Luftfahrt-Experten: Airbus lässt Boeing alt aussehen - DER SPIEGEL
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Luftfahrt-Experten Airbus lässt Boeing alt aussehen

Über der Flugzeugindustrie haben sich dunkle Gewitterwolken zusammengeballt. Doch während Boeing schwer unter Druck gerät, könnte der kleinere Konkurrent Airbus schadlos durch die Schlechtwetterfront fliegen, glauben Branchenkenner.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Toulouse/Chicago - Eine drastische Reduktion der Produktionsziele in den USA, nur eine kleine Korrektur in Europa: Boeing   und Airbus haben extrem unterschiedlich auf die Krise reagiert, die die zivile Luftfahrt nach den Terror-Anschlägen des 11. September erfasst hat.

Boeing-Chef Phil Condit kündigte am Donnerstag an, dass sein Konzern im Jahr 2002 wohl nur noch 350 bis 400 Zivil-Maschinen verkaufen werde. Damit hat sich das bisherige, ehrgeizige Verkaufsziel von 510 bis 520 Flugzeugen in Luft aufgelöst.

Die krisenbedingte Korrektur bei Airbus in Toulouse und Hamburg fällt dagegen viel bescheidener aus. Axel Arendt, Finanzvorstand der Airbus-Mutter EADS, glaubt weiterhin, dass die europäischen Flugzeugbauer 2002 um die 330 Maschinen ausliefern werden. Vor den Terror-Angriffen waren 350 angepeilt. Bisher hätten noch keine Fluglinien Bestellungen storniert, gab sich Arendt zuversichtlich - auch wenn diverse Airlines über den kurzfristigen Aufschub von Käufen verhandelten.

Schönfärberei bei Airbus?

Doch steigt nach den Boeing-Zahlen nicht der Druck auf Airbus, seine Prognosen noch einmal zu revidieren? Nein, meinen Analysten aus den Research-Abteilungen von Banken, die das Airbus-Mutterunternehmen EADS beobachten.

Für die Branchen-Beobachter von Goldman Sachs etwa bleibt EADS weiterhin ein "Market Outperformer". Die revidierte Lieferschätzung für 2002 halten sie für konservativ und einhaltbar. Auch Mathias Christmann, Luftfahrt-Experte bei Delbrück Asset Management, betont, dass Airbus auf einem "Berg von Bestellungen" sitzt und gut und relativ krisensicher im Markt positioniert bleibe.

Ein weiteres Argument, das für die Airbus-Produzenten spricht, ist aus Expertensicht dieses: Den wichtigsten Airbus-Käufern, den europäischen und asiatischen Airlines, gehe es trotz aller Krisenzeichen noch vergleichsweise gut. Deutlich besser jedenfalls als den auf Boeing abonnierten US-Fluglinien wie United. Immerhin ist sich selbst United-Chef James Goodwin angesichts immenser Schulden nicht mehr sicher, ob seine Jets auch im nächsten Jahr noch starten.

Boeing-Kunden leiden stärker

"Die traditionellen Kunden von Airbus werden von der Krise nicht so stark betroffen sein wie die US-Airlines", glaubt der EADS-Analyst Wolfgang Albrecht von der Landesbank Baden-Württemberg. Immerhin sei die Passagierzahl in den USA seit dem 11. September um wuchtige 30 Prozent gesunken, deutlich stärker als in Europa. Analysten-Kollege Christmann stimmt zu: "Bei den amerikanischen Fluglinien ist die Finanzlage viel dramatischer." Dass die Airbus-Modelle oft moderner und billiger seien und weniger Kerosin verbrauchen sei im übrigen vor dem 11. September ein Plus gewesen - und es bleibe auch nach den Terror-Attacken eines.

An eine Jahre lange Dauerkrise auf dem Markt für zivile Flugzeughersteller mögen die Analysten sowieso nicht glauben, vorerst jedenfalls nicht. Wenn die Luftfahrt-Branche in einem halben Jahr zur Tagesordnung zurückkehre, werde Airbus gegenüber dem größeren Konkurrenten Boeing noch einmal gestärkt dastehen, glaubt Christmann. Auch Albrecht ist sicher, "dass die langfristig rosigen Prognosen für den Aufschwung des Flugverkehrs in der Welt nicht Makulatur werden".

Einstellung auf Raten

Boeing wird derweil Modelle, deren Verkauf sich nicht mehr rentiert, auf den Flugzeugfriedhof verbannen. Die Produktion des massiv beworbenen Langstreckenjets 777-200LR etwa soll für 18 Monate unterbrochen werden - mindestens. So sieht eine Einstellung auf Raten aus.

Das Flugzeug mit 301 Sitzen sollte zwar bis zu 16.300 Kilometer fliegen und damit einen neuen Reichweitenrekord aufstellen, auch Stecken wie Atlanta - Kuala Lumpur ohne Zwischenstopp bewältigen können. Nur: Niemand wollte es kaufen. Gerade einmal drei Bestellungen gingen im Boeing-Hauptquartier in Chicago ein.

Ebenfalls erwischen wird es wohl den Hundertsitzer Boeing 717, den Mini in der Flugzeugfamilie. Eigentlich hatte der Boeing-Rivale McDonnell Douglas das Modell entwickelt - die Boeing-Entwickler benannte den Oldtimer nur um, als sie McDonnell 1997 schluckten.

Die 717 sei "dermaßen alt", dass ihn das Beinahe-Aus nicht verwundere, urteilt Christmann. Der wesentliche Grund für die Krise der kleinsten Boeing ist übrigens mangelnder Absatz. Und das wiederum erklärt sich durch die massiven Konkurrenz - durch den moderneren Klein-Airbus Airbus A318.