Lufthansa und Bahn: Tarifverhandlungen sind Stellvertreterkriege - DER SPIEGEL
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Lufthansa-Streit "Streikkalender reicht bis Ende 2015"

Piloten und Lokführer legen Deutschland weitgehend still, und das dürfte auch so bleiben: In beiden Streits sind die Tarifverhandlungen nur Nebenschauplätze. Die Vereinigung Cockpit stellt sich schon mal auf Streiks bis Ende des Jahres ein.
Lufthansa-Pilot: Frührentenregelung als Nebenkriegsschauplatz
Lufthansa-Pilot: Frührentenregelung als Nebenkriegsschauplatz

Lufthansa-Pilot: Frührentenregelung als Nebenkriegsschauplatz

Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images
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Es gibt Zahlen, an denen kommt auch die Bundeskanzlerin nicht vorbei. Fünfzig Stunden lang herrschte auf bundesdeutschen Bahnhöfen am vergangenen Wochenende abwechselnd Chaos oder gespenstische Ruhe.

Kaum waren die Züge am Montag wieder angerollt, legten die Lufthansa-Piloten den Verkehr am wichtigsten Großflughafen in Frankfurt lahm sowie an zahlreichen anderen Airports. Mehr als 160.000 Kunden mussten ihre Reisepläne ändern, auf andere Verbindungen umbuchen oder gleich zu Hause bleiben. Das konnte auch die sonst eher kühle Kanzlerin nicht kalt lassen.

Die Macht kleiner Spartengewerkschaften wie der Lokführer-Vertretung GDL oder der Pilotenvereinigung Cockpit (VC) müsse gestutzt und dafür ein geplantes neues Gesetz genutzt werden, ließ Angela Merkel gestern über einen Sprecher ausrichten.

Die Regierungschefin hatte endlich einmal auf den Tisch gehauen. Das war es, was erboste Bahnfahrer und Lufthansa-Passagiere hören wollten. Aufhören dürften die Streiks deshalb noch lange nicht, im Gegenteil. Merkels Machtwort dürfte die Streikwut und -lust gerade bei den Flugzeugführern eher noch anfachen.

Frührentenregelung als Nebenkriegsschauplatz

Bei dem seit mehr als einem halben Jahr andauernden Ausstand geht es schon lange nicht mehr um die vergleichsweise komfortable Frührenten-Regelung für gut die Hälfte der rund 10.000 Konzernpiloten. Sie war wohl von Anfang an nur ein Nebenkriegsschauplatz. Ähnliches gilt für die Forderungen der Lokführer bei der Bahn.

Mit ihren Protestaktionen wollen die Cockpit-Beschäftigten der Lufthansa vielmehr die Pläne ihres obersten Chefs Carsten Spohr zur Gründung eines neuen Billigablegers unter dem Arbeitstitel "Wings" torpedieren. Offiziell eingestehen dürfen die aufmüpfigen Lufthansa-Premium-Arbeitnehmer das nicht, weil ihre Gewerkschaft sich sonst womöglich schadensersatzpflichtig machen würde.

Anders als etwa in Frankreich darf in der Bundesrepublik nur gegen tarifvertraglich regelbare Ziele gestreikt werden, nicht aber gegen unternehmenspolitische Entscheidungen wie Wings. Gerade das aber macht den Stellvertreterkrieg für die Lufthansa so gefährlich und unberechenbar. Mit Merkels Bemerkung ist nun ein weiteres Streikmotiv dazugekommen: die Wut gegen die drohende Marginalisierung der VC.

Anteilseignervertreter im Lufthansa-Aufsichtsrat fordern schon, die renitenten Cockpit-Rebellen abzustrafen, indem ihre ureigene Domäne, das klassische Mittel- und Langstreckengeschäft, gezielt geschrumpft wird - zu Gunsten des neuen, hauseigenen Billigkonkurrenten Wings. Das Nachsehen hätten Berufseinsteiger im Lufthansa-Stammgeschäft.

"Streikkalender der Gewerkschaft reicht bis Ende 2015"

Früher hätten sich in einer solch verfahrenen Situation beide Seiten wohl schon längst auf einen Schlichter geeinigt. Doch auch dazu dürfte es vorerst nicht kommen. Der ehrgeizige neue Konzernchef Carsten Spohr möchte bei der Lufthansa durchregieren, von einem Vermittler müsste er sich womöglich lästige Auflagen diktieren lassen.

Die VC-Funktionäre wiederum misstrauen der Geschäftsführung inzwischen so sehr, dass sie ihr unterstellen, sich nicht an geschlossene Vereinbarungen und Kompromisse zu halten. Deshalb mache eine Schlichtung ohnehin keinen Sinn, argumentieren sie. Bis zu einer Einigung dürfte es deshalb noch lange dauern, ziemlich lange. Nach Aussagen eines VC-Funktionärs reiche der "Streikkalender der Gewerkschaft bis Ende 2015".

Einen Hoffnungsschimmer gibt es neuerdings immerhin. Auf Initiative einiger Lufthansa-Piloten haben sich vor einigen Tagen gut 150 Flugzeugführer des Konzerns zu einer sogenannten "Cool Down"- Initiative zusammengefunden. Die Mitstreiter plädieren dafür, eine zweimonatige Abkühlphase einzulegen, damit beide Seiten sich besinnen und danach einen neuen Anlauf zur Lösung des Tarifkonflikts nehmen können. In diesem Zeitraum soll es vorerst keine weiteren Streiks geben.

Kritiker dieser Idee haben sich allerdings ebenfalls schon zu Wort gemeldet. Sie werfen ihren auf Mäßigung bedachten Kollegen vor, sich von der Geschäftsführung "ausziehen" zu "lassen". Ein anderer Pilot wird noch drastischer. Er verbietet den Initiatoren sogar, sein elektronisches Postfach "mit einem solchen Blödsinn vollzumüllen".

Lufthansa-Streik am 20. und 21. Oktober
3 Min

Die Piloten der Lufthansa werden ab Montag, 13 Uhr, bis Dienstag, 23.59 Uhr streiken - betroffen sind Kurz- und Mittelstreckenflüge und am Dienstag ab 6 Uhr auch Langstreckenflüge. Die wichtigsten Infos für Reisende finden Sie hier.