Markenzank: Bionade im Brausekrieg - DER SPIEGEL
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Markenzank Bionade im Brausekrieg

Bionade gilt als willkommene Öko-Alternative zu klebrig-süßen Limos. Ihren Ruhm verteidigen die Bayern mit allen Mitteln - auch mit anwaltlicher Hilfe. So pflegt Bionade in der Branche ihren Ruf als Prozesshansel. Doch nun schlug ein Wettbewerber mit Erfolg zurück.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Einen mangelnden Sinn für Details wird man Peter Kowalsky nicht vorwerfen können. Der Chef des Brausebrauers Bionade hat ein Gespür für Kleinigkeiten - vor allem, wenn es um die Produkte der Konkurrenz geht.

So zum Beispiel im März dieses Jahres auf der Hamburger Lebensmittelmesse Internorga. Da erregte ein Werbeplakat des Getränkeherstellers Nordmann das Missfallen der Bionade-Abordnung. Abgebildet waren drei Limonadeflaschen: Der Nordmann-Trunk Bios, Kowalskys Bionade und eine Cola. Darüber stand "Zuckergehalt im Vergleich". Während die Bios-Flasche ohne Zuckerzusatz dargestellt wurde, waren in der Bionadeflasche fünf Stücke Zucker abgebildet, in der Cola-Flasche zwölf.

Kowalsky fackelte nicht lange und brachte eine einstweilige Verfügung gegen die Nordmänner auf den Weg. Begründung: In Bios sei sehr wohl Zucker enthalten und zwar in Form von dem im Saft enthaltenen Fruchtzucker. Außerdem dürfe auf den Flaschen nicht "ohne Zuckerzusatz" stehen.

Doch am Donnerstag schlugen die Bios-Produzenten zurück. Vor dem Düsseldorfer Landgericht klagten sie erfolgreich gegen Bionade, weil auf den Flaschen mit den Worten "kalzium- und magnesiumreich" geworben wurde. Laut einer EU-Verordnung ist das nur erlaubt, wenn der Anteil dieser Mineralstoffe mindestens 15 Prozent des Tagesbedarfs deckt. Das war bei Bionade laut Gericht nicht der Fall. Die Bayern müssen nun die Flaschen umetikettieren.

Ein Erfolg für Nordmann, doch sonst ist es meist die Bionade GmbH, die gegen die Konkurrenz vorgeht. Das umtriebige Getränkeunternehmen aus Ostheim im nördlichen Bayern ist berüchtigt für wüste Attacken auf unliebsame Wettbewerber. Das Streithansel-Image will dabei so gar nicht zur Marke Bionade passen. Die Exotenlimo gilt als Lieblingsgetränk der urbanen Öko-Elite. Das Unternehmen gibt sich betont sozial und umweltfreundlich. Und dennoch: Wenn es um Konkurrenten geht, gelten diese Grundsätze nicht.

Eine Ursache dafür liegt wohl auch in der Historie des Unternehmens. In den achtziger Jahren - damals firmierte Bionade unter dem Namen Peter Brauerei - drängten mächtige Biergiganten auf den deutschen Markt. Gegen die Konkurrenz war der kleine bayerische Peter-Braubetrieb chancenlos. Fünf bis zehn Prozent im Jahr hätten sie verloren, berichtet Kowalsky. 1995 stand der Mittelständler kurz vor der Pleite.

Nummer drei nach Fanta und Sprite

Was dann passierte, klingt fast wie ein Märchen, Happy End inklusive. Peter-Braumeister Dieter Leipold kreierte ein Getränk, das den Nerv des aufkommenden Biobooms genau zur richtigen Zeit traf. Die Bionade, eine biologisch hergestellte Brause. Zunächst war sie noch ein Geheimtipp in der Hamburger Öko-Szene. Dann trat die Bionade ihren Siegeszug im heiß umkämpften Getränkemarkt an. Mit unglaublichem Erfolg: Im vergangenen Jahr verkaufte die 2002 gegründete Bionade GmbH rund 200 Millionen Flaschen. Nach Fanta und Sprite liegt die Marke nach eigenen Angaben auf Platz drei im deutschen Limonadenmarkt.

Doch mit dem Erfolg kam auch die Konkurrenz. Plötzlich hatte der Discounter Plus die Maltonade der Frankfurter Brauhaus GmbH im Regal stehen, Sinalco kam mit der Sinconade. Und die Stralsunder Unternehmensgruppe Nordmann, die sonst Biere wie Störtebecker oder Ratsherrn herstellt, brachte eben Bios auf den Markt.

