EURO Märkte, hört die Signale
Wim Duisenberg hat in jüngster Zeit gleich mehrere Zeichen seiner Entschlossenheit gesetzt. Zuerst bezog der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) eine Villa im Frankfurter Nobelvorort Kronberg, nachdem er zwei Jahre in einer provisorischen Bleibe verbracht hatte.
Wer sich häuslich niederlässt, so lautet die Botschaft, der richtet sich auf länger ein - und tritt nicht, wie von einigen Regierungen in Europa erhofft, vorzeitig von seinem machtvollen Posten ab.
Auch die Devisenmärkte bekamen in den letzten Tagen den Kampfeswillen von »Big Wim« zu spüren. Gleich dreimal griffen der Niederländer und seine Kollegen der schwächelnden Gemeinschaftswährung unter die Arme. Mit ihren wiederholten Interventionen wollten sie die Spekulanten verschrecken, die weiterhin auf einen fallenden Euro setzen.
Und siehe da: Anfangs heimsten die Frankfurter Währungshüter für ihre Eingriffe erstaunlich viel Lob ein. »Gutes Timing« attestierte das »Handelsblatt«.
Dumm nur für Duisenberg: Ende vergangener Woche hatte der Euro alle Kursgewinne, die er zwischendurch erzielt hatte, schon wieder abgegeben. Der »Weichei-Euro« ("Bild") dümpelte bei 86 Cent, nur 4 Cent vom historischen Tiefstand entfernt, und komplettierte so die Pannenserie der EZB.
Dass die Interventionen an den Märkten so wenig Eindruck machten, lag vor allem an ihrer merkwürdigen Zaghaftigkeit. Statt mit ihren Reserven, die sogar die der amerikanischen Notenbank übersteigen, wirklich zu klotzen, verlegte sich die Frankfurter Zentralbank aufs Kleckern.
Für gerade einmal 500 Millionen Dollar nahmen Duisenbergs Währungshändler am vorvergangenen Freitag Euro vom Markt. Drei Tage später waren es 650 Millionen Dollar, und noch einmal rund 500 Millionen Dollar am vergangenen Donnerstag - alles in allem weit weniger als beim ersten Eingriff im September. Da hatte die EZB gemeinsam mit der Bank von Japan, der amerikanischen Federal Reserve Bank (Fed) und anderen Notenbanken rund sechs Milliarden Dollar lockergemacht.
Die EZB gibt sich wohl auch deshalb so unentschlossen, weil hinter den Kulissen eine heftige Auseinandersetzung über die richtige Strategie tobt: Soll die Euro-Bank den Schwächeanfall der neuen Währung durch immer neue Dollar-Verkäufe aufzuhalten versuchen, wie eine starke Gruppe um Duisenberg meint? Oder soll sie sich lieber zurückhalten und auf eine Selbststabilisierung der Märkte warten?
Vor allem einige Bundesbanker haben für Duisenbergs Stolper-Interventionen wenig Verständnis: Das Vorgehen der EZB sei ein »Desaster«. Und in der Tat: Zwar hievten die Dollar-Verkäufe die Gemeinschaftswährung am ersten Tag der jüngsten Stützungsaktionen zunächst auf fast 88 Cent, doch dann gaben die Amerikaner ihre Arbeitsmarktzahlen bekannt, die eine sanfte Landung der US-Wirtschaft signalisierten. In Scharen strömten die Anleger zurück in den Dollar, der Euro verlor fast alles, was er zuvor gewonnen hatte.
Am Montag folgte das nächste Missgeschick: Wieder legte der Euro aufgrund der Stützungskäufe ein wenig zu - bis das Bundesfinanzministerium neue Zahlen vorlegte, denen zufolge die deutsche Industrie zum ersten Mal seit sieben Monaten weniger Bestellungen akquirierte. Prompt ging der Euro in den Sinkflug über.
Besonders peinlich dabei für die Zentralbank: Die beiden Veröffentlichungstermine waren seit langem bekannt; die EZB-Strategen hätten sie in ihre Überlegungen einfach nicht einkalkuliert, berichten Insider. Die Euro-Bank, zu diesem Lapsus befragt, kommentiert schmallippig: »Dazu nehmen wir keine Stellung.«
Ganz offensichtlich waren die jüngsten Interventionen, anders als beim ersten Eingriff im September, auch nicht von langer Hand vorbereitet. Damals war Bundesfinanzminister Hans Eichel schon Stunden vorher über die geplante Rettungsaktion informiert gewesen. Am Montag hingegen erfuhr sein Haus erst von den Stützungskäufen, als diese längst im Gange waren.
