Manager unter Druck Der Renditehunger der kleinen Leute
Die meisten Bundesbürger haben sich mittlerweile daran gewöhnt. Immer höher schrauben die Firmenlenker der großen Börsenkonzerne ihre Renditeansprüche.Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann war es, der das Rennen eröffnete - und seinem Unternehmen das magische Renditeziel von 25 Prozent vorgab. Jetzt will Allianz-Lenker Michael Diekmann 7500 Stellen streichen, obwohl der Konzern im vergangenen Jahr einen Rekordgewinn von 4,4 Milliarden Euro erzielte. Und selbst Eon zieht nach, Deutschlands wertvollstes Dax-Unternehmen: Der Energiekonzern möchte einen Teil seiner Mitarbeiter länger arbeiten lassen, um wettbewerbsfähiger zu werden. Seltsam dabei wirkt nur, dass der Düsseldorfer Energieriese zuletzt vor Steuern 8,2 Milliarden Euro verdient hat.
Nicht alle Deutschen haben sich deshalb an die magischen Renditevorgaben der Konzernlenker gewöhnt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräident Jürgen Rüttgers (CDU) ist einer von ihnen. Er sprach darum auf seiner USA-Reise vor wenigen Wochen eine Reihe Wall-Street-Banker an, wie denn diese ominöse Zahl von 25 Rendite-Prozent eigentlich zustande gekommen sei. Eben jene Renditevorgabe, die jetzt so viele deutsche Konzerne glauben, erreichen zu müssen.
Die Antwort der Banker: Das sei die Mindestrentabilität, die Amerikas Pensionsfonds aus ihren Beteiligungen herausholen müssten, um die Renten der Amerikaner zu finanzieren. Hätten die Wall-Street-Profis Recht, müssten also Deutschlands Konzerne immer heftiger und erbarmungsloser auf Profit getrimmt werden, damit die Rente sicher ist - in den USA. Wichtige Dax-Unternehmenslenker hierzulande glauben den Druck der Fonds schon zu spüren:
"Es wäre in der heutigen Zeit albern, die Macht der Börse zu ignorieren", sagt beispielsweise Linde-Chef Wolfgang Reitzle dem SPIEGEL; er hat sein Unternehmen durch den Verkauf der ehemaligen Gabelstaplersparte so stromlinienförmig aufgestellt, wie es die internationale Finanz-Aristokratie jahrelang gefordert hat.
"Herr Rüttgers hat, glaube ich, die richtigen Leute bei seiner USA-Reise getroffen. Der Einfluss der Fonds auf die deutsche Wirtschaft ist die logische Folge der Globalisierung", sagt selbst Hans-Olaf Henkel zu manager-magazin.de. Henkel war früher IBM-Deutschland-Chef, Ex-BDI-Präsident und leitet heute die Leibniz-Wissenschaftsgemeinschaft. Seiner Meinung nach werden die Bestrebungen der Fonds, auf deutsche Firmen Einfluss zu nehmen, tendenziell sogar noch zunehmen.
Von den Alten gefordert
"Die Fondsmanager sind ja keine geldgeilen Manager", sagt Henkel, "denen treten vielmehr die Menschen in Übersee auf die Füße, weil die von den Erträgen der Fonds in ihrem Ruhestand leben. Und so, wie unsere Rentner Bundesarbeitsminister Franz Müntefering (SPD) bedrängen, die Renten hierzulande anzuheben, so fordern die US-Pensionäre von ihren Pensionsfondsmanagern mehr Rendite."
Lesen Sie im zweiten Teil wie sich der Druck auf die Konzernmanager verstärken wird
Und die geben den Druck weiter. Geschadet hat das den deutschen Unternehmen bisher allerdings nicht immer. Viele trennten sich von überflüssigen Beteiligungen. Manche Firmen wurden effizienter, etwa durch den Abbau von Hierarchiestufen. "Vor mehr als zwei Jahren hatten wir bei uns noch neun Stufen, jetzt sind es vier", sagt beispielsweise Lanxess-Chef Axel Heitmann zu manager-magazin.de. "Wir reagieren deshalb heute viel schneller, sind insgesamt viel wettbewerbsfähiger geworden."
Er hat es bewiesen. Als Heitmann die Bayer-Abspaltung Lanxess übernahm, machten zwei Drittel der dazu gehörenden Gesellschaften Verlust. Inzwischen arbeiten 60 Prozent der jetzigen Lanxess-Firmen profitabel. Dabei hatte sich Ex-Bayer-Chef Manfred Schneider Jahre lang genau gegen diese Abspaltung zur Wehr gesetzt.
Bald allerdings, so unken Finanzexperten, werden Deutschlands Manager den Renditedruck auch von anderer Seite spüren. Und der kommt dieses Mal nicht von außen, sondern aus Deutschland und Europa selbst.
Das Beratungsunternehmen Mercer Human Resource hat ermittelt, dass mehr als die Hälfte von 21 befragten multinationalen Firmen mit Hauptsitz in Europa eine globale Vermögensanlage-Strategie entwickelt haben, um in Zukunft überhaupt die eigenen Betriebsrenten zahlen zu können. "Das ist auch kein Wunder, denn Pensionsverpflichtungen machen nicht selten einen großen zweistelligen Prozentsatz der Bilanzsumme aus", sagt Peter Doetsch, Geschäftsführer von Mercer Human Resource Consulting in Deutschland.
Doppelte Rendite-Herausforderung
"Und auch deutsche Unternehmen setzen mit ihrer Vermögensanlage-Strategie nicht nur auf festverzinsliche Wertpapiere. Sie legen sich zunehmend auch Aktien ins Depot - und dafür wollen sie eine ordentliche Rendite sehen", sagt der deutsche Manager eines Pensionsfonds hinter vorgehaltener Hand. "Bald werden deshalb unsere eigenen Firmen ihren Renditeanspruch ebenfalls offensiv gegenüber den Firmenleitungen anderer Unternehmen vertreten, deren Aktien sie halten. So, wie es heute zum Beispiel schon amerikanische Pensionsfonds gegenüber unseren Konzernen tun."
Damit würde sich der Kreis schließen. Noch müssen sich deutsche Konzerne und ihre Angestellten krumm machen, um die Renditeforderungen ausländischer Pensionsfonds zu stemmen. Bald aber müssten die Belegschaften der Dax-Unternehmen fürchten, auch noch für die Rentenansprüche deutscher Betriebsrentner profitabler werden zu müssen. Und umgekehrt werden deutsche Betriebsrentenmanager amerikanischen Firmenlenkern auf die Füße treten, ebenfalls mehr aus ihren Unternehmen herauszuholen.
Profitieren würden davon allerdings auch die unbeteiligten Kleinaktionäre der deutschen Parade-Unternehmen. Weil die Konzerne in den vergangenen drei Jahren tatsächlich immer rentabler wurden, stiegen die Kurse ihrer Aktien deutlich: Der Dax legte von März 2004 bis heute von etwa 3650 auf 6700 Punkte zu. Das ist ebenfalls ein gehöriger Renditeschub. Und über den klagt niemand.