An sich ein Vorgang, wie ihn viele Konsumgüterhersteller kennen. Jede Innovation findet ihren Nachahmer, vor allem, wenn sie erfolgreich ist. Dagegen gibt es zwei Mittel: Durch neue Ideen den Vorsprung wieder herstellen, oder den Gegner mit juristischer Hilfe auf Abstand halten. Kowalsky setzt vor allem auf Variante Nummer zwei.

Attacke auf Sinalco

Dabei gibt sich Bionade nach außen stets betont konziliant. Unzählige Partnerschaften mit Umweltschutzorganisationen und sozialen Initiativen schmücken die Homepage des Unternehmens. Man könnte meinen, Bionade hätte sich der Wohltätigkeit verschrieben. Doch einer Gruppe gilt diese sicher nicht: der Konkurrenz.

So erwirkte Bionade gegen die Bio-Brause des Getränkeherstellers Sinalco, die Sinconada, eine einstweilige Verfügung. Und das, bevor die Limonade überhaupt auf den Markt kam. Sinalco hatte das Getränk im Oktober 2007 lediglich auf der Lebensmittelmesse Anuga in Köln vorgestellt. Damals hieß es noch Sinconade. Der Vorwurf: Die Limo sei dem Erscheinungsbild von Bionade zu ähnlich.

Sinalco gab schnell nach und änderte Namen und Flaschendesign. "Wir hatten so eine gute Resonanz auf der Messe, wir wollten nicht riskieren, dass wir das Produkt wegen juristischer Streitigkeiten nicht rechtzeitig auf den Markt bringen können", erklärt Sinalco-Sprecher Thomas Münzer den Blitzrückzug.

Dennoch schränkt er ein: Das Erscheinungsbild der Sinconade sei der Bionade jedoch überhaupt nicht ähnlich gewesen. "Nur im Dunkeln würde ich Sinconade mit Bionade verwechseln", behauptet Münzer. Seitdem heißt das Getränk Sinconada statt Sinconade. Bionade hatte etwas gegen das "nade" im Namen.

Tatsächlich hätte Bionade mit einer Klage gegen den Markennamen wenig Aussichten auf Erfolg gehabt. Laut Hagen Hild, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz in Augsburg, würde niemand die Vorsilben "Sinco" und "Bio" verwechseln. Auch bei der Nachsilbe "nade" habe er größte Bedenken, was den Markenschutz betrifft. Es sei ein Teil des Wortes Limonade, und das könne man nicht schützen.

"Die haben uns zuerst angegriffen"

Bionade hätte allenfalls wegen Rufausnutzung Recht bekommen können. Aber dafür hätte man erstmal die Bekanntheit der Bionade durch ein Gutachten nachweisen müssen, so Hild. Bionade kam dennoch durch - weil Sinalco die Markteinführung des Getränks nicht verzögern wollte.

Ein persönliches Gespräch mit der Konkurrenz hat Bionade-Chef Peter Kowalsky vor dem Antrag auf einstweilige Verfügung dabei nicht gesucht. "Wir haben Sinconade das erste Mal auf der Messe gesehen. Wir hatten gar keine Möglichkeit, vorher mit Sinalco zu sprechen." Außerdem hätte Bionade auch gar nicht den Anfang gemacht. "Die haben uns zuerst angegriffen und zwar mit der Art und Weise wie sie ihre Limonade präsentiert haben."

Sinalco ist nicht der einzige Wettbewerber den Kowalsky der Kategorie "Angreifer" zuordnet. So handelte sich auch die Frankfurter Brauhaus GmbH, die die Supermarktkette Plus mit der Bio-Limo Maltonade beliefert, durch Bionade eine einstweilige Verfügung ein. Wieder hieß der Vorwurf, Schriftzug und Farbe seien dem Bionade-Design zu ähnlich. "Die Verbraucher haben gefragt, ob es uns nun auch bei Plus gibt", berichtet Kowalsky.

Leichtes Spiel mit Maltonade

Das sieht Rechtsanwalt Hild anders. "Eine Verwechslungsgefahr besteht auch zwischen Bionade und Maltonade nicht", urteilt er. Auch hier könnte der Vorwurf der Rufausnutzung gemacht werden. Laut Mike Gärtner, Geschäftsführer des Frankfurter Brauhauses, hat Bionade auch hier im Vorfeld nicht versucht, die Angelegenheit friedlich zu klären. "Ich habe das persönliche Gespräch mit Bionade-Chef Kowalsky gesucht. Ich wurde auf seine Anwälte verwiesen."

