WIRTSCHAFTSPOLITIK Lohn der Angst
Die Schlacht zwischen Porsche und dem VW-Konzern brachte einen Verlierer, den entlassenen Porsche-Boss Wendelin Wiedeking, und einen Gewinner, den VW-Patriarchen Ferdinand Piëch hervor. Aber auch ein Gewerkschafter, der im Hintergrund agierte, will zu den Siegern zählen: IG-Metall-Chef Berthold Huber.
Während die Kontrahenten sich öffentlich bekämpften, bereitete Huber still und heimlich seinen Coup vor: Die Belegschaft des vereinten VW-Porsche-Konzerns, mehr als 380 000 Mitarbeiter, soll an Europas größtem Autokonzern beteiligt werden. Neben den Familien Porsche und Piëch, dem Land Niedersachsen und dem Emirat Katar soll die Belegschaft »einen nennenswerten Anteil halten«. Zehn Prozent strebt Huber an. Profitieren würden die Mitarbeiter aller Konzernmarken: von Audi bis Skoda.
Noch ist vieles offen. Vor allem: Woher sollen die Anteile kommen? Warum sollten die übrigen Aktionäre auf einen Teil ihrer Aktien zugunsten der Belegschaft verzichten? Vorstellbar wäre dies allenfalls beim Milliardär Piëch. Oder soll die Belegschaft als Gegenleistung länger arbeiten für den gleichen Lohn?
Zehn Prozent VW-Anteil für die Belegschaft sind wohl unrealistisch, gestehen Gewerkschafter ein. Zwei oder drei Prozent aber seien durchaus möglich. Auf jeden Fall signalisiert der Vorstoß, dass die wichtigste deutsche Gewerkschaft in einer Kernfrage der Marktwirtschaft umdenkt.
Bislang hielt die Mehrheit der Metaller Kapitalbeteiligungen für eine List des Klassenfeinds, um das proletarische Bewusstsein zu schwächen. Doch seit mancher Firmeneigentümer in der Finanzkrise bei Staat und Gewerkschaften um Hilfe betteln muss, hat die IG Metall das Thema für ihre Zwecke entdeckt, nicht nur bei VW.
Von Maria-Elisabeth Schaeffler hat Gewerkschafter Huber bereits eine Zusage. Die Gewerkschaft unterstützte den angeschlagenen Autozulieferer beim Ringen um Staatsgelder. Im Gegenzug versprach die Milliardärin unter anderem, ihre Arbeitnehmer am Unternehmen zu beteiligen. So könnten sie »am späteren Aufschwung Anteil haben«.
Bei Daimler erwägt der Betriebsrat, Bonuszahlungen für die Mitarbeiter im Wert von insgesamt 280 Millionen Euro in Daimler-Aktien umzuwandeln. Die Mitarbeiter von Opel wollen gleich zehn Prozent des gesamten Konzerns übernehmen - als Gegenleistung für Lohnverzicht.
Die Fälle haben Pilotcharakter. »Mir geht es nicht um ideologische Tabus, sondern darum, die Krise zu bewältigen«, sagt Huber. Um Arbeitsplätze zu sichern, fordern immer mehr Firmen von ihren Beschäftigten Lohnverzicht. Bisher versprachen die Unternehmen im Gegenzug mehr Investitionen oder garantierten Arbeitsplätze. Jetzt will die IG Metall in ausgewählten Fällen auch Kapitalanteile als Preis akzeptieren, quasi als Lohn der Angst.
Die Beiträge der Beschäftigten »sollen keine 'verlorenen Zuschüsse' sein, sondern in Belegschaftseigenkapital umgewandelt werden«, heißt es in einem internen Vermerk für den IG-Metall-Vorstand. Dies könne ein Ansatz sein, um »grundsätzlich mehr Einfluss zu gewinnen«. Denn aus der Rolle der Arbeitnehmer »als Investoren« würden auch »Rechte am Haben und Sagen erwachsen«.
Die Linie der IG Metall trifft auf Zustimmung im gesamten DGB. Es sei »ein interessanter Ansatz, gestundetes Geld über Kapitalbeteiligungen an die Mitarbeiter zurückfließen zu lassen«, sagt Hubertus Schmoldt, Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie. DGB-Vorstand Dietmar Hexel ist überzeugt: »Ohne Arbeitnehmerkapital und deren Know-how werden viele Unternehmen die Krise nicht überleben.«
Die Gewerkschaft Ver.di hat bereits vor einigen Jahren einen Zukunftssicherungs-Tarifvertrag für Krankenhäuser abgeschlossen. Wenn Kliniken in Finanznot geraten, können sie den Lohn bis zu zehn Prozent drücken - und ihren Beschäftigten im Gegenzug Firmenanteile gewähren.
»Eigentum für jeden« war einst der Slogan des CDU-Wirtschaftsministers Ludwig Erhard. Jetzt macht sich sogar die Linkspartei den Schlachtruf zu eigen. Statt Verstaatlichung fordert die Partei Oskar Lafontaines die Beteiligung: »Wir wollen die Belegschaft beteiligen. Die Mitarbeitergesellschaft ist das Unternehmen der Zukunft.«
Bislang sind nur wenige Firmen der Losung Erhards gefolgt. Rund zehn Prozent der Unternehmen beteiligen ihre Beschäftigten am Gewinn, nur knapp zwei Prozent am Kapital.
Dass es nicht mehr wurden, lag nicht zuletzt an Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften. Die Arbeitnehmervertreter betrachteten Kapitalbeteiligungen als unerwünschte Einmischung in die Tarifpolitik, nach dem Motto: Wer Anteile besitzt, hält nichts vom Streik. Zudem fürchteten sie das doppelte Risiko für die Beschäftigten: Geht der Betrieb pleite, ist neben dem Job auch das Ersparte weg.
