»Mache dein Leben farbiger« - DER SPIEGEL
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ZUKUNFTSMARKT »Mache dein Leben farbiger«

Millionen Chinesen verwirklichen sich einen kapitalistischen Traum - den vom eigenen Auto. Chaos und Staus auf den Straßen können sie nicht schrecken.
• aus DER SPIEGEL 37/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Beginn einer schönen Zukunft ist winzig, metallicgrau und hat gleich zwei Namen: »Ewiger Frieden« und »Alto«, was Chinesen wie »Auto« aussprechen. Lange streichen die Schwestern Wang Xia und Wang Qing auf dem Automarkt am Pekinger »Dorf der Asienspiele« um das Gefährt herum. Ihre Männer quetschen sich derweil hinter das Lenkrad und begutachten den Motor.

Gegen Mittag gelingt es dem Verkäufer, die Wangs ins Innere des Geschäfts zu locken. Die Atmosphäre ist bescheiden und familiär: Verkäufer kochen Fertignudeln auf, Kinder wuseln herum. Dann unterschreiben die Schwestern gemeinsam den Kaufvertrag. »Es ist das erste Auto in meinem Leben«, sagt Wang Qing. Die selbständige Versicherungsvertreterin will schneller zu ihren Kunden kommen: »Jetzt muss ich nicht mehr mit dem Bus oder mit dem Fahrrad fahren.« Am Wochenende wollen die Schwestern gemeinsame Ausflüge ins Grüne machen.

Wie einst junge Familien in Europa nach Fiat 500, Ente oder Käfer verrückt waren, lieben die Chinesen den Alto mit seinen drei Zylindern so sehr, dass sie Teddybären vor die Heckscheibe packen, Gardinen an die Fenster hängen und die Sitze mit Deckchen beziehen. Da stört es kaum, dass die Polizei dem »Ewigen Frieden« verbietet, auf der Straße des Ewigen Friedens im Pekinger Zentrum zu fahren: Nach Ansicht der Regierung würde das Bild vom reichen neuen China verzerrt, wenn solch ein Mickerling sich unter die Funktionärskarossen mischen würde.

Die Wangs zahlen umgerechnet rund 4400 Euro für den Zwerg, den die chinesische Rüstungsfirma Norinco und das japanische Unternehmen Suzuki in der Stadt Xian vom Band laufen lassen. Billiger ist nur noch der »Flyer«, ein rein chinesischer Kleinwagen.

Die Chinesen schweben derzeit im Autorausch. Nirgendwo sonst auf der Welt wächst der Automarkt so schnell wie im Reich der Mitte. 320 000 Pkw wurden dort 1995 verkauft, im vergangenen Jahr waren es schon 1,2 Millionen (siehe Grafik).

Noch vor zehn Jahren konnten meist nur Behörden und staatliche »Arbeitseinheiten« Dienstwagen bestellen. Heute leisten sich mehr und mehr Privatleute ein Auto. Es sind vor allem Städter, die meinen, auf dem Weg in den »kleinen Wohlstand« (Parteiparole) dürfe neben eigener Wohnung, Fernseher und Handy ein fahrbarer Untersatz nicht fehlen.

Nach langen Jahren erzwungener revolutionärer Genügsamkeit ist Bescheidenheit keine Zier mehr. Jede fünfte Edelkarosse in der Welt wird mittlerweile von den Chinesen gekauft, darunter Bentleys (für dessen teuerstes Modell ein normaler Chinese fast 600 Jahre arbeiten müsste), US-Militärjeeps der Marke Hummer, Lamborghinis und Ferraris.

»Ein Autobesitzer will zeigen: Ich habe etwas erreicht«, sagt Audi-Händler Patrick Chou. Dieses Gefühl soll auch sein »AudiZentrum Besseres Leben« in Pekings Wirtschaftszone an der Autobahn nach Tianjin vermitteln. Helles Holz bestimmt das Ambiente. Hinter dem Präsentationsraum liegen blitzsaubere Werkstätten und ein Ersatzteillager. Beraten werden die Kunden von adretten jungen Leuten mit Hochschulabschluss.

Chou, an dessen Arm eine brillantenbesetzte Rolex blitzt, konzentriert sich auf den Vertrieb von Import-Audis. Der A6 und der A4, die in Changchun vom Band laufen, interessieren ihn nicht, obwohl die wegen des hohen Einfuhrzolls um mehr als 25 000 Euro billiger sind. »Die Wagen aus Deutschland sind besser ausgestattet und haben stärkere Motoren«, sagt Chou. Wie jenes goldfarbene Audi-Cabriolet A4 mit Drei-Liter-Motor, das gerade der Besitzer eines uigurischen Restaurants für 85 000 Euro gekauft hat.

Für die meisten Menschen in Peking aber sind bei einem Durchschnittslohn von umgerechnet 193 Euro im Monat selbst Kleinwagen ein teures Vergnügen. Fahrzeuge der Golf-Klasse kosten noch zwischen 10 000 und 15 000 Euro. Beim Kauf werden rund zehn Prozent Luxussteuer fällig, später kommen diverse Abgaben wie Straßen- und Kennzeichensteuer (in Peking insgesamt rund 161 Euro im Jahr) dazu.

