Maritim wird exportiert - DER SPIEGEL
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Hotels Maritim wird exportiert

Polen bestellte beim deutschen Bau- und Hotelkonzern Maritim drei Superhotels, die den West-Ost-Tourismus ankurbeln sollen.
• aus DER SPIEGEL 27/1972
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Sie ähnelten einander wie Brüder beide gleich stattlich, kompakt und sehr selbstsicher. Der eine: deutscher Manager, Ritterkreuzträger im Zweiten Weltkrieg; der andere: Pole, Diplomingenieur und Stellvertretender Minister für Bauwesen.

Trotz gravierender Unterschiede in ihrem Lebenslauf reichte der Pole dem Deutschen impulsiv die Hand·. »Wir wollen Freunde, Brüder sein.« Mit diesem Handschlag beendete der Warschauer Vizeminister Janusz Anuszewski kürzlich in einem verschwiegenen Büro auf dem Frankfurter Flughafen mehrtägige Verhandlungen, zu denen er Experten mitgebracht hatte.

Sein Hauptgesprächspartner war der Generalmanager des Bau- und Hotelkonzerns Maritim. Günter Lüttgen. Die erfolgreiche Bau- und Finanzgruppe (etwa eine halbe Milliarde Mark Umsatz durch Bautätigkeit) betreibt in der Bundesrepublik drei Hotel- und Kongreßzentren, vier weitere sind im Bau. Bald werden auch in Polen Maritim-Elitehotels entstehen.

Die Warschauer Polit-Hierarchie gab erst kürzlich auf der Posener Messe deutlich zu erkennen, daß die staatli-

* Maritim-Manager Günter Lüttgen (2. v. l.) mit dem polnischen Vizeminister für Bauwesen Janus Anuszewski (3. v. 1.) bei Verhandlungen Mitte Juni in Frankfurt: Maritim-Hotel in Timmendorferstrand.

chen Industrie- und Handelsunternehmen die Kooperation mit deutschen Firmen suchen. Bisher wurden 140 deutsch-polnische Kooperationsverträge auf privater Basis abgeschlossen.

Darüber hinaus wollen die Polen auch im Dienstleistungsgewerbe wie der Touristik und der Hotellerie von dem Erfahrungswissen erfolgreicher Westfirmen profitieren und für die Finanzierung hochfliegender Projekte Kredite deutscher Bankenkonsortien in Anspruch nehmen.

Schon 1970 hatten sich mehrere polnische Gäste im ersten Maritim-Hotel in Timmendorf an der Ostsee einquartiert. Sie inspizierten das Haus heimlich vom Wäschereikeller bis zum kleinen Penthouse-Saal, delektierten sich an den Spezialitäten des Hauses und fragten das Hotelpersonal aus.

Wenige Wochen nach ihrer Abreise erhielt der superreiche Maritim-Boß Hans-Joachim Gommolla eine Einladung aus Warschau: Die obersten Leiter des staatlichen Gastgewerbes und Bauwesens »geben sich die Ehre«, so hieß es in dem Schreiben, die Herren zu einem Gedankenaustausch zu bitten.

Der scheue Baulöwe und Hotelmagnat schickte seinen Marketingchef und Konzern-Diplomaten Günter Lüttgen in die polnische Hauptstadt, wo ihm ein hoher Wirtschaftsfunktionär eröffnete: »So etwas, wie Sie in Timmendorf gebaut haben, brauchen wir auch, um den internationalen Tourismus anzukurbeln. Arbeiten Sie mit uns zusammen. verkaufen Sie uns Ihr Know-how und Ihr Firmenschild.«

Bald nach den ersten Kontaktgesprächen reiften konkrete Projekte: zuerst ein Maritim-Palast im Wintersportzentrum Zakopane in der Hohen Tatra« dann ein Mammuthotel in Warschau und schließlich noch eine noble Touristenherberge am Ostseestrand von Zoppot. Polens Urlaubsplaner hoffen auf westdeutsche Gäste.

Freilich kann Konzernchef Gommolla die Komfortsilos in Polen nicht selbst betreiben. Aber seine Experten sollen sie gegen Honorar entwerfen, einrichten, in Gang setzen und mit westlichen Reiseveranstaltern in Kontakt bringen. Ferner sollen deutsche Hotelmanager während der ersten drei Jahre das polnische Hotelpersonal ausbilden, bis westliche Perfektion erreicht ist und kapitalkräftige Gäste sich in Zoppot und Zakopane genauso wohl fühlen wie in St. Tropez oder Timmendorf.

Parlamentär Lüttgen war von dem Engagement der Polen nicht sehr überrascht, denn vor ihnen hatten schon Spitzenfunktionäre der DDR-Staatshotels am ersten Maritim-Hotel in Timmendorf Maß genommen, ehe sie in Warnemünde das nobelste Elitehotel der Arbeiter- und Bauernrepublik. die Gästeburg »Neptun«, planten. Die DDR-Technokraten reisten mehrmals nach Timmendorf. um kapitalistischen Luxus zu schnuppern. Als »Neptun« offiziell eingeweiht wurde, erging eine Einladung an die westdeutschen Tipgeber -- al Dank für die gratis empfangenen Ratschläge.

Die Polen aber wollen nicht kopieren. sondern redlich kooperieren. Sie faßten Vertrauen zum deutschen Verhandlungspartner, der seinen neuesten Gästesilo und eine Eigentums-Appartement-Residenz in Kiel von Stoßbrigaden des staatlichen polnischen Bauunternehmens Budimex hochziehen läßt. Pünktliche Sollerfüllung ist für die Arbeiter nationale Ehrensache.

In etwa sechs Wochen, noch vor Beginn der olympischen Regatten, kann das Kieler Maritim eröffnet werden. »Die hervorragende Bauleistung«, lobt Lüttgen, »veranlaßte uns, der Budimex auch unser nächstes Großprojekt« den Bau des Maritim-Hotel- und Kongreß-Zentrums Bad Soden im Taunus, zu übertragen.«

Im Gegenzug bereitet Maritim-Chefarchitekt Günter Reinhardt den größten polnischen Bauauftrag in der Warschauer City vor: einen Großhotelpalast. verbunden mit einem modernen Air Terminal, in dem alle Flugreisen von und nach Warschau beginnen oder enden. Auch dieses exponierte Zentrum des polnischen Fremdenverkehrs wird das Firmenschild Maritim tragen.

Die Finanzmanager des expansiven deutschen Hotel- und Bautrusts prüften über ihre Bankverbindungen, ob sich die Kreditwünsche der Polen erfüllen lassen: die Vorfinanzierung der drei großen Hotelbauten durch deutsche Banken. Ein Konsortium, dem unter anderen mehrere Landesbanken und Girozentralen angehören, will rund 200 Millionen Mark Baudarlehen gegen eine Bürgschaft der polnischen Staatsbank nach Warschau transferieren.

Anfang Juli werden Lüttgen sowie Chefarchitekt und Maritim-Gesellschafter Günter Reinhardt mit dem firmeneigenen Manager-Jet zum Vertragsabschluß nach Polen starten. Nach einer kleinen Entspannungstour durch den Kulturpark von Bialystok und einem Kurzbesuch in Zoppot wollen die Warschauer Genossen um ihre Gegenleistung an die deutschen Helfer -- ein jährliches Fixum für die Management-Beratung und eine angemessene Umsatzbeteiligung -- nicht mehr länger feilschen.

Polen-Freund Lüttgen: »Wir haben uns schon arrangiert. Der Vertrag ist unterzeichnungsreif. Bei uns wird kein Barzel »So nicht« sagen.«

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