Managerskandale: Raffe, raffe, Häusle baue - DER SPIEGEL
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Managerskandale Raffe, raffe, Häusle baue

Sie stahlen, logen und tricksten. Jetzt sind ihre Unternehmen bankrott, doch die Skandal-Manager von Enron, WorldCom & Co. leben wie Könige in 15-Millionen-Dollar-Palästen - das US-Recht macht's möglich.
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New York - "Gier ist gut", sagte der Börsenhai Gordon Gekko vor 15 Jahren im Film "Wall Street" und beschrieb mit drei Worten das Lebensgefühl einer ganzen Nation, die bis Herbst letzten Jahres erfolgreiche Firmenbosse und Aktienhändler wie Stars verehrte. Dann kam der Enron-Skandal Stück für Stück ans Tageslicht, und mit ihm kam Amerikas Sinneswandel. "Eine ganze Nation von Anlegern schreit nach dem Blut der "white collars", beschreibt die "New York Times" die gegenwärtige Wut der amerikanischen Privatanleger. Die geprellten Aktionäre verlangen die Köpfe auf den "Weißen Krägen", die Tausenden Anlegern die Altersvorsorge raubten: Manager, die zuerst den Wert ihrer Unternehmen mit gefälschten Bilanzen in ungeahnte Kurshöhen katapultierten, dann mit dem Verkauf ihrer Firmenanteile an der Börse Milliarden von Dollar verdienten und schließlich das Unternehmen in die Pleite schlittern ließen. Nun wollen die Opfer das investierte Geld zurück. Doch das wird anderweitig gebraucht - für das Heimkino von Scott Sullivan zum Beispiel.

Das private Filmtheater steht in der "Le Lac Road" in Boca Raton, einem glamourösen Ferienparadies an der Küste Floridas. Scott Sullivan, der gefeuerte Finanzchef des bankrotten US-Kommunikationsriesen WorldCom, wacht dort über den Ausbau seines Ferienhäuschens: 117 Fenster, 87 Türen, neun Kühlschränke, vier Mikrowellen, Garagen für sechs Autos, ein Kino, ein Fitnessraum und sechs Whirlpools haben Lokalreporter auf dem Anwesen mit Seeblick gezählt. 1500 Quadratmeter Wohnfläche weisen die Architektenpläne aus. Sullivan ist ein Mann, der nicht kleckert, wenn er klotzen kann. Ihm wird vorgeworfen, während seiner Zeit als WorldCom-Vorstand 3,85 Milliarden Dollar falsch verbucht und so tatsächliche Verluste in fiktive Gewinne verwandelt zu haben. Die WorldCom-Aktien, die auf dem Höhepunkt des Börsenbooms insgesamt mehr als 100 Milliarden Dollar wert waren, sind inzwischen fast wertlos, das Unternehmen hat Konkurs angemeldet. Die Gläubiger stehen Schlange, doch solange Sullivan sein Geld in den Hausbau steckt, werden die geprellten Anleger davon keinen Cent sehen - und ist das ist ganz legal. Denn das sonnige Florida ist einer von sechs amerikanischen Bundesstaaten, die das Sprichwort "My home is my castle" wörtlich nehmen: Häuser dürfen im "Sunshine-State" nicht gepfändet werden.

"Paradiese für Reiche in Geldsorgen" seien Florida, Texas und vier weitere Bundesstaaten, in denen die sogenannten "Eigenheim-Klauseln" gelten, kritisieren Insolvenzrechtsexperten. Auch wenn der Besitzer eines Hauses etwa als Geschäftsführer persönlich für den Konkurs seines Unternehmens haftbar ist, darf der Wohnsitz nicht gepfändet werden - wie pleite er immer auch ist. "Viele Geschäftsleute, die sehen, dass sie oder ihre Firma in finanzielle Schwierigkeiten geraten, bauen noch schnell einen Swimmingpool oder stecken ihr Geld auf andere Art ins Haus", sagt der Rechtsprofessor Jeffrey Davis von der Universität Florida. "Das Geld ist dann vor ihren Gläubigern sicher." In Texas braucht der Hausbesitzer für diese Sicherheit im Bundesstaat noch nicht mal seinen ersten Wohnsitz zu haben. Es reicht schon aus, wenn er das Haus nur mietet und irgendwo anders in den USA lebt.

