Manager Der Sandkasten-Mann aus dem Hause Microsoft
New York - Paul Allen besitzt ein Basketballteam, ein Football-Team, eine Boeing 757 und ein hauseigenes Kino mit Popcorn-Stand. Seinem Idol Jimi Hendrix errichtete er für 240 Millionen Dollar ein Museum in Downtown Seattle, seiner Mutter ein Haus gleich neben seinem eigenen. Und er hat ein Boot beim America's Cup, dem Wettpissen der Milliardäre, am Start.
Allens Welt wäre also in bester Ordnung, wenn da nicht diese bösen Zungen wären, die seit Jahren behaupten, der 50-Jährige habe einfach Schwein gehabt. Dass er von Glück reden könne, in der High School Bill Gates getroffen zu haben. "Milliardär per Zufall", titelte das Magazin "Wired" bereits 1994.
Denn seit Allen sich vor zwanzig Jahren aus dem Tagesgeschäft bei Microsoft zurückgezogen hat, will ihm nichts mehr so recht gelingen. Mit seiner Risikokapitalfirma Vulcan Ventures hat er so viele erfolglose Start-Ups gefördert, dass man ihm fast schon eine Mitschuld an der Dotcom-Katastrophe geben kann. Heute wird Gates als weitsichtiger Unternehmenslenker gefeiert, sein Kumpel Paul hingegen wurde von "Business Week" soeben zu einem der "schlechtesten Manager des Jahres" ernannt.
Als sei das noch nicht genug, ist jetzt die erste Biografie über Allen erschienen, die auch den letzten Rest an Mythos zerstört. 28 Jahre nach der Gründung von Microsoft zeichnet die Journalistin Laura Rich das Bild eines Möchtegern-Visionärs, der Milliarden in Flops versenkt, solange sie in seinen Augen "cool" sind (The Accidental Zillionaire, John Wiley & Sons 2003). Allen wird präsentiert als Don Quichotte der Tech-Branche, der seiner Vision einer "Wired World" nachjagt, dabei jedoch ständig vom cleveren Gates übertrumpft wird.
Allen-Unternehmen: Inkompetente Manager, keine Kostendisziplin
Der pressescheue Allen muss sowas geahnt haben, jedenfalls weigerte er sich, mit Rich zu kooperieren, und verdonnerte seinen Bekanntenkreis zum Schweigen. Ob das weise war, ist fraglich. Das 250-Seiten-Buch macht da weiter, wo der "Wired"-Artikel 1994 aufgehört hatte. Damals waren die verschiedenen Allen-Unternehmen von Problemen geplagt: Inkompetente Manager, fehlende Zielvorstellungen und geringe Kostendisziplin auf Grund der schier unerschöpflichen Ressourcen.
Dieses Muster, schreibt Rich, lasse sich bis heute verfolgen. Ein Beispiel ist das Internetportal, das Allen 1998 bauen wollte. Schon der Projekt-Name klingt wie eine Parodie auf jene Zeit, in der alles möglich schien: Everything.com. Nach zwei Jahren und hohen zweistelligen Millionenverlusten wurde die Site geschlossen. Ebenso typisch war Allens privater "Think Tank" namens Interval Research: Dutzende Wissenschaftler aller Fachrichtungen bekamen großzügiges Gehalt und vollste Forschungsfreiheit. Eingeweihte sprachen von einem "gut finanzierten Sandkasten". Für die Forscher war es das Paradies, aber am Ende konnten sie nicht eine Erfindung vorweisen.
Allen gab nie auf, er investierte in weit über 100 Firmen gleichzeitig - von Satelliten über Videobrillen bis hin zu Kabel. Und ab und zu hatte er auch Erfolg: So verdiente er 100 Millionen Dollar mit AOL, einige hundert Millionen Dollar mit Ticketmaster, auch seine Beteiligung an dem Hollywood-Studio Dreamworks zahlte sich aus.
Allen kann sich Flops leisten
Die Verluste, die Allen mit seinen Unternehmungen einfuhr, waren allerdings noch größer. Das ist laut Rich auch nicht weiter verwunderlich, denn Allen gehe es nicht primär ums Geld. Er wolle der Welt vor allem beweisen, dass er auch ohne Gates einen echten technologischen Durchbruch schaffen könne. Das hat bisher nicht geklappt.
Auch Allens Reichtum stammt immer noch zum größten Teil von jenem Geistesblitz aus dem Jahre 1975: Damals sah er den ersten Personal-Computer auf dem Titelblatt einer obskuren Zeitschrift und drängte seinen Freund Gates, eine Betriebssoftware für das Gerät zu entwickeln.
