KRIMINALITÄT Lous Luftnummer
Anfang Februar meldete sich Louis J. Pearlman noch einmal per E-Mail aus Berlin, es war das letzte Lebenszeichen vor seiner Verhaftung. Die Nachricht war an eine Zeitung in seiner Heimat Orlando in Florida gerichtet und bestand aus salbungsvollen Zeilen. Er arbeite mit seinem »executive team« daran, alle Probleme zu lösen, schrieb der 53-Jährige. Gerade sei er allerdings mal wieder in Deutschland, seine Jungs hätten soeben bei einer Gala einen Preis verliehen bekommen.
Seine »Jungs«, das sind die fünf Mitglieder der Boygroup US5. Und bei der Gala handelte es sich um die Verleihung der »Goldenen Kamera« in der Ullstein-Halle der Axel-Springer-Zentrale, eine der schillernden Auszeichnungen im Showbusiness, moderiert von Thomas Gottschalk.
Tatsächlich hatte Lou Pearlman an jenem Abend noch einmal einen Auftritt, wie er ihn liebte - und wie er ihn als Macher von Teenie-Idolen gewohnt war. Er hat die legendären Backstreet Boys erfunden und 'N Sync, nun schritt er im eigens angelieferten Smoking zusammen mit den Musikern von US5 im Blitzlichtgewitter über den roten Teppich. Als die US5-Sänger ihm vor versammeltem Publikum von der Bühne dankten, schien er gerührt.
Der nächste öffentliche Auftritt des Musikmoguls und Multitalents, der ein Cousin von Art Garfunkel ist, wird wohl ähnlich spektakulär, aber weit weniger glamourös ausfallen. Seit Mitte Juni sitzt Pearlman in Untersuchungshaft, die Staatsanwälte in Florida haben Anklage erhoben - vorerst wegen Kreditbetrugs gegenüber Banken.
Der umtriebige Manager, dessen weitläufiges Firmenkonglomerat so unterschiedliche Unternehmungen wie die Männerstripgruppe Chippendales und eine Pizzakette umfasste, steht seither im Mittelpunkt eines der spektakulärsten Wirtschaftskrimis der vergangenen Jahre - in dem es um beinahe eine halbe Milliarde Dollar und eine dubiose Flugzeugflotte geht und in dem Deutschland offenbar eine Schlüsselrolle spielt.
Die Finanzbehörden des Staates Florida werfen Pearlman zudem vor, seit mindestens 15 Jahren über diverse Gesellschaften und Vertriebsagenten Anteile an einem Anlageprogramm namens Employee Investment Savings Account verkauft zu haben - unter Vorspiegelung falscher Tatsachen. Damit nahm der Manager rund 317 Millionen Dollar ein, rund 1400 Anleger, meist Rentner aus Florida, gaben ihm ihr Geld - einige fast alles, was sie hatten.
Neben guten Renditen versprach Pearlman, die Mittel würden in seine Charterfluglinie namens Trans Continental Airlines und andere US-Unternehmen gesteckt. Abgesichert seien die Einlagen unter anderem durch Lloyd's of London. Die zunehmenden Zweifel seiner Partner versuchte er laut FBI mit einem Kontoauszug einer German Invest und Finanzberatungs GmbH, kurz German Savings, über Einlagen in Höhe von knapp 39,5 Millionen Dollar zu zerstreuen.
Tatsächlich profitierte von Pearlmans Sparplan wohl vor allem einer - er selbst. Rund 118 Millionen Dollar, so geht aus den US-Unterlagen hervor, schüttete er zwar an seine ersten Investoren aus, um sie am Ball zu halten und neue Anleger zu gewinnen. Besonders ausgiebig aber bediente er sich offenkundig persönlich: An die Louis J. Pearlman Enterprises Inc. flossen nach Stand der US-Ermittlungen allein 34 Millionen Dollar, weitere 4,2 Millionen gingen direkt auf Pearlmans Konten.
Am Ende gab es nichts mehr: keine Anlagen, keine Auszahlungen - und keinen Pearlman. Direkt nach dem Auftritt bei der »Goldenen Kamera« im Februar verschwand »Big Poppa«, wie sich der Produzent von seinem Musikernachwuchs gern nennen ließ, spurlos.
