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GLOBALISIERUNG Macher mit Vision

Für viele Globalisierungsgegner ist der Internationale Währungsfonds der Feind Nummer eins. Dessen Chef, der Deutsche Horst Köhler, räumt inzwischen Fehler ein. Er will daraus lernen.
• aus DER SPIEGEL 20/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ghanas Präsident John Kufour, Sohn einer Königin vom Stamm der Ashanti, ist ein Mann von eindrucksvoller Statur und gewaltiger Stimme. Sein voller Bass übertönt mühelos die Atlantik-Wellen, die draußen an die Mauer von Schloss Osu klatschen.

Drinnen ist es düster, die Samtvorhänge im goldverzierten Empfangssaal sind zugezogen, zum Schutz vor der glühenden Hitze und dem gleißenden Licht. Der Ort hat Geschichte. In den Verliesen dieser Festung wurden einst die Sklaven zur Verschiffung nach Übersee gefangen gehalten. Heute heißt Kufour hier den Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) willkommen - einer Institution, die von vielen Globalisierungsgegnern als die Weiterführung der Kolonialisierung mit anderen Mitteln betrachtet wird.

Die Hand seines Gasts aus Washington verschwindet fast vollständig in der des Afrikaners, doch Köhler zieht nicht zurück. Mit strahlendem Lächeln schüttelt er tapfer, bis auch der letzte Fotograf seine Aufnahme gemacht hat. Dann lassen sich die Herren zum Small Talk auf dem goldverzierten Rokokosofa nieder. »Wir hielten den IWF immer für ein blutleeres, gesichtsloses Wesen«, sagt Kufour grinsend, »und nun sitzen Sie hier und lachen sogar.«

Köhler strahlt noch ein bisschen breiter. Solche Sätze tun ihm gut in einer Zeit, in der er selten Positives zu hören bekommt. Wieder einmal wird der IWF von seinen Gegnern als kaltherziges Geschöpf gebrandmarkt - diesmal, weil er den Bürgern Argentiniens neue Kredite verweigert hat. Zum dritten Mal seit seinem Dienstantritt im Mai 2000 hat sich der IWF-Chef nach Afrika aufgemacht. Fast widerwillig war er im Juni 2000 erstmals dorthin gereist - und mit einer brennenden Leidenschaft für den Schwarzen Kontinent zurückgekehrt.

»Der war wie verändert«, staunten seine Mitarbeiter. Beim Amtsantritt hatte Köhler noch verkündet, den IWF auf seine Kernaufgaben - die Stabilisierung internationaler Finanzmärkte - zurechtstutzen zu wollen, heute sagt er: »Der IWF ist auch für die Armen da.«

Seine erste Begegnung mit Afrika hat ihn nachhaltig geprägt. Statt der erwarteten korrupten Herrscher fand er oft sachkundige Gesprächspartner vor. »Es gibt eine neue Generation von afrikanischen Politikern, die sich nicht zu verstecken braucht«, sagt er. Sein Schlüsselerlebnis aber hatte er, als er mit Frauen in Mosambik sprach. Die wollten kleine Geschäfte eröffnen, konnten aber keine Kleinkredite bekommen. Die Milliarden des IWF waren für sie unerreichbar.

Köhler eilte zurück nach Washington und beschleunigte die HIPC-Initiative, ein Programm für die am höchsten verschuldeten Länder der Dritten Welt. Er ließ die Bedingungen überprüfen, unter denen die Nationen einen Schuldenerlass und neue Kredite erhalten, und passte sie stärker an die Situation der jeweiligen Länder an.

Die erste Bestandsaufnahme dieser Initiative fiel allerdings wenig schmeichelhaft aus. Nur in wenigen Ländern wurden Verbesserungen erreicht. Eine Woche später sitzt Köhler im Flugzeug nach Afrika. Er will sich vor Ort ein Bild machen. Fünf Tage, fünf Länder, 36 Treffen - nicht nur mit den Regierenden. Überall wiederholt er seine Botschaft: Afrika soll sein Haupt in Stolz und Würde erheben und seine Kraft zur Armutsbekämpfung mobilisieren. Der Schlüssel dazu: nicht korrupte Regierungen, Frieden, stabile marktwirtschaftliche Rahmenbedingungen, Handel, Wachstum.

