Lumpen statt Altpapier - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 38 / 101

ENTWICKLUNGSHILFE Lumpen statt Altpapier

Die Milliarden, die Indien an Entwicklungshilfe erhielt, seien verschwendet. Sie hätten, behaupten indische Wissenschaftler, dem Land mehr geschadet als genutzt.
• aus DER SPIEGEL 43/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Monatelang, unter strikter Geheimhaltung, kontrollierten die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington Indiens Finanzen.

Unnachgiebig wie Steuerfahnder preßten sie den indischen Regierungsbeamten wichtige Zahlen ab. Sie prüften Devisenreserven, verglichen Exporterlöse S.190 mit Einfuhrrechnungen, nahmen Statistiken über Arbeitskosten, Investitionen und Teuerungsraten auseinander, analysierten Kreditaufnahme und Tilgung.

Indien braucht einen neuen Kredit, den größten, den der Währungsfonds jemals einem Land in Finanznot gegeben hat. Es geht um 5,7 Milliarden Dollar, rund 13 Milliarden Mark.

Doch kaum war im vergangenen Monat die Nachricht durchgesickert, daß Indien die verlangten Milliarden bekommen sollte, da mußten sich die Geldgeber fragen, ob ihre Entscheidung überhaupt einen Sinn mache.

Die ganze Auslandshilfe habe, meint Indiens angesehenes Birla Institute of Scientific Research in seiner jüngsten Studie, bisher dem Land »mehr geschadet als genutzt«. Sie habe, erläutert der Birla-Wissenschaftler Harbans Lal Bhatia, »Verzerrungen und Störungen in der indischen Wirtschaft gefördert« und die Initiative der Inder gelähmt. Das Elend der Bevölkerung sei nicht gemindert.

Ein Schock für die Inder und ihre Geldgeber. Denn in den vergangenen 30 Jahren hat Indien mehr Entwicklungshilfe erhalten als jedes andere Land - fast 250 Milliarden Rupien, nach heutigem Kurs etwa 71 Milliarden Mark.

Allein aus der Bundesrepublik flossen insgesamt knapp acht Milliarden Mark an direkter Finanzhilfe und technischer Unterstützung nach Indien, im letzten Jahr waren es 400 Millionen Mark. Noch einmal 420 Millionen Mark deutscher Gelder bekam das Land über internationale Organisationen ausgezahlt.

Daß diese gewaltigen Summen zum größeren Teil vergeudet wurden, wollen die indischen Forscher - ganz im Gegensatz zu vielen anderen Analysen professioneller Entwicklungsstrategen der Dritten Welt - keineswegs besonders den Geberländern anlasten. »Wir selbst haben«, bekannte Bhatia, »auf ganz schlimme Weise versagt.«

Die Inder hätten die drückendsten Probleme ihrer Wirtschaft nicht in den Griff bekommen. Noch immer vermehre sich die Bevölkerung in beängstigendem Ausmaß, es fehle an Leistungswillen und Unternehmergeist, die Verwaltung sei bürokratisch und unfähig.

Die Entwicklungshilfe, die Indien helfen sollte, von ausländischer Unterstützung unabhängiger zu werden, sei »zur Falle« geworden. »Wir fühlen einen unausweichlichen Zwang«, erkannten die Birla-Ökonomen, »nach mehr Hilfe zu verlangen, wobei wir den eigentlichen Zweck schon ganz außer acht lassen.«

Zwar investierten die indischen Wirtschaftsplaner Milliarden in den vermeintlichen Fortschritt, in moderne Fabriken, Kraftwerke, Bildungsstätten. Aber sie hätten dabei, so die Birla-Studie, entscheidende Fehler gemacht.

Zum einen hätten sich die Inder häufig komplizierte, arbeitssparende Technologie der kapitalstarken Industrieländer zugelegt. Die Zahl der Arbeitsplätze nahm deshalb kaum zu, um so mehr aber der Geldbedarf für teure Importe.

Zum anderen gelang es Indiens Wirtschaftlern nicht, die eigenen Exporte so rasch zu steigern, daß sie genügend Devisen verdienten, um die Einfuhren auch bezahlen zu können und fällige Schulden zu tilgen. Das Ergebnis ist laut Birla-Studie: »Noch mehr Bedarf an Auslandshilfe.«

In diesem Teufelskreis haben sich die Regierenden in Neu Delhi so sehr an die Unterstützungsgelder aus dem Ausland gewöhnt, daß sie eine Art Hilfs-Psychose entwickelt haben: Ob Entwicklungsprojekte verwirklicht werden oder nicht, wird fast ausschließlich daran gemessen, ob es dafür ausländische Hilfsgelder gibt. Bei Indiens Behörden registrierten die Birla-Ökonomen zudem den »unausgesprochenen Wunsch, ein Projekt nicht fertigzustellen, wenn dadurch Aussichten auf Hilfsgelder vermindert werden«. So sollte etwa der auf 640 Kilometer Länge geplante Bewässerungskanal Rajasthan im Nordwesten Indiens schon vor 13 Jahren seiner Bestimmung übergeben werden. Doch das Bauwerk ist noch längst nicht fertig - schwer vorstellbar, meint Bhatia, daß es nur an Baumaterial und Arbeitskräften fehlt.

Indien habe es vorgezogen, sich von ausländischen Unterstützungsgeldern abhängig zu machen, statt auf Selbsthilfe zu setzen, meinen die Birla-Forscher. Das Ergebnis der vergangenen 30 Jahre ist niederschmetternd: »Von der Armut zur Verelendung.« Trotz aller Entwicklungsmilliarden lebt inzwischen fast die Hälfte aller Inder - 350 Millionen - unter dem amtlichen Existenzminimum. Und es werden ständig mehr.

Indien baut zwar Atomreaktoren, Satelliten, Düsenjäger - aber 200 000 Dörfer (von 576 000), in denen 180 Millionen Menschen leben, haben nicht einmal Trinkwasser. Rund 200 Millionen Inder haben keinen Job oder nur gelegentlich Arbeit. Die Weltbank in Washington hat Indien in diesem Jahr unter die ärmsten Länder der Welt eingereiht, gleich neben Staaten wie Äthiopien, Burundi, Obervolta. Noch immer können 68 Prozent aller Inder weder lesen noch schreiben.

Die Landwirtschaft ist trotz gegenteiliger Beteuerungen der Regierung noch immer nicht in der Lage, die Bevölkerung zu ernähren. Die Industrie, zu drei Viertel in Staatsbesitz, ist kaum produktiver. Fast die Hälfte aller Betriebe mit Staatsbeteiligung macht nur Verluste, die Produktion stagniert seit mehr als zehn Jahren.

»Vor der Unabhängigkeit mußten wir Altpapier zur Weiterverarbeitung aus Großbritannien importieren«, höhnt der Direktor des Birla-Forschungsinstituts, Ghamandi Lal Bansal. »Jetzt führen wir Lumpen aus USA ein, um daraus Kleider herzustellen - wir haben große Fortschritte gemacht, nicht wahr?«

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 101

Mehr lesen über