KARRIEREN Mal hinterhaken
Im hektischen Leben des Horst-Dieter Esch war der letzte Donnerstag ein fast normaler Arbeitstag.
Morgens um acht eilte der Gründer und Chef des Baumaschinen-Konzerns IBH von seinem Wohnsitz im Taunus zu einer Aufsichtsratssitzung nach Frankfurt; gleich anschließend veranstaltete er noch schnell eine Pressekonferenz im Frankfurter Hof; zum Mittagessen saß Esch schon im Flugzeug auf Geschäftsreise nach Frankreich.
Manches verlief aber doch anders als an einem üblichen Arbeitstag. Vor den Journalisten hatte Esch kundgetan, daß er seinen Posten als oberster IBH-Lenker zur Verfügung stelle. Kaum war er in Paris gelandet, da tönte sein Stellvertreter Heinz-Friedrich Hoppe in der Mainzer Konzernzentrale: »Jetzt bin ich hier der Chef - bis auf weiteres.«
Das wird nicht lange dauern. Die Bankiers, die bislang den Esch-Konzern mit kleinen Geldspritzen vor dem Konkurs bewahrten, haben längst einen Nachfolger für die Baumaschinen-Holding ausgeguckt: Wolfgang Bernhardt, einstmals Manager bei Flick und Korf, soll den maroden Konzern sanieren. »Damit kein Chaos ausbricht«, so einer der Beteiligten,
würden die Geldhäuser zunächst rund 30 Millionen Mark Kredit für die IBH-Firmen spenden.
So, gewiß, hat sich der Unternehmensjongleur Esch das Ende seiner Manager-Karriere nicht vorgestellt. In kaum einem Jahrzehnt hatte der Jungunternehmer ein riesiges Firmen-Imperium zusammengerafft, den angeblich drittgrößten Baumaschinen-Multi der Welt. Jetzt ist die IBH pleite, ein gerichtlicher Vergleich ist beantragt.
Die IBH-Hausbank Schröder, Münchmeyer, Hengst & Co, kurz SMH genannt, konnte nur durch eine gemeinsame Hilfsaktion der Banken vor dem Kollaps bewahrt werden. Rund 900 Millionen Mark hatte SMH-Chef Ferdinand Graf von Galen an Esch verpumpt. Das Geld ist weg, Galen verlor seinen Posten und sein Vermögen.
Er habe wohl »Fehler gemacht«, erklärt Esch nun mit unbewegter Miene. Davon allerdings, wie vor vier Jahren jene unheilvolle Partnerschaft mit dem Adelsmann Galen so richtig innig wurde, wußte er nichts zu berichten.
Es war an einem kalten Samstag im Februar des Jahres 1980, in einem Nest namens Rothenbergen am Fuße des Spessarts. Esch starrte auf eine abgewirtschaftete Fabrik und beschied seine Begleiter spontan: »Die nehmen wir.«
Die Firma hieß »Wibau-Maschinenfabrik Hartmann AG«. Sie produzierte vor allem Betonpumpen und Asphaltmaschinen, erwirtschaftete dabei seit neun Jahren ausschließlich Verluste. Nahezu sämtliche Aktien lagerten damals in den Tresoren der SMH-Bank.
Bankier Galen war begeistert, als Esch eine Art Tauschhandel anbot: 83 Prozent der Wibau-Aktien würde die IBH übernehmen, zum Ausgleich sollte die Bank mit sieben Prozent an der IBH beteiligt werden. Praktisch »zu Null«, schwärmte Galen, sei er den Verlustbringer losgeworden.
Der Deal entwickelte sich, so schien es jedenfalls, für alle Beteiligten recht gedeihlich. Der Umsatz wurde fast verdoppelt, der Aktienkurs glatt verdreifacht. Schon für 1981 schüttete die Wibau generös Dividenden aus.
