Mittelstand Lohn als Leihgabe
Auf Reden und Versammlungen wettert Hans-Joachim Gottschol gern gegen Unternehmerkollegen, die sich nicht an Tarifvereinbarungen halten. Wer auf eigene Faust mit den Arbeitnehmern Ausnahmeregelungen aushandelt, macht sich beim Präsidenten des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall unbeliebt.
»Es ist eine Grauzone entstanden«, klagte der Arbeitgeberführer erst kürzlich auf einer Veranstaltung in Münster, »und ich muß sagen, ich finde das nicht gut.«
Doch in der Praxis hält auch er von den Tarifverträgen, die er ausgehandelt und unterschrieben hat, offenbar nicht allzuviel. In seinen ostdeutschen Betrieben in Rackwitz und Merseburg, so der Vorwurf der Gewerkschaft, setzt er sich über mühsam erzielte Tarifkompromisse hinweg.
Zwei Jahre will Gottschol, im Hauptberuf Chef und Inhaber einer Aluminiumfirma im nordrhein-westfälischen Ennepetal, seinen Ostarbeitern das Weihnachtsgeld und die Hälfte des Urlaubsgelds vorenthalten. Anders, argumentiert der Millionär, könne er die Investitionen in Rackwitz und Merseburg nicht finanzieren.
Der Sauerländer, der bundesweit mit 1150 Beschäftigten rund 700 Millionen Mark umsetzt, will das Geld erst auszahlen, wenn die Werke Gewinne erwirtschaften. Niemand weiß, wann das soweit ist. »Wenn es länger dauert«, meint Gottschol, »verlängern wir eben die geplante Ausnahmeregelung.«
In den gültigen Manteltarifverträgen für die Metallindustrie in Sachsen und Sachsen-Anhalt, die Gottschol mit zu verantworten hat, ist die geplante Lohnkürzung so nicht vorgesehen. Den Firmenchef scheint es nicht zu stören: »Meine Mitarbeiter sollen mir den Betrag doch nur stunden«, wirbt er um Verständnis.
Seine Angestellten sind auf die Extrazahlung dringend angewiesen, sagen sie. Deshalb weigerten sich die meisten bislang, eine schriftliche Erklärung zu unterschreiben, in der sie dem Vorschlag zustimmen sollten. Nun will Gottschol, statt mit jedem Mitarbeiter einzeln, mit der örtlichen IG Metall eine Sonderregelung vereinbaren.
Der laxe Umgang mit Vorschriften des Tarifvertrages ist nicht ganz untypisch für den eigenwilligen Mittelständler. In seinen westdeutschen Niederlassungen verstößt der Gesamtmetall-Chef nach Ansicht der Gewerkschaft bereits seit Jahren gegen Bestimmungen des Tarifvertrages. Gemerkt haben das bislang offenbar nur einige wenige Führungskräfte. Und die halten dicht.
In Berlin und Ennepetal, wo überwiegend Aluminiumlegierungen produziert werden, arbeiten die Beschäftigten bis auf wenige Ausnahmen noch immer 40 Stunden pro Woche. Dabei gilt in der Metallindustrie seit dem 1. April 1993 die 36-Stunden-Woche, vom 1. Oktober dieses Jahres an sogar die 35-Stunden-Woche.
Laut einer Ausnahmeregelung aus dem Jahr 1990, an der Gottschol als Verhandlungsführer mitgewirkt hat, dürfen in der Metallindustrie nur maximal 18 Prozent der Beschäftigten eines Betriebes 40 Stunden lang schaffen. Doch den Arbeitgeberpräsidenten schert das wenig. Er läßt gut 90 Prozent seiner Leute länger schuften.
Den Verstoß rechtfertigt Gottschol mit einem Paragraphen im Tarifvertragsgesetz. Danach dürfen Unternehmen mit ihren Beschäftigten abweichende Regelungen treffen, wenn der Arbeitnehmer dadurch bessergestellt wird. Das ist nach Ansicht von Gottschol der Fall, weil seine Mitarbeiter für ihren längeren Arbeitseinsatz mehr verdienen.
Die Gewerkschaft freilich läßt Gottschols Interpretation nicht gelten. Die Beschäftigten in Ennepetal und in Berlin, so ihr Argument, arbeiten länger und verlieren attraktive Zuschläge, die sonst ab der 36. Stunde fällig wären. Von Besserstellung könne also keine Rede sein.
Gegenüber der Konkurrenz allerdings verschafft sich Gottschol gleich einen doppelten Vorteil. Er muß weniger Personal einstellen als die anderen Firmen, und er spart die teuren Zuschläge für Überstunden.
Gottschols Kommentar: »Wer die auf Dauer zahlt, ist doch ganz schön dumm.« Y