautstarke Proteste: Zimmer mußte, da er seine Verabredungen in Chicago einhalten wollte, einen Flugschein nachlösen - für gut 800 Mark mehr. »Eine Riesenschweinerei«, findet er.

Überraschungen erleben neuerdings viele Geschäftsreisende auf deutschen Flughäfen. Die Kontrollen sind intensiv, vor allem an der Drehscheibe Frankfurt werden in ständigen Stichproben Fluggäste herausgesucht, die mit günstigen Tickets aus Polen, Griechenland und Hongkong oder Nordamerika die hohen Preise in der Bundesrepublik umgehen wollen.

Die Flugscheine, die den Kontrolleuren auffallen, sind in Dollar, Drachmen oder Zloty ausgestellt. Als Startpunkt ist ein ausländischer Flughafen - Athen etwa oder Warschau - angegeben. Das erste Blatt des Tickets wird entfernt, denn der Passagier muß in Deutschland den Eindruck erwecken, er sei nur auf der Durchreise - in Wahrheit startet er beispielsweise in Frankfurt.

Der verständliche Wunsch der Reisenden, dort zu buchen, wo es am billigsten ist, kostet die 83 in der Bundesrepublik vertretenen Fluggesellschaften viel Geld. Im vergangenen Jahr wurden für mehr als 150 Millionen Mark Tickets aus dem Ausland eingeführt.

Gerade die Geschäftsreisenden, die als Vollzahler in First und Business Class für die Fluggesellschaften die wichtigsten Kunden sind, wissen dank ihrer Auslandserfahrung am besten, wo sie einen Flug billiger buchen können. In Hongkong oder Los Angeles sind die Flüge nicht selten um die Hälfte günstiger als in der Bundesrepublik.

Den kostenbewußten Flugreisenden ist meistens nicht klar, daß sie bei ihrem Ticket-Kauf im Ausland formal gegen deutsches Recht verstoßen. Wer seine Reise in der Bundesrepublik beginnt, muß einen in Deutschland ausgestellten Flugschein benutzen: So schreiben es das Luftverkehrsgesetz und die Bestimmungen des internationalen Tarif-Kartells Iata sowie die Beförderungsbedingungen der Lufthansa vor.

Bei manchem spielt aber offenbar auch der Kitzel, etwas Unerlaubtes zu tun, eine Rolle, wenn er seinen Flug jenseits der Grenzen bucht. Die Flugschein-Kontrolleure haben schon Manager großer Unternehmen wie Klöckner oder Thyssen mit den illegalen Tickets ertappt. Auch ein Bankier aus Frankfurt und ein früherer Senator aus Hamburg waren dabei.

Wer nicht erwischt wird, spart in jedem Falle eine Menge Geld. So kostet ein Lufthansa-Flugschein von Frankfurt nach Tokio und zurück in der Business Class 7410 Mark. Wer angeblich in Athen startet und über Frankfurt nach Tokio und zurück fliegt, zahlt dafür nur rund 5240 Mark. Von Warschau aus kostet der Flug über Frankfurt nach Japan sogar nur etwa 4000, von Kairo knapp 3100 Mark.

Die Fluggesellschaften wissen die Preisunterschiede zu erklären. Zum einen werden die Flugpreise auf Dollar-Basis berechnet. Zum anderen werden die Veränderungen der Wechselkurse oft erst mit Zeitverzögerungen berücksichtigt. Zudem sind die Flugverbindungen zwischen vielen Ländern subventioniert und dadurch wesentlich billiger.

So sorgt die amerikanische Regierung stets für günstige Tarife nach Warschau oder Athen, um den zahlreichen Einwanderern aus Polen und Griechenland den Kontakt mit der Heimat zu erleichtern. Andere Staaten fördern mit niedrigen Flugpreisen den Tourismus oder sind, wie fast alle Ostblockstaaten, einfach auf Westdevisen aus.

Die Folge ist ein völlig unübersichtliches Durcheinander von Tarifen und Sonderregelungen. Findige Unternehmer

wie die Brüder Jan Maarten und Paul de Vries im holländischen 's-Heerenberg machen daraus ein Geschäft. Mit ihrem Exit Ticket Service für First und Business Class setzen die beiden zusammen mit ihrem Teilhaber Erwin Vennemann jährlich über 20 Millionen Mark um. In ihrem Büro an der deutschen Grenze, Emmerich gegenüber, haben die Brüder einen Computerterminal installiert. Über den Bildschirm sind sie mit dem Reservierungssystem Sabre von American Airlines verbunden.

Die Tickets selbst stammen meistens aus den USA oder Kanada, wobei sich die Holländer und ihre Kunden den Preisvorteil halbe-halbe teilen. In der Regel ist der Flugschein nach ein paar Tagen da, wenn es ganz schnell gehen muß, jedoch auch über Nacht. Das kostet dann einen Zuschlag von 250 Mark für den Kurierdienst.

Die Gebrüder de Vries betreiben ihr Geschäft schon seit mehr als zehn Jahren. Fast genausolange liegen sie deswegen im Streit mit der Lufthansa, die unter den holländischen Ticket-Großhändlern am meisten zu leiden hat.

Exit und Lufthansa haben schon mehrere Prozesse gegeneinander geführt, mit wechselndem Erfolg. Vor Jahren zogen sich die beiden Holländer, die zunächst in Deutschland gearbeitet hatten, hinter die Grenze zurück, weil sie die dauernden Auseinandersetzungen leid waren. Bei der Lufthansa füllen die Unterlagen über die Geschäfte von Exit inzwischen schon einen ganzen Stahlschrank.

Zu bremsen allerdings waren die Brüder bislang nicht. Verschärfte Kontrollen haben die Billigflieger kaum abgeschreckt. Und wenn die Fluggesellschaften den Reisebüros, die den Holländern Tickets besorgten, keine Flugscheine mehr ausstellen ließen, dann fand die Firma Exit neue Lieferanten.

Inzwischen bieten die Brüder de Vries ihren Kunden, die öfter ins Ausland fliegen, eine neue Leistung, das sogenannte Ticket-Splitting. Dabei spart der Flugreisende zwar nicht so viel wie mit den Auslandstickets. Aber das Geschäft ist völlig legal.

Der Kunde bekommt mehrere Flugscheine. Der eine gilt für einen einfachen Hinflug ins Ausland. Damit kommt der Reisende ohne Schwierigkeiten durch die deutschen Kontrollen. Für alle weiteren Flüge benutzt er dann ein Discount-Ticket aus einem Land mit niedrigen Tarifen. Da die Flugscheine ein Jahr gültig sind, können die verschiedenen Strecken auch noch nach mehreren Monaten abgeflogen werden.

Für Exit bringt das Ticket-Splitting allerdings eine große Gefahr: Die Methode ist so einfach, daß pfiffige Geschäftsleute auf den naheliegenden Gedanken kommen könnten, sich künftig ihre Flugscheine selbst im Ausland zu besorgen.

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