Seit der Enron-Krise sind die Amerikaner jedoch äußerst sensibel geworden, was den pompösen Lebensstil von Pleitemanagern angeht. Wen wundert's, dass Politiker nun versuchen, auf der allgemeinen Empörungswelle mitzureiten. "Mit jedem Jahr, das vergeht, erfahren wir von neuen Fällen, in denen Schurken in Staaten wie Florida und Texas ihren persönlichen Bankrott erklärt haben und trotzdem weiterhin in ihren Multimillionen-Dollar-Anwesen wie Könige leben", erzürnt sich Herb Kohl, Mitglied des amerikanischen Senats. In der Tat scheinen die Pleitiers der US-Wirtschaft eine gemeinsame Vorliebe für solche Bundesstaaten zu besitzen, die das Recht am Eigenheim besonders hoch in Ehren halten:

- Als Andrew Fastow im Oktober letzten Jahres als Finanzvorstand des Energiehändlers Enron gefeuert wurde, waren die Bauarbeiten an seinem 1060 Quadratmeter großen Haus in Houston bereits in vollem Gange. Der Wert des Hauses wird auf zwei Millionen Dollar geschätzt. Fastow galt bei Enron als "Bilanzmagier". Er gründete Tochterfirmen, in denen er Schulden in dreistelliger Millionenhöhe versteckte. Die US-Fahnder vermuten, dass Enron durch diese Finanzmanöver die Gewinne und damit den Aktienkurs in die Höhe getrieben hat. Mittlerweile ist die Firma pleite, die Aktien sind wertlos.

- Fastows ehemaliger Chef, der Ex-Enron-Verwaltungsratsvorsitzende Kenneth Lay und der Ex-Enron-Manager Thomas White mussten aufgrund der Pleite ihre zahlreichen Villen und Appartements in allen Ecken der USA verkaufen - nicht so in Texas und Florida. Lay braucht sich über sein sieben Millionen Dollar teures Penthouse in Houstons feinster Wohngegend zunächst keine Sorgen zu machen, dort ist es sicher. Auch White, der gezwungen war, sich von seinem Penthouse in Washington und von zwei luxuriösen Anwesen im Nobel-Skiort Aspen zu trennen, konnte sein 6,5-Millionen Dollar-Anwesen mit Privatstrand an der Golfküste in Florida behalten. Zur Zeit baut er nicht weit entfernt im Prominentenparadies Naples eine weitere Bleibe mit 1300 Quadratmeter Grundfläche.

- Gary "Scary" Winneck, Präsident des Glasfasernetzbetreibers Global Crossing, hat die viertgrößte Pleite der US-Geschichte zu verantworten und 54 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung vernichtet. In Beverly Hills renovieren laut "Los Angeles Times" bis zu hundert Arbeiter Winnicks Prachtvilla, die er für schlappe 92 Millionen Dollar erstand. Der Hausherr, dem Bilanzfälschung vorgeworfen wird, kann dort zwischen 64 Zimmern wählen. Die "L.A. Times" schätzt die Kosten des Umbaus auf 30 Millionen Dollar.

- Dennis Kozlowski, der frühere CEO des Mischkonzerns Tyco und einstiger Börsenstar, nennt in Boca-Raton eine 19-Millionen-Villa sein Eigen, ein auf einer vor Massachusetts Küste gelegener Insel 680 Quadratmeter großes Ferienhaus für sechs Millionen Dollar und ein weiteres Ferienhaus an der Küste von New Hamshire. Bezahlt hat den Strafverfolgunsbehörden zufolge alles Tyco. Aus dessen Firmenkasse soll sich der Chef Kozlowski mit insgesamt 135 Millionen Dollar bedient haben. Mit dem Firmengeld habe Kozlowski auch sein 18-Millionen-Dollar Appartement an New Yorks Fifth Avenue bezahlt. Außerdem leistete sich der Top-Manager einen eigenen Koch, einen eigenen Fitness-Trainer, einen persönlichen Leibarzt und einen goldenen Duschvorhang für 6000 Dollar - die Rechnung ging wohl stets an Arbeitgeber Tyco.