Zudem erheben Provinzen und Ortschaften Wegezoll: Für die 1400 Kilometer lange Autobahn von Peking nach Shanghai muss ein Fahrer an den Zahlstellen insgesamt 107 Euro aus dem Fenster reichen - so viel wie für ein Flugticket. Parkplätze sind ebenfalls teuer. Hausverwaltungen verlangen mitunter 7500 Euro pro Stellplatz im Jahr.

Bislang ist Chinas Automarkt im internationalen Vergleich noch immer relativ klein. Nur jeder 294. Chinese besitzt ein eigenes Gefährt. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden in China 903 400 Pkw verkauft - ein neuer Rekord, auch wenn sich die Zahl bescheiden ausnimmt gegenüber 3,88 Millionen Neuwagen in den USA und 1,6 Millionen im kleinen Deutschland. Aber welches Land hat der Autoindustrie schon vergleichbare Wachstumsaussichten zu bieten? Kein Wunder, dass die großen Autohersteller der Welt auf diesem Zukunftsmarkt Nummer eins mit einer eigenen Produktion vertreten sein wollen.

Auf VW, das schon seit den achtziger Jahren in Shanghai und im nordöstlichen Changchun Santana, Passat und Jetta fertigt, folgten Ford, Mazda und Honda. Nissan und Mercedes-Benz verhandeln derzeit über eigene Werke. BMW (chinesischer Name: »Edles Pferd") will ab September in der Nordostprovinz Liaoning die Dreier-, später auch die Fünferreihe produzieren.

Mit dem Beitritt zur WTO hat sich China verpflichtet, Zölle für Importautos bis zum Jahr 2006 zu senken. Dann wird es eng für die einheimischen Automarken. Zwar sind sie günstiger, können aber technisch mit ihren ausländischen Konkurrenten nicht mithalten.

Die zunehmende Konkurrenz macht auch dem Marktführer VW zu schaffen. Die Wolfsburger konnten den Absatz in diesem Jahr zwar weiter steigern, sie büßten aber Marktanteile ein. VW will deshalb noch mehr Modelle in China fertigen und setzt verstärkt auf Marketing. Im vornehmen Oriental Plaza in der Nähe des Platzes des Himmlischen Friedens betreibt der Konzern das gerade renovierte »VW-Autoforum«. Dort soll die gelernte Sinologin Petra Schreiber den Chinesen beibringen, dass »Autofahren mehr ist als der Transport von Dingen und Menschen«, nämlich ein neues Lebensgefühl.

Schreiber veranstaltet regelmäßig Events, die etwa »Mache dein Leben farbiger, finde deinen persönlichen Stil« heißen. Sie holt Pekings neureiche Unternehmer und Künstler zu Kosmetikkursen, Modeschauen und Jazzkonzerten.

Während Schreiber in ihrem Forum mit Wörtern wie »Innovation«, »Inspiration« und »Mobilität« jongliert, herrscht draußen Chaos. Zwar schlagen die Behörden ständig neue Schneisen durch die Wohnviertel und ziehen Ringstraßen um die Metropole. Aber täglich kommen bis zu 1000 neue Autos hinzu - und stehen häufig im Stau. Shanghai hat bereits damit begonnen, die Zulassungen gegen Höchstpreise zu versteigern.

Das lockere Verhältnis der Autofahrer zu den Verkehrsregeln und der Unwille vieler Polizisten, diese durchzusetzen, verschlimmern das Tohuwabohu. Rücksichtnahme ist ein Fremdwort. Linksabbieger zum Beispiel scheinen der festen Überzeugung zu sein, sie hätten vor allen anderen Vorfahrt. Auf der Autobahn darf rechts überholt werden. Polizisten, Militärs und Funktionäre stehen ohnehin über dem Gesetz.

Für den Führerschein müssen die Pekinger 58 Fahrstunden lang auf einem Trainingsplatz Runden drehen, dann dürfen sie sich ins Gewühl stürzen. Auf den Straßen herrscht das Chaos. Zwischen den Autos bewegen sich Millionen Fahrradfahrer, die offenbar der Meinung sind, dass Ampeln für sie nicht gelten. Die Folge: In China, wo 14,5 Millionen Autos zugelassen sind, gab es im vergangenen Jahr 109 381 Verkehrstote - in der Bundesrepublik mit über 44 Millionen Autos starben 6842 Menschen im Straßenverkehr.

Solche Schreckenszahlen können den boomenden Fahrzeugabsatz nicht bremsen. Das Auto ist für viele Chinesen, die jahrelang im Geist des Kollektivs erzogen wurden, ein wichtiges Stück neu gewonnener Individualität.

Vor zehn Jahren habe er, berichtet der Pekinger Musikprofessor Zhou Shibin, nur davon träumen können, einmal im Leben ein Auto zu besitzen. Nun ist es so weit. Mit seiner Frau holt er sich einen in Peking gefertigten Mazda »Family« mit Automatikschaltung und CD-Spieler für 17 182 Euro ab. In den nächsten fünf Jahren muss Zhou ihn mit rund 290 Euro monatlich abzahlen. Mit seiner Familie will Zhou am Wochenende in die Berge der Umgebung von Peking fahren, vielleicht auch die Verwandten in der Provinz Sichuan besuchen.

Für den Professor bedeutet das neue Auto dasselbe wie für die Schwestern Wang - ein Stück Freiheit. ANDREAS LORENZ

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