An die Spitze des Unternehmens hatte Esch nämlich ein »Finanzgenie« gestellt, wie der Insider-Dienst »Dossier« begeistert vermerkt: Roland Spicka, vordem Sektkellereiinhaber auf Schloß Saarfels in Serrig und zuletzt Vorstand in Eschs Mainzer Mannschaft. Spicka bewährte sich als treuer Freund und gelehriger Schüler seines großen Vorbilds: Was er auch anpackte, alles geriet noch eine Spur größer - und großspuriger.
Das Geschäft der Wibau, so prahlte er noch im Mai, würde 1983 von 275 auf 600 Millionen gesteigert, trotz weltweiter Rezession auf dem Baumaschinenmarkt. 1985 sei dann die Umsatzmilliarde erreicht, just der rechte Zeitpunkt, ihn auf den Titelseiten der Wirtschaftsjournale als »Manager des Jahres« zu präsentieren.
Dazu wird es nicht mehr kommen. Denn seit fast zwei Wochen hält sich Spicka versteckt. Weder auf seinem Stammsitz in Serrig noch in seiner Wiesbadener Stadtwohnung konnten ihn IBH-Mitarbeiter entdecken. Auch in den diversen Luxushotels zwischen Bad Orb und Gravenbruch, wo der Wibau-Boß gewöhnlich große Suiten anmietete, war er nicht aufzufinden. Nun meinen manche, das Finanzgenie sei längst flüchtig in Richtung Irland.
Es gäbe dafür gute Gründe. Als die Wibau vor drei Wochen Pleite machte, zogen mit dem Vergleichsverwalter Wilhelm Schaaf auch Wirtschaftsprüfer der staatlichen Treuarbeit ins Haus. Was sie dort entdeckten, machte sogleich Staatsanwälte aus Hanau munter. Der massive Verdacht: Bilanzfälschungen und Bankrott-Delikte.
Spickas riesige Zahlen, fanden die Prüfer, waren schlichtweg erfunden. Von den 275 Millionen Mark Umsatz des Jahres 1982 sollen mindestens 60 Millionen getürkt worden sein. Das ging recht einfach: Für unverkaufte Baumaschinen hat Spicka angeblich Rechnungen schreiben lassen, die als Forderungen die Bilanz zierten.
So platzten zwei große Aufträge aus dem Iran und aus Syrien. Die Ware war zwar geordert, wurde aber nicht abgeholt, als beide Staaten in Geldnot gerieten. Dennoch sollen entsprechende Forderungsbestände verbucht worden sein.
Geschädigt sind jetzt erst mal die 1200 Wibau-Werker, die um ihre Arbeitsplätze bangen müssen. Betrogen fühlen sich auch viele Geldanleger, die noch im Sommer im Vertrauen auf einen wunderschönen Börsenprospekt der SMH-Bank neue Wibau-Aktien gekauft haben.
Von dem luftigen Zahlenwerk des Ex-Vorstands Spicka wollen alle Beteiligten nichts gewußt haben - Aufsichtsrat Günther Herion, bekannt als Präsident des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie, ebensowenig wie Betriebsrat Theobald Schäfer: »Wir sind alle mit falschen Zahlen getäuscht worden.«
Rolf Poppe, Wirtschaftsprüfer bei der Deutschen Allgemeinen Treuhand, der die Wibau-Bilanz nach »Gesetz und Satzung« testiert hatte, gibt sich ebenfalls unwissend. »Sollten unreelle Sachen vorgekommen sein«, sagt Poppe heute, »dann müßte man mal hinterhaken.«
Und auch Pleitier Esch ahnt noch immer überhaupt nichts: »Ich kenne keine Luftgeschäfte.« Da sagt er wohl die Wahrheit. Die monatlichen Berichte, die Spicka regelmäßig an die IBH-Zentrale schickte, hat er meistens überhaupt nicht gelesen, ein Revisionspapier über die Wibau gleich ganz weggeschmissen.