»Die Armen leiden am meisten, wenn Staatshaushalte und Inflation außer Kontrolle geraten«, wiederholt er gebetsmühlenartig, und: »Schuldenerlass ist eine kurzfristige Erleichterung. Was langfristig zählt, ist gute Politik.« Damit meint er vor allem einen verlässlichen Finanz- und Bankensektor, der Investoren anlockt und Kleinkredite auch auf dem Land vergibt.

Von Afrika sieht Köhler diesmal nur die dunklen Anzüge der Offiziellen und das, was er bei den Landeanflügen aus der Fensterluke des Charter-Jets erspähen konnte. Die Realität bekommt seine Frau, Eva Köhler, zu Gesicht. In glühender Hitze besucht die Lehrerin Flüchtlingsheime, Schulen und Waisenhäuser. Etwa ein Lager, in dem 3000 Bürgerkriegsflüchtlinge in Kinshasa unter einem riesigen Blechdach hausen, auf Lehmboden, ohne Strom und Wasser, die »Zimmer« durch Plastiktüten und Tücher notdürftig abgetrennt. Die Toiletten sind zwei Eimer. Das Hospital: ein Tisch, ein Stuhl, ein Wassertank.

Doch wie lässt sich die Situation Afrikas ändern? Vehement fordert Köhler die Öffnung der Märkte für die Waren der Dritten Welt. Schutzzölle sollen abgeschafft, Subventionen, besonders für die hoch bezuschusste Agrarwirtschaft der EU und der USA, ersatzlos gestrichen werden. Es sei doch »pervers«, schimpft er, dass er den Entwicklungsländern die Öffnung ihrer Märkte verordnen soll, während der Westen die seinen abschottet. Außerdem sollen die Industrieländer endlich ihr altes Versprechen einlösen und 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts in die Entwicklungshilfe fließen lassen.

Das alles kann auch ein IWF-Chef nur fordern, durchsetzen kann er es nicht. Was hat Köhler gereizt an der Aufgabe, einer Organisation vorzustehen, deren Tagungen regelmäßig von Großdemonstrationen begleitet werden? Fachlicher Ehrgeiz, sagt er. Die Aussicht, mit über 1000 promovierten Ökonomen zu arbeiten und gleichzeitig in einem hochpolitischen Umfeld. Und ja, auch die Aussicht, den IWF zu reformieren.

Ehrgeizig war Köhler, Doktor der Wirtschaftswissenschaften, schon immer. Sein Aufstieg begann, als der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg ihn in die Kieler Staatskanzlei holte. Mit ihm ging er später nach Bonn ins Finanzministerium. Finanzminister Theo Waigel machte ihn 1990 zum Staatssekretär, dann holte ihn Kanzler Kohl als Finanzexperte an seine Seite.

Köhler erarbeitete sich einen Ruf als geschickter Verhandler und unermüdlicher Malocher. Ob deutsche Wiedervereinigung, G7-Gipfel, der Vertrag von Maas-

tricht zur europäischen Währungsunion, alles trägt deutlich seine Handschrift.

Wenn er nur nicht so aufbrausend wäre. Er kann laut werden, sehr laut. Sein Jähzorn macht vor Vorgesetzten nicht halt: Mal fuhr er Kohl über den Mund, mal brüllte er den niederländischen Staatschef Wim Kok an, dass die Gläser auf dem Konferenztisch zitterten. Die Einführung der D-Mark im Osten nannte er eine »Sturzgeburt«.

»Herr Köhler ist ein ungeduldiger Mann«, räumte Waigel ein. Dennoch bedauerte er es, als Köhler 1993 als Präsident zum Sparkassenverband ging. Auf Empfehlung Helmut Kohls wechselte er dann an die Spitze der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Bei der Berufung zum IWF hatte dann wieder ein (Alt-)Kanzler die Hand im Spiel - Helmut Schmidt.