Umso mehr ärgert Eichels Währungsexperten, dass Außenminister Joschka Fischer, wenn auch durch Zufall, bei Zeiten im Bilde war. Die Nachricht über den EZB-Plan erreichte Fischer auf Umwegen: So hatten die Frankfurter Währungshüter vorab die amerikanische Notenbank in Washington eingeweiht, auch wenn diese an den Interventionen nicht beteiligt war. Von der Fed wiederum wurde US-Außenministerin Madeleine Albright unterrichtet, die das geheime Vorhaben beiläufig in einem Telefongespräch mit ihrem deutschen Amtskollegen erwähnte - stille Post mit falschem Adressaten.
Ohne Mithilfe der US-Notenbank fehlt der Aktion ohnehin jede Glaubwürdigkeit an den Märkten. Schließlich hatten die großen Industriestaaten Ende September bei der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds in Prag verabredet, wenn überhaupt, gemeinsam an den Devisenmärkten aufzutreten. Jetzt vermitteln die Soli der EZB den Eindruck, als hätten sich die Amerikaner verweigert. »Die Bundesbank hat früher nie allein interveniert«, schimpft ein deutscher Zentralbanker.
Treibende Kraft hinter den Interventionen sind Präsident Duisenberg und das italienische Direktoriumsmitglied Tommaso Padoa-Schioppa, die mit ihrem Kurs bei zahlreichen nationalen Notenbanken durchaus auf Sympathie stoßen. EZB-Chefvolkswirt Ottmar Issing, bis zu seinem Wechsel in den Eurotower viele Jahre einer der starken Männer der Bundesbank, hingegen gilt als zurückhaltender. Und auch die Bundesbank selbst, die traditionell für begrenzte, aber dafür effektvolle Auftritte ist, hält sich bedeckt, seit Ernst Welteke ihr Präsident ist.
Mit hochrotem Kopf, berichten Sitzungsteilnehmer, verfolge der Chef der einst so mächtigen deutschen Zentralbank die Diskussionen - und schweige fast immer. Ausgerechnet in der sensiblen Anfangsphase der Gemeinschaftswährung, in der der Euro die Fürsprache der einstmals angesehensten europäischen Notenbank dringend braucht, stehen an der Spitze der Bundesbank mit Welteke und Vize-Präsident Jürgen Stark zwei geldpolitische Novizen.
Unter Ökonomen machen längst Pläne für alternative Strategien die Runde. Motto: Wenn schon in den Markt eingegriffen wird, dann richtig. So hat Daniel Gros, Chef des Centre for European Policy Studies in Brüssel, ein kühnes Konzept präsentiert, das in Europas Finanzministerien schon länger diskutiert wird - allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Gros empfiehlt ein zweijähriges Programm zur Stützung der schwächelnden Gemeinschaftswährung: Jeden Monat sollen die Europäer acht Milliarden Dollar an Devisenreserven auf den Markt werfen - solange, bis der Euro auf einen Wert von 1,10 zum Dollar gestiegen ist.
Finanziert werden soll die Aktion nicht mit den Geldern der EZB, sondern durch einen Trick: Denn in den Tresoren der Bundesbank, der Banque de France und der anderen nationalen Notenbanken lagern immer noch Devisenreserven im Gegenwert von rund 250 Milliarden Euro, dazu Gold im Wert von nochmals 125 Milliarden Euro - Kapital, das die nationalen Notenbanken zur Absicherung ihrer eigenen Währungen angehäuft hatten und seit der Euro-Einführung eigentlich nicht mehr brauchen.
Deshalb, so der Gros-Plan, sollte das gebunkerte Vermögen an die Finanzministerien übertragen werden, die es wiederum am Markt verkaufen und dabei eine doppelte Dividende einfahren: Den Euro-Kurs stützen und mit den erzielten Verkaufserlösen auch noch die Staatsschulden tilgen.
Dass das Zwei-Jahres-Programm durchaus Charme hat, glauben auch Währungsexperten: »Schließlich gehören die Vermögenswerte, die da herumliegen, nicht irgendwelchen Notenbankern, sondern den Steuerzahlern«, urteilt Thomas Mayer von Goldman Sachs. »Man sollte die Reserven auf ein sinnvolles Niveau senken - am besten jetzt, wo die Kursgewinne aufgrund des teuren Dollars besonders hoch wären.« Der beschleunigte Schuldenabbau, glaubt Mayer, wäre »eine tugendhafte Tat«, die zumindest indirekt das Vertrauen in den Euro-Raum stärkt.
Im Berliner Finanzministerium sieht man das ähnlich. Auch Hans Eichels Experten würden den Schatz, der in den Tresoren der Bundesbank lagert, liebend gern heben, um den Konsolidierungskurs zu beschleunigen - doch sie trauen sich nicht so recht.
Als mahnendes Beispiel gilt immer noch der frühere CSU-Finanzminister Theo Waigel. Der hatte sich 1997 bei dem vergeblichen Versuch, die Goldreserven der Bundesbank anzuzapfen, einen wenig schmeichelhaften Spitznamen eingehandelt: »Goldfinger«. CHRISTIAN REIERMANN,
ULRICH SCHÄFER