Die wütenden Stimmen von zahlreichen Rechtsprofessoren, Verbraucherverbänden und Politikern der letzten Monate, die im Rahmen der Reformierung des amerikanischen Bilanzrechts auch die "Eigenheim-Klausel" kritisierten, blieben im Weißen Haus nicht ungehört. Seit Beginn der Enron-Krise steht die amerikanische Regierung unter immensem Druck, das verlorene Vertrauen der Anleger in die Märkte wieder herzustellen. Neben dem Eid, den die Firmenchefs künftig auf ihre Bilanzen legen und für den sie "nach bestem Wissen und Gewissen" gerade stehen müssen, werden auch die "Eigenheim-Klauseln" beschnitten. Beschnitten, wohlgemerkt, nicht beseitigt. So dürfen die Behörden zwar künftig Häuser pfänden, wenn der Betroffene sie weniger als 40 Monate vor seiner Bankrotterklärung gekauft hat. Allerdings gibt es einen "Freibetrag" in der Höhe von 125.000 Dollar, der auch bei selbst verschuldeter Konkurserklärung nicht angetastet werden darf.

Vielen Kritikern geht das neue Gesetz bisweilen nicht weit genug. "Auch danach können die Reichen weiterhin ihre Häuser behalten", kritisiert der amerikanische Verbraucherverband SFA. Nur wenn die Gerichte dem Angeklagten einen schweren Betrug nachweisen und eine Verurteilung erreichen könnten, hätten die Behörden die Chance, auf die Häuser zuzugreifen.

Ob und wie viel die Skandal-Manager zurückzahlen, bleibt ohnehin völlig offen. Vieles hängt davon ab, ob die Behörden den Beschuldigten kriminelles Handeln nachweisen können. Zumindest der Anfang scheint gemacht: Letzte Woche bekannte sich Michael Kopper, ehemaliger Chefbuchhalter des bankrotten US-Energiehändlers Enron, als erster Mitarbeiter der gegen ihn erhobenen Vorwürfen der Geldwäsche und der Verschwörung zum Betrug schuldig. Kopper war maßgeblich daran beteiligt, jene Nebenfirmen zu gründen und zu betreiben, in denen Enron Verluste und Schulden in Milliardenhöhe versteckte. Da diese Transaktionen hochkomplex waren, ist es für die Strafverfolgungsbehörden schwer, eine Betrugsanklage hieb- und stichfest zu machen. Mit Koppers Geständnis haben die Ermittler nun erstmals die Chance, eine Anklage gegen die Vorstände von Enron zusammenzutragen. Auch acht Monate nach dem Konkurs von Enron wurden bisher weder dessen ehemaliger Finanzvorstand Fastow noch die beiden Ex-Vorstandsvorsitzenden Kenneth Lay und Jeffrey Skilling strafrechtlich belangt.

Die Medienberichte über den unvorstellbaren Reichtum heizen die Wut der geschröpften Kleinanleger auf die Pleitemanager an. "Eigentlich, Gordon, alter Junge, ist Gier nicht gut. Gier ist verwerflich!", antwortet das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune" dem Börsenhai Gekko 15 Jahre später. Amerika hat genug. Und auf öffentliche Vergebung darf ein Pleite-Kaiser wie Gary Winnick auch dann nicht hoffen, wenn er den Ausbau seines 92-Millionen-Dollar Schlosses mit dem Verweis auf das Gemeinwohl rechtfertigt: Schließlich restauriere er mit dem unter Denkmalschutz stehenden Palast eine der bedeutsamsten Immobilien von Los Angeles für die Nachwelt.

Hendrik Ankenbrand