Luftfahrt in Russland: Unsichere Überflieger - DER SPIEGEL
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Luftfahrt in Russland Unsichere Überflieger

Die russische Luftfahrtindustrie boomt. Die staatliche Fluglinie Aeroflot wird von immer mehr Gesellschaften bedrängt - doch spektakuläre Unfälle gefährden das Geschäft. Moskau will das jetzt ändern.
Von André Ballin
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Moskau - Der Airbus hat gerade am Flughafen von Irkutsk in Sibirien aufgesetzt. Da kommt er plötzlich von der Rollbahn ab. Das Flugzeug durchschlägt eine Betonmauer, fängt Feuer - und brennt in einem benachbarten Garagenkomplex aus. 124 der 201 Passagiere sterben bei dem Unglück im Juni an Bord der Maschine der Fluggesellschaft Sibir. Technisches Versagen wird später als Ursache der Katastrophe angegeben.

Kaum zwei Monate später, im August, fällt eine TU-154 der Fluglinie Pulkovo über der Ukraine vom Himmel - mitten auf dem Weg vom Schwarzmeerkurort Anapa nach St. Petersburg. Alle 171 Passagiere sterben. Die Ursache ist noch offen: Weder Pilotenfehler noch Technikprobleme werden ausgeschlossen.

Zwei Unglücke, die in diesem Jahr das Image eines ganzen russischen Wirtschaftszweiges lädiert haben. Nach den beiden Abstürzen, die auch noch bei zwei der größten Fluglinien passierten, gerät die komplette Branche unter Druck.

Die Luftfahrtbranche des Landes ist inzwischen eine Großindustrie. 422 Fluggesellschaften sind auf dem Markt aktiv. Sie beförderten allein im vergangenen Jahr mehr als 35 Millionen Passagiere und 630.000 Tonnen Fracht. Die meisten Fluglinien allerdings haben vor allem eine regionale Bedeutung, sie befinden sich nach wie vor in Staatsbesitz.

Weniger Zoll auf moderne West-Flugzeuge

Das russische Verkehrsministerium hat auf die beiden Abstürze mit der Ankündigung reagiert, die Einfuhrzölle auf ausländische Flugzeuge zu senken. Durch die Zölle war der Kauf eines Airbus oder einer Boeing für Aeroflot und Co. im Schnitt etwa 40 Prozent teurer als zum Beispiel für die Lufthansa. Nun sollen russische Fluggesellschaften in die Lage versetzt werden, statt gebrauchter Flugzeuge moderne Passagierjets aus dem Westen zu leasen.

Die Ankündigung sollte die Unsicherheit unter Russlands Fluggästen lindern. Von dem Plan profitieren dürfte Marktführer Aeroflot: Das Staatsunternehmen hat 6,7 Millionen Fluggäste, zusammen mit Tochterfirmen sogar 8,1 Millionen, und überlegt seit längerem, seine Flotte auszubauen. Aeroflot will 22 Langstreckenflugzeuge - Boeing 787 oder Airbus A350.

Außerdem hat Aeroflot noch mehr große Pläne. Derzeit baut der Konzern Russlands zweitgrößten Flughafen Scheremetjewo aus. Der Heimatflughafen, bei dem Aeroflot als Mitbetreiber im Management sitzt, ist der Luftfahrtgesellschaft zu eng geworden. Ein neuer Terminal, Scheremetjewo-3, wird im kommenden Jahr fertiggestellt und soll zusätzliche acht Millionen Passagiere im Jahr abfertigen können. Die Baukosten werden auf eine halbe Milliarde Dollar geschätzt.

Bisher lief das Geschäftsjahr für die Branche gut

Diese Investitionen rentieren sich nur bei stabilem Wachstum der Passagierzahlen. Das Jahr 2006 lief bisher recht erfolgreich. Im ersten Halbjahr wuchs das Passagieraufkommen um acht bis neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Leiter der föderalen Luftfahrtagentur, Alexander Jurtschik, erwartet bis 2010 sogar ein jährliches Wachstum von rund zehn Prozent.

Der Absturz der Sibir- und Pulkovo-Maschinen dürfte auf lange Sicht keinen Einfluss auf die Fluggewohnheiten der Russen haben, davon ist auszugehen - kurzfristig könnte es zu einem Rückgang kommen. Auch der Doppelabsturz von zwei Tupolews im August 2004, als sich zwei tschetschenische Selbstmordattentäterinnen an Bord in die Luft sprengten, hatte Russlands Luftfahrtboom kurzzeitig gebremst: Bis zu den Anschlägen lag der Anstieg bei rasanten 20 Prozent - am Jahresende waren es noch zehn Prozent.

Auch jetzt ist Unsicherheit unter den Fluggästen spürbar - vor allem bei den Passagieren der beiden Unglücksgesellschaften. Elena Z., eine Bremer Studentin aus Moskau, hatte schon einen Flug von Hannover nach Moskau bei der Linie Sibir gebucht. Da erfuhr sie von dem Unglück in Irkutsk: "Im ersten Moment wollte ich stornieren", sagt sie. Hohe Storno-Kosten hielten sie davon ab. "Im Flugzeug habe ich mich schon mulmig gefühlt. Vor allem, als die Stewardessen ständig wiederholten: Zu Ihrer eigenen Sicherheit machen Sie bitte dies und das." Noch einmal will die junge Frau nicht mit Sibir fliegen.

Auf Inlandsflügen ist Sibir schon Russlands Nummer eins

Trotz aller Sorgen um die Sicherheit: Sibir, seit März unter dem neuen Markenzeichen S7 aktiv, ist inzwischen die Nummer zwei in Russlands Luftfahrtbranche. Im vergangenen Jahr fertigte sie 4,2 Millionen Fluggäste ab und lag damit deutlich vor dem drittgrößten Anbieter Pulkovo mit seinen 2,8 Millionen Passagieren. Bei den Inlandsflügen hat Sibir den großen Konkurrenten Aeroflot sogar schon überholt.

Das Unternehmen aus Nowosibirsk ist mehrheitlich im Familienbesitz: 63,2 Prozent der Aktien gehören der Ehefrau des Generaldirektors Wladislaw Filjow. Trotz des Unglücks stehen die Chancen für Sibir auf lange Sicht nicht schlecht: Durch eine umsichtige Entwicklungspolitik hat sich die Airline kontinuierlich vom regionalen Anbieter zu einem international tätigen Luftfahrtunternehmen entwickelt. Je ein gutes Dutzend Boeings und Airbusse (allerdings gebrauchte) gehören zur Flotte, dazu die russischen Großraumflugzeuge Tupolew und Iljuschin, die als zuverlässig gelten. Flugziele in mehr als 20 Ländern werden angesteuert, darunter auch deutsche Flughäfen wie München, Frankfurt oder Düsseldorf.

Nicht zufällig versuchte der Konkurrent Aeroflot, ein Blockpaket an Sibir zu erwerben. Das Wirtschaftsministerium in Moskau befürchtete allerdings einen Interessenskonflikt und stoppte die Pläne. Und so wird sich Sibir weiter mit Aeroflot um die Eroberung des russischen Himmels streiten.

Auch die übrigen russischen Luftfahrtunternehmen haben große Wachstumschancen. Von Jahr zu Jahr steigt die Zahl der russischen Touristen, die in die warmen Länder des Südens wollen. Weil man dorthin schlecht mit Eisenbahn oder Auto gelangt, werden die Russen auch künftig Flugzeuge besteigen.

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