"Life Settlement" Wetten auf den Tod
New York - "Ich liebe die Gier", frohlockte der Regionalchef von Coventry First in einer interner E-Mail an Jim Dodaro, seinen Vize-Präsidenten. Zur Debatte standen 40.000 Dollar - die Differenz zwischen zwei Geboten für eine Investition, die dem Gewinner eines Tages über Nacht garantiert eine Million Dollar einbringen würde: Coventry kauft private Lebensversicherungspolicen auf und reicht sie gewinnbringend an institutionelle Investoren weiter, darunter Großbanken, Hedgefonds und sogar Wall-Street-Häuser. Die wiederum machen Kasse, wenn der ursprünglich Versicherte stirbt - ein eigentlich ganz legales, doch makabres Geschäft, dessen Interna der Öffentlichkeit kaum bekannt sind.
Das dürfte sich ändern: Die E-Mail findet sich jetzt nämlich, neben Hunderten anderen Dokumenten, als Anlage zu einer Anklage des New Yorker Generalstaatsanwalts Eliot Spitzer gegen Coventry. Spitzer wirft der Firma Millionenbetrug, Bestechung, Preisabsprache, Bereicherung, Wettbewerbsverstoß und Verstoß gegen die Treuepflicht vor: Coventry habe eiskalt "mit Sterbegeld Profit gemacht".
Die 33-seitige Klageschrift wirft erstmals ein Schlaglicht auf eine Schattenindustrie, von der sich etablierte Versicherungskonzerne gerne naserümpfend distanzieren, von der sie letztendlich aber auch selbst profitieren. Begonnen hatte der Handel mit Policen in den USA zu Zeiten der Aids-Krise, als viele Kranke ihre Versicherungen an Dritte verkauften, welche die Beiträge weiterzahlten und beim Tod der Infizierten dann das Sterbegeld einstrichen. Es war eine zynische Wette gegen das Virus: Je früher der Tod eintrat, desto mehr gewann der "Investor" letztendlich.
"Willkommen in Cashville!"
In den neunziger Jahren, als der HI-Virus nicht mehr notwendigerweise den unmittelbaren Tod bedeutete, breitete sich dieser "Sekundärmarkt" für Lebensversicherungen dann auf andere Krankheiten und auf die Versicherungen von Senioren aus. Heute ist die "Life Settlement"-Industrie, wie sie sich nennt, nach Angaben der Research-Firma Bernstein ein 13-Milliarden-Dollar-Geschäft und hat ihre "hässliche Geschichte" hinter sich gelassen. Zu den institutionellen Investoren, die ihre Portfolios mit den Policen Sterbender bereichern, gehören Citigroup, Merrill Lynch, der größte US-Versicherungskonzern AIG, Warren Buffets Investmentfirma Berkshire Hathaway und diverse Aktienfonds.
Bernstein prognostiziert einen explosiven Anstieg dieser Todes-Deals - auf "160 Milliarden Dollar über die nächsten paar Jahre". Nicht umsonst wirbt die Life-Settlement-Firma East Coast Settlement mit dem Slogan: "Willkommen in Cashville!"
Coventry ist der Marktführer. 2005 kaufte das Unternehmen 1318 Policen im Wert von 3,6 Milliarden Dollar, unter anderem im Auftrag von Citigroup, AIG und dem Hedgefonds Ritchie Capital. Die Website des Unternehmens schwankt im Ton zwischen Bank und Bestattungsunternehmen. "Größere finanzielle Flexibilität", lockt es da. "Bessere Portfolios. Ein anderer Blick für das, was eine Lebensversicherung tun kann".
Glaubt man aber Spitzers Klage, dann hat Coventry die Hilfe suchenden Versicherten - Alte, Kranke, Menschen in Finanznot - gnadenlos abgezockt. Das Unternehmen habe die Policen mit illegalen Methoden zum Ramschpreis aufgekauft, so sein Vorwurf.
"Mit ein bisschen Cash bewerfen"
Eigentlich müssen die Verträge über ein Auktionsverfahren verkauft werden: Der höchste Bieter bekommt den Zuschlag, im Sinne des Versicherten. Doch Coventry habe höhere Gegengebote verschwiegen oder unterdrückt, etwa durch Schmiergelder und Drohungen. "Je weniger der Verkäufer bekommt", erklärt Spitzer, "umso mehr behält der Broker." "Das Auktionssystem existiert einzig aus ästhetischen Gründen", schrieb Coventry-Vizepräsident Dodaro in einer E-Mail an seine Mitarbeiter.
In einem Fall, so Spitzer, habe Coventry einem 79-jährigen Witwer aus Hawaii seine Police - die im Todesfall 400.000 Dollar wert sind - für 102.000 Dollar abgekauft. Was der Witwer nicht gewusst habe: Es habe ein höheres Gebot gegeben. Coventry habe der anderen Firma jedoch 12.000 Dollar zugesteckt.
Die 4,9-Millionen-Dollar- Versicherung einer 80-jährigen Frau aus New York habe Coventry für 705.000 Dollar übernommen. Die Firma AllSettled habe ihre eigenes, weitaus höheres Gebot zurückgezogen, nachdem Coventry ihr 49.000 Dollar "Gebühr" gezahlt habe.
Seit Aufnahme der Ermittlungen 2005 hat Spitzer nach eigenen Angaben "buchstäblich Hunderte" solcher Fälle zusammengetragen. Auch habe Coventry, so nötig, "Akten gefälscht". Spitzer fordert Schadensersatz und Wiedergutmachung in unbestimmter Höhe.
Doch unabhängig davon, ob die Vorwürfe bewiesen werden können oder nicht: In den 251 Seiten Anlagen zur Anklage - bestehend aus E-Mails, Dokumenten, und Verträgen - zeigt sich, wie dreist und pietätlos die Policen-Händler mit der tragischen Natur ihres Business umgehen. So bestand ein Coventry-Mitarbeiter bei einem Versicherten auf einen Nachweis, "dass sie derzeit Raucher sind und wie viele Zigaretten sie am Tag rauchen" - offenbar, um die Lebenserwartung besser einschätzen zu können. Ein anderer riet einem Kollegen, die Konkurrenz am besten "mit ein bisschen Cash zu bewerfen", um sie zum Schweigen zu bringen. In diesem Fall waren es 12.000 Dollar.
Die Lebensversicherungen selbst beobachten die Industrie ohnehin mit gemischten Gefühlen. Industrie-Insider fürchten nach einer Umfrage von Bernstein, dass ihnen der unregulierte Handel mit ihren Policen "die Profitabilitätsmodelle" kaputt machen und zu "niedrigeren Umsätzen" führen könnte. Bernstein sieht aber auf lange Sicht für die ganze Industrie "günstige Folgen" - eine Erkenntnis, aus der heraus ja auch AIG inzwischen selbst in diese Deals investiert.
Larry Simons, der CEO vom Coventry-Konkurrenten Life Settlement Solutions, lobt Lebensversicherungen deshalb offen als hervorragende "alternative Anlage" zu normalen Aktien. Ihm zufolge haben mittlerweile auch 15 "deutsche Beteiligungskapitalgeber" insgesamt rund 1,5 Milliarden Dollar in den Policen-Markt investiert. Selbst die amerikanische Rating-Agentur A.M. Best empfiehlt das längst - so lange "ein Leben" nicht mehr als 3,33 Prozent des Portfoliowerts betrage. Damit nicht plötzlich ein medizinisches Wundermittel alle Renditeprognosen durcheinander werfe.