Mann überfahren - DER SPIEGEL
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MINISTER-AUTOS Mann überfahren

• aus DER SPIEGEL 32/1956
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Außer einem herzlich gehaltenen Beileidsschreiben hat der bayrische Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner der Witwe des Filzfabrikarbeiters Karl Schreck, 50, aus Roth bei Nürnberg jetzt 500 Mark in bar übersandt, zur Linderung der dringendsten Not. Diese Notlage der Frau Schreck wurde durch den jähen Tod ihres Mannes verursacht.

Motorradfahrer Schreck mußte sein Leben lassen, als er den Versuch unternahm, die alte Bischofsstadt Bamberg auf der Bundesstraße 4 genau zu jener Zeit zu durchfahren, zu der sich mit der gleichen Absicht und auf der gleichen Straße - allerdings aus entgegengesetzter Richtung - Bayerns Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner in seinem Dienstwagen näherte, von einigen Polizeifahrzeugen begleitet. Der bayrische Regierungschef hatte dem Eröffnungsakt zur 900-Jahr-Feier der Stadt Coburg beigewohnt und befand sich auf dem Rückweg nach München.

Nun ist es in Bayern Brauch, die Fahrtstrecke des Ministerpräsidenten jenen Polizeidienststellen bekanntzugeben, deren Dienstbereich vom Kurs des Regierungschefs gekreuzt wird. So kam es, daß Dr. Hoegner und der Staatssekretär im bayrischen Landwirtschaftsministerium, Erich Simmel (BHE), der in seinem Dienstwagen dem des Regierungschefs folgte, von einem Volkswagen der oberfränkischen Landpolizei begleitet wurden. Ein schwarz-weißer Opel-Rekord-Streifenwagen der Bamberger Stadtpolizei erwartete diese Kolonne vor dem Ortseingang der Bischofsstadt, so daß die Bezeichnung »Eskorte«, die nun recht bald im Bamberger Polizeibericht auftauchte, durchaus gerechtfertigt ist.

Der Polizeibericht meldete nämlich kurz darauf, daß »ein Streifenwagen der Stadtpolizei der Eskorte vorausgefahren« sei, um den übrigen - entgegenkommenden - Verkehrsteilnehmern im Zuge der Bundesstraße 4 mit der Kelle Haltzeichen zu geben - eine Maßnahme, die in den einschlägigen gesetzlichen Vorschriften keine rechte Stütze findet.

Wer nun weiß, wie eng sich diese Bundesstraße stellenweise durch das alte

Bamberg windet, und wer der ersten Mitteilung entnimmt, daß die Eskorte mit 45 bis 50 Stundenkilometern durch die Stadt eilte, den wundert nicht, was nun kam: »Während zwei Wagen des entgegenkommenden Verkehrs sofort hielten, bemerkte ein Motorradfahrer das schnelle Bremsen des vor ihm fahrenden Pkw zu spät, prallte auf und wurde auf die Fahrbahn geschleudert.«

Jene Ungenauigkeit, die Autoren von Polizeiberichten zuweilen dann unterläuft, wenn die Polizei an solchen bitteren Vorkommnissen beteiligt ist, zeichnet auch diese amtliche Nachricht aus. In ihr fehlt nämlich die Feststellung, daß der Motorradfahrer Schreck, nachdem er auf den vor ihm fahrenden Pkw aufgeprallt war, zunächst gegen ein Fahrzeug der eilig entgegenkommenden Eskorte geschleudert wurde, und zwar gegen den Volkswagen der Landpolizei; dann erst blieb er schwerverletzt auf der Fahrbahn liegen.

»Durch sofortiges Bremsen« - so ließ sich mit dem gut ausgebildeten Reaktionsvermögen der Polizisten nun wieder einigermaßen unauffällig Staat machen - »konnte verhindert werden, daß der Mann überfahren wurde«. Indes, auch ohne noch überfahren zu werden, starb Karl Schreck zwei Tage später im Bamberger Krankenhaus. Befund: Gehirnerschütterung, Rippenbrüche, Verdacht auf Bruch von Brustwirbeln, schwere Platzwunde am Kopf. Die Ortspolizei, nach Schrecks Tod erneut wegen der Geschwindigkeit der Eskorte befragt, gab nun 50 bis 55 Stundenkilometer an, während Augenzeugen von wesentlich höherer Geschwindigkeit sprachen.

Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner, der nach dem Unfall sofort ausgestiegen war, um sich nach dem Verletzten zu erkundigen, rief noch am gleichen Abend von München aus im Bamberger Krankenhaus an und fragte nach Schrecks Befinden. Als ihn bald darauf die Nachricht vom Tode des Motorradfahrers erreichte, bedauerte er in einer nach Bamberg gerichteten Erklärung dieses traurige Ergebnis republikanischer Repräsentationsbeflissenheit:

»Ein Durchschleusen durch die Stadt Bamberg war von mir nicht angeordnet. Ebensowenig habe ich Landpolizei angefordert. Vor Bamberg wartete ein Wagen der Stadtpolizei, der dann vorausfuhr und die Geschwindigkeit bestimmte ... Ich habe von dem Unfall nur soviel gemerkt, daß mein Fahrer stark gebremst hat. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie sich ein Motorrad im Kreis gedreht hat. Ich bin dann ausgestiegen, um mich nach dem Verletzten und dem Hergang zu erkundigen. Wir wurden dabei beschimpft, sind dann wieder eingestiegen und weitergefahren ...

»Für die Geschwindigkeit war also nicht ich verantwortlich, ebensowenig für das Sirenengeheul, das die Stadtpolizei wie üblich veranstaltete. Ich habe nunmehr angeordnet, daß ich bei Überlandfahrten oder bei der Durchfahrt von oder durch Städte nicht mehr von der Polizei begleitet werde, sondern wie jeder andere Staatsbürger mit meinem Wagen durchfahren werde.«

So brachte Bayerns Regierungschef jenes in Deutschland so schwache Bewußtsein, daß auf der Straße alle eben nur Verkehrsteilnehmer sind, die den gleichen Gesetzen unterstehen, brieflich nachdrücklich zum Ausdruck, allerdings erst, nachdem ein Mensch zu Tode gekommen war. Die Frage ist nun, ob Hoegners Fahrer Eklhofer, wie der Fahrer jedes anderen Staatsbürgers, auch auf der Autobahn zwischen München und Bonn auf den Dauergebrauch des blauen Warnlichtes verzichten wird, das eigentlich nur von Polizei, Feuerwehr und ähnlichen Instanzen bei Einsatzfahrten gezeigt werden soll, den Fahrer Hoegners aber bisher auch in dem Bestreben unterstützte, die gut 600 Autobahn-Kilometer zwischen München und Bonn in weniger als fünf Stunden zu bewältigen.

Verkehrsteilnehmer Hoegner

Ein Motorrad wurde zur Seite geschleudert

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