Gut vier Monate, bis Juni, konnte der kleine, kugelrunde Mann mit der randlosen Brille, der in der Musikbranche auch als »Fat Louie« bekannt ist, untertauchen - obwohl ihn mittlerweile nicht nur Agenten des FBI jagten, sondern auch die US-Steuerbehörde, Staatsanwälte und Gläubiger. Über das Pearlman-Firmenreich waren da längst die Insolvenzverfahren eröffnet.
Den entscheidenden Hinweis erhielten die Ermittler von einem deutschen Computerexperten namens Thorsten Iborg, der mit seiner Frau in einem Fünf-Sterne-Hotel in Nusa Dua auf der indonesischen Insel Bali urlaubte. Iborg hatte einen TV-Bericht über die Backstreet Boys gesehen, jene Gruppe, mit der Pearlman seinen internationalen Durchbruch als Boygroup-Entwickler feierte. Sah das Schwergewicht am Strand von Bali nicht aus wie der Mann auf der Mattscheibe?
Iborg freute sich zuerst, einen Promi gesichtet zu haben, stutzte aber, als er im Internet auf US-Zeitungsberichte über den Multi-Millionen-Skandal stieß. Via E-Mail informierte er US-Reporter und das FBI. Auf Bitten des zuständigen Special Agent schoss er sogar ein Foto des einsam am Bartresen speisenden Amerikaners.
Und so fand die Flucht von Fat Louie am 14. Juni ein jähes Ende. Nach einer Zwischenstation auf Guam wurde Pearlman ins Orange County Jail nach Florida verlegt, im blauen Gefangenendress und in Ketten. Dort wartet er seither auf seinen Prozess, in dem es auch um Deutschland gehen wird.
Die Bundesrepublik spielte in den verschiedenen Welten des Lou Pearlman in jeder Hinsicht eine ganz besondere Rolle.
Hier kaufte er einst sein erstes richtiges Luftschiff, bei Theodor Wüllenkemper, einem Pionier der Luftfahrtbranche in Mülheim; hier feierte er mit den Backstreet Boys und 'N Sync seine größten Triumphe - und hier hielt er sich gern auf. Mit seinen Bands reiste er zu Konzerten wie »The Dome« nach Riesa oder Oberhausen. Wohl auch deshalb beschloss Pearlman, seine neueste Jungs-Combo US5 gleich aus Deutschland heraus zu starten und zu promoten - mit der von ihm koproduzierten Realityshow »Big in America« auf RTL II.
Offenbar warb er auch gegenüber seinen Anlagekunden mit den Kontakten nach Germany. Seinen alten Vertrauten Wüllenkemper gab er fälschlich als Hauptgesellschafter der Trans Continental Airlines aus - der mittlerweile 82-Jährige war baff, als er erfuhr, er sei Herr über eine angebliche Flotte von bis zu 40 Flugzeugen. »Wir sind befreundet, aber mit diesen Geschäften habe ich nichts zu tun«, sagt Wüllenkemper.
Seine vermeintlichen Geschäftsergebnisse ließ Pearlman von einer Firma namens Cohen & Siegel prüfen, die nach unterschiedlichen Adressen in Florida laut US-Akten plötzlich im nordrhein-westfälischen Kevelaer ansässig sein sollte - unter derselben Adresse am Gewerbering 5, Dachgeschoss links, unter der auch die German Savings eingetragen ist.
Ein Ortstermin in Kevelaer hätte die amerikanischen Anleger wahrscheinlich stutzig gemacht: Das Bürohaus im Industriegebiet, in dem früher auch ein Schlüsselnotdienst firmierte, steht heute weitgehend leer, bis auf eine Werbeagentur unter dem Dach. Dort ist die German Savings seit etwa zwei Jahren Untermieter - offenbar ohne größere Aktivitäten vor Ort zu entfalten. Vielleicht viermal, heißt es in der Agentur, habe jemand vorbeigeschaut.