Und auch bei der Maltonade hatte Bionade ein leichtes Spiel. Nachdem das Unternehmen die einstweilige Verfügung durchgesetzt hatte, einigten sich die Parteien auf Druck der Supermarktkette Plus, an die die einstweilige Verfügung auch gerichtet war, auf einen Kompromiss. "Hätten wir Widerspruch eingelegt, hätten wir ganz sicher Recht bekommen, aber Plus wollte eine friedliche Lösung", so Gärtner. Also änderten die Frankfurter Schriftzug und die Farbgebung. Ein weiterer Erfolg für die Bionade GmbH.

Viel Keile für die Konkurrenz. Doch trotz aller Erfolge wähnt sich Bionade-Boss Kowalsky weiter in der Opferrolle. "Wir sind keine zähnefletschenden Bestien, die jedem in die Wade beißen, der eine Bio-Limo herausbringt", verteidigt er sich. Doch sieht er sich von großen Konzernen angegriffen, die Kowalskys Meinung nach den guten Ruf der Bionade für das eigene Produkt nutzen wollen. "Wir werden in ein Haifischbecken gezogen, in dem das Wasser blutrot ist."

Den wohl verbissenste Kampf ficht Bionade mit dem Bios-Hersteller Nordmann aus. Hier allerdings formiert sich ernsthafter Widerstand. Der einstweiligen Verfügung gegen den Zuckervergleich wurde nicht stattgegeben. "Sie wollten uns einfach den Messeauftritt untersagen", berichtet Oliver Nordmann, Geschäftsführer der Nordmann-Gruppe. Die Werbung wurde zwar vom Landgericht Hamburg verboten. In der Überschrift hätte "Zuckerzusatz", nicht "Zuckergehalt" stehen müssen. Die Aufschrift "ohne Zuckerzusatz" jedoch darf weiterhin auf den Bios-Flaschen stehen.

Doch Bionade ließ nicht locker und legte Widerspruch ein. "Der Zucker wurde durch den Saft hinzugefügt mit dem Zweck, das Getränk zu süßen", ereifert sich Kowalsky. Nordmann wiederum findet das absurd. "Natürlich ist in Saft Fruchtzucker. Wie soll man denn ohne Saft ein Erfrischungsgetränk herstellen. Aber es ist kein Kristallzucker enthalten, im Gegensatz zur Bionade."

Retourkutsche gegen den Geschäftspartner

Laut Nordmann verzögerte der Prozess die Einführung von Bios um drei Monate. Allerdings erlaubten sich die Norddeutschen eine Retourkutsche gegen Kowalsky: Bionade dürfe nach der europäischen Health-Claims-Verordnung nicht mit hohem Kalzium- und Magnesiumgehalt auf der Flasche werben, wenn nicht bestimmte Mindestmengen enthalten sind, lautete der Vorwurf. Nordmann zog vor das Landgericht Düsseldorf und erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen Bionade, die am Donnerstag bestätigt wurde.

Das Absurde an dem Rechtsstreit: Nordmann und Bionade sind Geschäftspartner. Nordmann vertreibt im Jahr fünf Millionen Flaschen Bionade über den eigenen Großhandel. Doch beide Parteien verweisen darauf, der andere habe ja angefangen.

Dabei könnte sich Bionade-Chef Kowalsky eigentlich auf das Wesentliche konzentrieren: Den Ausbau seiner Marktmacht mit Hilfe neuer Innovationen. Nach Einschätzung der Wirtschaftsvereinigung Alkoholfreie Getränke (WAFG) muss Bionade nicht um ihren Platz als Marktführer im Bio-Limonadenmarkt fürchten. "Bionade ist kein kleiner Local-Player mehr", sagt Werner Witting, Hauptgeschäftsführer der WAFG.

Viele marktmächtige Wettbewerber versuchten zwar vom Boom der Wellness-Getränke zu profitieren, was ein gängiger marktwirtschaftlicher Prozess sei. Bionade habe aber die kritische Marke überschritten. "Von der Konkurrenz geht im Moment keine existenzielle Gefahr aus."

Kowalsky jedoch sieht sie als Feind und immer sind es die anderen, die ihn angreifen. "Bionade ist unser einziges Baby. Und das werden wir doch wohl verteidigen dürfen." Und das wird er nicht müde zu wiederholen.