Viele Firmen wiederum sträubten sich, weil ihnen schon die heutigen Mitspracherechte zu weit gehen. Die Vorstellung, dass die Mitarbeiter künftig auch noch als Eigentümer mitreden können, betrachten viele als Sozialismus mit anderen Mitteln.
Im April trat ein Gesetz der Großen Koalition in Kraft, das erstmals die Mitarbeiterkapitalbeteiligung explizit steuerlich fördert. Künftig bleiben bis zu 360 Euro statt bisher 135 Euro pro Jahr und Mitarbeiter steuer- und sozialversicherungsfrei, wenn ein Unternehmen seine Beschäftigten am Kapital der Firma beteiligt. Doch das Förderkonzept atmete noch den Geist des Aufschwungs. Begünstigt werden Beteiligungen, die »zusätzlich zum ohnehin geschuldeten Arbeitslohn« gewährt werden.
In der aktuellen Rezession aber seien »die Verteilungskämpfe der Wachstums-Ära vorbei«, so Opel-Betriebsratschef Klaus Franz. »Jetzt geht es darum, Schmerzen zu verteilen.« Seit Jahren verzichteten die Opel-Beschäftigten in immer neuen Sanierungsrunden auf Lohnbestandteile, im Gegenzug erhielten sie Investitionszusagen und Beschäftigungsgarantien. Nun steht Opel erneut am Abgrund, wieder kämpft Franz um das Überleben der Firma. »Jetzt wollen wir eine Zusage auf mögliche Gewinnansprüche in der Zukunft.«
Die Mitarbeiter sind bereit, auf Gehaltsansprüche im Wert von rund 1,2 Milliarden Euro zu verzichten. Im Gegenzug sollen sie einen Anteil von zehn Prozent am künftigen Unternehmen Opel erhalten. Eine Aktiengesellschaft soll die Anteile für die Mitarbeiter treuhänderisch halten, als Aktionäre fungieren die Betriebsratsbosse der deutschen Opel-Standorte.
Einfach umzusetzen ist die neue Strategie nicht. Bis zu 25 000 Arbeitnehmer müssen sich bei Opel auf ein gemeinsames Konzept einigen. Aber wie freiwillig ist die Teilnahme? Nach welchem Schlüssel sollen die Anteile verteilt und mögliche Gewinne ausgeschüttet werden? Wie frei kann der Einzelne über seine Anteile verfügen, und wie wird sichergestellt, dass das Geld der Mitarbeiter nicht einfach verbrannt wird? Auf zusätzliche Mitbestimmungs- und Stimmrechte im Unternehmen als großer Anleger hat der Betriebsrat schon verzichtet.
IG-Metall-Chef Huber treibt noch eine andere Frage um: Wie lässt sich verhindern, dass aus den Mitarbeitern nicht nur Miteigentümer, sondern auch noch Spekulanten werden? Wenn die Arbeitnehmer schon zu Kapitalisten werden, dann sollen sie sich auch als stabiler und verantwortungsvoller Investor erweisen. »Die Versuchung ist groß, bei einer Verdoppelung des Aktienwerts die eigenen Anteile zu verkaufen«, sagt Huber und verweist auf das Beispiel Siemens.
Auf der Hauptversammlung des Konzerns im Jahr 2006 machte der damalige Vorstandschef Klaus Kleinfeld eine Rechnung auf: Hätten alle Beschäftigten die Anteilsscheine gehalten, die sie im Rahmen des Mitarbeiteraktienprogramms seit 1969 erworben hatten, besäße die Belegschaft 20 Prozent am Kapital des Weltkonzerns. Tatsächlich liegt der Anteil weit niedriger.
Dass viele Firmen davor zurückschreckten, ihre Beschäftigten zu Miteigentümern zu machen, hatte nicht nur ideologische Gründe. Kapitalbeteiligungen haben in vielen Fällen steuerliche Nachteile, für Betriebe wie Beschäftigte. So prüft Daimler noch, wie verhindert werden kann, dass neue Aktien bei den Mitarbeitern als Einkommen versteuert würden.
Zugleich haben Beteiligungsmodelle einen Vorzug, der in der Finanzkrise doppelt zählt: Sie verschaffen dem Unternehmen Liquidität. Verzichteten Mitarbeiter auf Leistungen, wurde ihnen bislang meist versprochen: Wenn es der Firma wieder besser geht, wird der Verzicht ausgeglichen.
Doch für solche verbindlichen Zusagen müssen Rückstellungen gebildet werden, die den Gewinn schmälern. Wird das Geld dagegen als Beteiligung im Unternehmen geparkt, steigert es das Eigenkapital. Der Betrieb hat es leichter, Kredite von den Banken zu bekommen.
So erlebte es auch Eduard Appelhans, Chef des Familienunternehmens Sorpetaler Fensterbau im sauerländischen Sundern. Als er vor 20 Jahren die Mitarbeiterbeteiligung einführte, lag das Eigenkapital nahe null. Heute liegt die Quote bei 20 Prozent, die etwa 60 Mitarbeiter halten mit 1,2 Millionen Euro über 75 Prozent der Anteile. In den vergangenen 20 Jahren hat Appelhans über zwei Millionen Euro Dividenden an seine Mitarbeiter ausgezahlt.
»Im Bau ist immer Krise, aber wir haben sie dank der Mitarbeiterbeteiligung überstanden«, sagt Appelhans. Die hohe Eigenkapitalquote erhöht die Kreditwürdigkeit. Bei einer Bilanzsumme von rund sechs Millionen Euro hat er gerade neue Maschinen für 1,5 Millionen Euro angeschafft. Appelhans: »Mit unserem Modell werden wir auch die Finanzkrise überstehen.« MARKUS DETTMER