Auch vorige Woche war niemand anzutreffen, telefonische Anfragen des SPIEGEL blieben unbeantwortet. Die Insolvenzverwalter prüfen derzeit, wer hinter den Firmen steckt, und vor allem: wo die 39,5 Millionen Dollar abgeblieben sind.
Als Geschäftsführer der German Savings ist ein 22-Jähriger aus Enschede eingetragen, der sich in der Werbeagentur einst als Student vorstellte und zu einem Termin mit dem US-Insolvenzverwalter einen Mitarbeiter vorschickte. In einem Schreiben an ein amerikanisches Gericht hat sich die Firma inzwischen von Pearlman distanziert, er sei an dem Unternehmen nicht beteiligt.
Mittlerweile haben sich die Hinweise freilich verdichtet, dass Deutschland Pearlman als Drehscheibe diente - von hier aus floss Geld in mindestens acht europäische Länder, von Frankreich bis Rumänien. Zudem
entdeckten die Fahnder Unterlagen über ein geplantes Immobiliengeschäft in Berlin.
Aus US-Akten geht hervor, dass Big Poppa Anwälte damit beauftragt hatte, eine Dreizimmerwohnung in der Prinzregentenstraße in Berlin-Wilmersdorf zu erwerben. Als Käufer trat Jay Khan auf, einer der US5-Sänger, der sonst für Schlagzeilen sorgt, weil er mit »Germany's Next Topmodel« Lena Gercke liiert ist - aus dem Kauf wurde indes nichts. Dem Verkäufer, einem Australier, kam es seltsam vor, dass Pearlman auf Barzahlung bestand.
Die Nachbeben des Zusammenbruchs von Pearlmans Finanzimperium sind nicht nur in den USA, sondern auch diesseits des Atlantiks zu spüren. Allein die Produktionsfirma MME Moviement, mit der der Musikmanager die RTL-II-Serie »Big in America« produzierte, blieb auf mehreren hunderttausend Euro sitzen.
Noch höher sind die Forderungen der Berliner Triple M Music GmbH, mit der Pearlman sein letztes großes musikalisches Projekt startete - US5. Schon bis zur Insolvenz liefen dort Forderungen von 681 037,31 Euro auf, wie Geschäftsführer Andreas Pohle bestätigt, inzwischen seien sie deutlich höher. So habe der US-Insolvenzverwalter etwa die bisherige Internet-Adresse US5.com beschlagnahmt und biete sie in den USA zum Verkauf an; zudem habe der Verwalter die Veranstalter der auf November verschobenen Konzerttournee von US5 mahnen lassen, den fälligen Anteil an der Auftrittsgage an ihn zu überweisen. Das alles blockiere »nicht nur das Unternehmen, sondern auch die Künstlergruppe US5 erheblich in ihrer normalen Geschäftstätigkeit«, klagt Pohle.
Zusätzlich belastend ist ein weiterer böser Verdacht, den das US-Magazin »Vanity Fair« beschrieb: dass der Boygroup-Macher nicht nur geschäftlich ein Faible für die männlichen Nachwuchstalente entwickelt haben soll.
So zieht die Pleite nun auch die von ihm mitgeschaffenen aktuellen »Bravo«-Titelhelden in Mitleidenschaft - nur dass Big Poppa diesmal nicht mehr helfen kann.
Während der Insolvenzverwalter versucht, Pearlmans palastartiges Millionen-Anwesen für rund sieben Millionen Dollar zu verkaufen, bereitet sich der Pleitier in seiner Zelle auf das Verfahren wegen Kreditbetrugs vor.
Es wird ein Prozess vor Geschworenen, wie im Hollywood-Film, vermutlich beginnt die Verhandlung im kommenden März. Spräche die Jury ihn in allen Anklagepunkten schuldig, könnte Pearlman eine jahrzehntelange Haftstrafe drohen. Sein Anwalt R. Fletcher Peacock sagt, der Mandant habe sich »nicht schuldig« bekannt, aber er sei nur dessen Pflichtverteidiger. Einen Staranwalt könne sich Pearlman nicht mehr leisten. JOHN GOETZ,
MARCEL ROSENBACH