Als Deutschlands erster Kandidat, Caio Koch-Weser, am Widerstand der USA scheiterte, bat Gerhard Schröder Schmidt um Rat. Der hatte zwei Vorschläge: Ex-Bundesbankchef Hans Tietmeyer oder Horst Köhler. Letzteren kannte er gut: Weil Kohl sich nie für Wirtschaft interessierte, hatte Köhler sich zum Fachsimpeln mit Schmidt getroffen.

Die Wahl der Sozialdemokraten fiel auf den CDU-Mann Köhler. Im Mai 2000 wurde er als erster Deutscher an die Spitze des IWF gewählt. Die IWF-Mitarbeiter in der Washingtoner Zentrale erwarteten ihn mit gemischten Gefühlen. Erstens hatten sie von seinem aufbrausenden Gemüt gehört. Zweitens galt er als Deutschlands zweite Wahl. Und überhaupt hätten die Ökonomen gern ihr Idol, Vize-Direktor Stanley Fisher, als geschäftsführenden Direktor gehabt.

Fast ein Jahr lang hielt Köhler verdächtig still. Er reiste nach Asien, Afrika, Südamerika, sprach mit den G-7-Mitgliedern, den wichtigsten Industrieländern, die die Stimmenmehrheit im IWF-Vorstand haben, und machte sich rar in den Medien. Dann gründete er eine schnelle Einsatzgruppe zur Früherkennung und Verhinderung von Finanzkrisen.

Das brüskierte Chefökonom Michael Mussa. Ohnehin unzufrieden mit Köhlers Führungsstil, kündigte er. Mit ihm gingen Vize Stanley Fisher und der Chef der Politikabteilung. Damit nicht genug. Die Bush-Regierung besetzte den Vizeposten nicht mit dem Kandidaten Köhlers, sondern mit Anne Krueger, einer konservativen Wirtschaftsprofessorin der Stanford University. Sie sollte Köhlers Aufpasserin werden. Doch der IWF-Chef ist mit politischen Ränkespielen vertraut. Und er weiß, wie weit er gehen kann. »Ich werde mich niemals überschätzen«, sagt er.

Regelmäßig trifft sich Köhler nun mit US-Finanzminister Paul O''Neill und öffnet den IWF behutsam nach außen. Sogar Selbstkritik ist kein Tabu mehr. Köhler räumt Fehler in der Asien-Krise ein, allzu rigide Fiskalauflagen hätten die Wirtschaften eher geschwächt. Und es sei auch ein Fehler gewesen, Ländern die Öffnung ihrer Kapitalmärkte abzuverlangen, obwohl sie noch keine Mechanismen zur Bewältigung großer Geldströme hatten.

Da staunen selbst die Globalisierungsgegner. »Köhler ist ein netter Kerl«, sagt Phil Twyford von Oxfam. Sein Engagement für die Dritte Welt sei echt, sein Wille zur offenen Debatte ehrlich. Doch viel geändert habe sich noch nicht. Die Entschuldungsinitiative sei gescheitert, die Bedingungen, die der IWF auferlegt, nach wie vor zu rigide und an den Interessen der westlichen Welt orientiert.

Immerhin, Köhler arbeitet daran, eine Art Rat für die globale Wirtschaft zu schaffen, mit Vertretern von IWF, Uno, Weltbank, Welthandelsorganisation (WTO) und der Internationalen Arbeiterorganisation ILO. Noch ist die Konstruktion unausgegoren, doch mit Uno-Generalsekretär Kofi Annan hat er darüber schon gesprochen. Die westlichen Mitgliedsländer, das ahnt er, werden nicht glücklich sein. Aber was kann er dafür, wenn es ihn doch drängt und treibt?

»Manchmal wundere ich mich über mich selber«, sagt er. »Ich werde immer neugieriger.« MICHAELA SCHIEßL

* Mit Präsident Kim Dae Jung (l.) am 8. März 2001 inWashington.

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