Der Rest ist Geschichte: 1975 gründeten die beiden Microsoft. Nach der inzwischen berühmten Vereinbarung bekam Gates 65 Prozent, Allen 35 Prozent der Anteile. Der Börsengang von Microsoft machte beide 1986 zu Multimillionären. Inzwischen rangiert Allen mit einem Vermögen von 21 Milliarden Dollar auf Platz vier der "Forbes"-Liste der reichsten Menschen der Welt - hinter Bill Gates, Warren Buffett und den Gebrüdern Albrecht (Aldi).
Lesen Sie im zweiten Teil, auf welche Weise sich Allen Zugang zur Szene von Hollywood verschaffte
Der moderne Medici
1983 schied Allen bei Microsoft aus, nachdem ihm ein potenziell tödlicher Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert worden war. Nach Europareisen und Tauchkursen begann Allen sein Leben als Solo-Unternehmer. Die Anleger an der Wall Street gaben ihm noch jahrelang einen Microsoft-Bonus. Die bloße Ankündigung Allens, in eine Firma zu investieren, konnte den Aktienkurs dieser Firma in kurzer Zeit verdoppeln.
Doch spätestens seit dem Ende des Internetbooms sinkt Allens Stern. Sein neuester Traum, der Bau des modernsten Kabelnetzes des Landes, droht ebenfalls zu verpuffen. Seit 1998 hat er neun Milliarden Dollar in Kabelunternehmen investiert, den Großteil in die Firma Charter Communications. Derzeit ist das Imperium nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Summe wert.
Einen soliden Ruf erarbeitete sich Allen indes als Gastgeber extravaganter Parties. Der Maskenball zu dem er seine Gäste 1997 nach Venedig einlud, gilt in der Szene noch heute als legendär. "Er ist wie ein Medici", schwärmte ein Hollywood-Produzent. Allerdings sei Allen ein großer Langweiler, der keine Konversation am Laufen halten kann, berichtet Rich. Und seine Paranoia um seine Privatsphäre gehe so weit, dass Gäste vorher eine Vertraulichkeitserklärung unterzeichnen müssten.
Zutritt zu Hollywood
Doch Geld macht alle Mängel wett: Durch seine Dreamworks-Beteiligung (500 Millionen Dollar Startkapital) hat Allen sich Zugang nach Hollywood erkauft. Produzent David Geffen hat ihn unter seine Fittiche genommen und ihm unter anderem geraten, sich eine modernere Brille anzuschaffen und seinen Bart abzurasieren. Allen zeigt sich gern in Begleitung von Stars. Eine Zeitlang wurde dem Junggesellen sogar eine Liebesaffäre mit der zwanzig Jahre jüngeren Tennisspielerin Monica Seles nachgesagt. Die beiden wichtigsten Frauen in Allens Leben sind jedoch seine Mutter und seine Schwester, die die verschiedenen Familienstiftungen führt.
Allen war nicht immer reich. Sein Vater arbeitete in Seattle in der Uni-Bibliothek, seine Mutter war Grundschullehrerin. Als Kind war Allen ein Bücherwurm, der gerne Schach spielte. Sport kam auf Grund einer Gras-Allergie nicht in Frage. In der Schule saß er in der letzten Reihe, später, als er mit Gates den Computerraum entdeckte, tauchte er kaum mehr auf.
Nie versiegende Geldquelle
Wie Gates ist Allen hochintelligent. Beim Uni-Aufnahmetest erzielte er sogar mehr Punkte als sein Freund. Doch Allen hatte von Anfang an breitere Interessen. Mit dreizehn kaufte er sich seine erste Platte "The Monkees". Mit vierzehn entdeckte er Jimi Hendrix. Seither ist Allen der E-Gitarre verfallen. Er spielt in der Band "Grown Men" und auf seinen Parties. Auf seiner Website (www.paulallen.com) nennt er seine Lieblingsplatten.
Doch Allens Hauptinteresse galt bald der Technologie. 1974 schwärmte er seinem Freund Bill von der "Wired World" vor, in der Menschen per Computer einkaufen und Informationen austauschen. Rich hält Allen zugute, dass er seinen Traum bis heute verfolgt - während Gates sich dem Management eines Unternehmens verschrieben hat. Allen habe einen "kreativeren" Weg gewählt und mit dem Einstieg ins Kabelgeschäft zumindest strategisch richtig gedacht.
Und Allen hat einen unbestreitbaren Vorteil: Seine Geldquelle ist nahezu unerschöpflich. Durch Microsofts Ankündigung vergangene Woche, zum ersten Mal eine Dividende zu zahlen, bekommt Allen jährlich weitere Millionen an Spielgeld. Rich hat keinen Zweifel, dass er auch weiterhin große Summen in neue Technologien investieren wird. Schließlich habe er immer noch etwas zu beweisen: "Dass er mehr ist als Microsoft".