Mal im Ernst Der hohe Ölpreis ist gut
Die Weltwirtschaft und die Weltfinanzmärkte werden derzeit gleich von zwei Seiten heftig durchgerüttelt: Mit Ölpreis und Wechselkurs befinden sich zwei zentrale Marktpreise in Turbulenzen.
Jede Seite des Atlantiks leidet darunter auf eigene Art: In den USA dämpfen die hohen Energiepreise die Wirtschaft, und der hohe Dollarkurs könnte sich demnächst negativ auf die Gewinne der Exportunternehmen auswirken.
In Europa gibt es zusätzlich eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute zuerst: Durch den schwachen Euro fahren die europäischen Unternehmen höhere Umsätze und Gewinne ein, wenn sie in den Dollarraum exportieren. Man nennt diese Gewinne "Windfall Profits", da sie sich überraschend wie ein Windhauch ergeben. Die schlechte Nachricht ist allerdings, dass der Ölpreisanstieg in Europa noch viel stärker durchschlägt als in den USA. Schließlich wird Öl in Dollar fakturiert, weswegen wir Europäer im Moment gleich doppelt auf der falschen Seite sitzen.
Doch ist dies alles eine Katastrophe? Natürlich wird sich die Wirtschaft abschwächen, und es wird einen Inflationsdruck geben. Doch genau diese Verbindung, die Koppelung der Inflationserwartungen an den Ölpreis, kann uns mindestens zwei neue Einsichten bescheren.
Erstens: Bis vor kurzem noch war die Angst vor der Inflation eine irrationale, nicht fassbare, ja vielleicht sogar etwas neurotische Angst auf Grund der "traumatischen" Erfahrungen mit der Inflation in den siebziger Jahren. Jetzt jedoch ist der Feind entlarvt, das heißt, die Identifikation von Inflation und Ölpreisentwicklung ist in unseren Köpfen vollzogen. Die hintergründige Angst vor der Inflation wird damit vordergründig. Und ein erkannter Feind ist nur noch ein halber Feind. Sollte der Ölpreis, wie zu erwarten ist, tatsächlich demnächst wieder drehen, dann wird das Inflationsgespenst endlich auch als das erkannt werden, was es in Wirklichkeit ist: ein Gespenst.
Zweitens: Die Welt befindet sich gegenwärtig auf der Schwelle zur Deflation. Schauen wir nur in die USA: Die größte Kreditankurbelung aller Zeiten - aber kaum Inflation. Und schauen wir auf die Globalisierung und ins Internet: Preiserhöhungen gibt es sicherlich bei ölsensitiven Produkten, sonst jedoch nirgendwo. Ganz im Gegenteil: Sonderangebot folgt auf Sonderangebot.
Wenn ich also Verschwörungstheorien nicht grundlegend ablehnen würde, dann könnte mir glatt die Idee kommen, der Ölpreisanstieg sei eine angezettelte Sache, um den deflationären Strömungen entgegenzuwirken. Aber Spaß beiseite: Eine Inflation ist ein gravierendes Problem, doch eine Deflation ungleich verheerender. Der hohe Ölpreis könnte sich also durchaus als positiv herausstellen.