KRANKENKOSTEN Lohn der Wende
Blüm, es geht wieder los«, warnte Franz Josef Oldiges, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Ortskrankenkassen, den Bonner Arbeitsminister im Herbst vorigen Jahres.
Nach einer Phase der Zurückhaltung, so Oldiges, langten Ärzte und Pharma-Industrie, Krankenhäuser und Zahntechniker wieder zu. Die Kostendämpfung im Gesundheitswesen, von der sozialliberalen Koalition mit Erfolg betrieben, wirke nicht mehr.
Nun, ein Dreivierteljahr danach, zeigt sich, wie recht Oldiges mit seiner Prognose hatte.
Vorige Woche rief Blüms Parlamentarischer Staatssekretär Stefan Höpfinger die Vertreter von Kassen und Ärzten zu einer Krisensitzung ins Bonner Arbeitsministerium. Dort rechnete der Blüm-Gehilfe vor, daß die Krankenversicherung 1984 voraussichtlich fünf Milliarden Mark mehr ausgeben werde, als sie von den Versicherten kassiert. Schon in diesem Jahr müssen einige Betriebskrankenkassen ihre Beiträge anheben.
»Im nächsten Jahr«, sagt Oldiges voraus, »kriegen wir es dann ganz dick.«
Mit zunehmendem Tempo entwickeln sich wieder einmal Einnahmen und Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung auseinander. Im 1. Quartal dieses Jahres lagen ihre Aufwendungen für Zahnersatz und Arzneien, für ärztliche Behandlung und Krankenhaus um 6,8 Prozent höher als im Vorjahr. Von April bis Juni stiegen sie bereits um fast 10 Prozent.
Gleichzeitig nahmen die Bruttolöhne, an denen sich die Beiträge für die Krankenversicherung orientieren, nur um rund drei Prozent zu. Die Folge: Der durchschnittliche Beitragssatz, der bei rund 11,5 Prozent des Bruttolohnes liegt, reicht bald nicht mehr aus.
Gemeinsam versuchten die Vertreter von Kassen und Ärzten in Blüms Runde die Ursachen des neuen Kostenschubs zu ergründen. Das Ergebnis erleichtert die Therapie nicht. Deutschlands Ärzte sind offenbar nicht mehr bereit, sich Zurückhaltung aufzuerlegen. Sie fordern jetzt den Lohn der Wende.
Mit ähnlichen Methoden wie in den goldenen Siebzigern, als die Ärzteeinkommen explodierten, sorgen die Mediziner für einen angemessenen Anteil am Sozialprodukt. So werden Patienten wieder häufiger als in den Jahren der Sparsamkeit zum Doktor bestellt. Die sogenannten Fallzahlen steigen, weil die Patienten von Fachkollege zu Fachkollege weitergereicht werden.
Der medizinische Nachwuchs, so klagten vorige Woche sogar die Ärztevertreter, lange besonders ungeniert in die Kassen der Kranken. Ihre Abrechnungen pro Patient lägen in den ersten fünf Praxisjahren 20 Prozent über dem Schnitt, im ersten Jahr sogar bis zu 100 Prozent. Der Nachwuchs sei nämlich meist mit teurem technischen Gerät ausgestattet und habe noch nicht das rechte Verschreibungsmaß gefunden.
Und junge Ärzte gibt es viele. Allein 1983 stieg die Zahl der niedergelassenen Ärzte um 2300. Für die nächsten Jahre sind ähnliche Zuwächse zu erwarten.
Die Vertreter der etablierten Ärzteschaft haben sich unterdes eine Methode ausgedacht, wie die Kosten begrenzt werden können, ohne daß ihre Klientel Schaden leidet: Der Gesetzgeber soll der Standesorganisation, so der Vorschlag der Ärzteschaft, das Recht einräumen, die Niederlassungsfreiheit in Regionen zu beschränken, in denen schon zu viele Mediziner wirken.
Dazu, so ließ Blüms Staatssekretär Höpfinger vorige Woche wissen, wäre der Arbeitsminister unter bestimmten Bedingungen bereit: Es müsse dann sichergestellt werden, daß die gesamte Honorarsumme für solche Sperrzonen eingefroren wird.
Außerdem, so wird überlegt, soll die Niederlassung durch einen anderen Trick erschwert werden. Statt wie gegenwärtig nur 18 Monate Vorbereitung nach dem Abgang von der Universität, könnte als Voraussetzung für eine eigene Praxis eine weitere Qualifizierung gefordert werden. Die Eingesessenen würden sich damit zumindest für ein paar Jahre die lästige junge Konkurrenz vom Halse halten.
Selbst wenn es zusätzlich noch gelingt, wie besprochen, die Kassenleistungen beim Zahnersatz weiter einzuschränken und die Honorare für technische Leistungen herabzustufen - die neue Kostenwelle wird sich so allein kaum bremsen lassen.
Hilfe erhofft sich Blüm von einem Spitzentreffen. Am Dienstag dieser Woche will er mit dem DGB-Chef Ernst Breit, dem Vorsitzenden der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft, Hermann Brandt, und Arbeitgeberpräsident Otto Esser eine neue Strategie besprechen.
Blüms Plan: Für die einzelnen Ausgabenblöcke im Gesundheitsbereich - Ärzte und Zahnärzte, Zahnersatz, Arzneien, Heil- und Hilfsmittel, stationäre Behandlung - soll eine mittelfristige Finanzplanung mit festen Steigerungsraten aufgestellt werden. So könnte nicht nur der Gesamtaufwand (derzeit 100 Milliarden Mark) in den Grenzen der Lohnsteigerungen gehalten werden. Es wäre auch eher möglich, Ausreißer - wie etwa den Zahnersatz oder den Aufwand für Arzneimittel - einzufangen.
Doch selbst wenn Blüm die Tarifpartner überzeugen kann - die starke Ärztelobby bei Christdemokraten und Liberalen wird ein solches Vorhaben schon zu verhindern wissen.
Ein Beispiel ihrer Stärke haben die Interessenvertreter jüngst geliefert. Durch ein Gesetz wollte der Bundesrat den Einsatz von Großgeräten in privaten Arztpraxen reglementieren. Unnötige Technisierung vermehrt nicht die Gesundheit, so die Überlegung, sondern nur die Kosten und die Einkommen von Ärzten.
Das Gesetz, mit CDU-Stimmen im Bundesrat gebilligt, schmort seit Monaten im Bundestag. Die Bonner Koalition, so die Abrede, will sich mit derart ärztefeindlichen Aktivitäten nicht belasten.
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FIEBRIGE KURVE Ausgaben der Allgemeinen Ortskrankenkassen; Veränderung jeweils gegenüber dem Vorjahr in Prozent
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