Markt und Moral Wettbewerb ist janusköpfig
Die Finanzkrise hat in aller Welt helle Empörung ausgelöst. Am Pranger stehen seitdem gierige Manager, die ohne Rücksicht auf Verluste ihre eigenen Ziele verfolgten und sich um die Folgen für die Allgemeinheit nicht scherten. Die Beteiligten lösten also nicht nur einen handfesten Wirtschaftsabschwung mit unermesslichen finanziellen Schäden aus - sie ließen auch erneut die Frage aufkommen, ob der Kapitalismus moralisch akzeptabel ist.
Börsenhändler: Wie bei der Kasko-Versicherung für das Auto
Foto: REUTERSInzwischen ist die moralische Entrüstung zwar einer nüchterneren Analyse der Ursachen gewichen: Sie werden jetzt nicht mehr in den Motiven der handelnden Personen, sondern eher in Defiziten des Finanzmarktes gesehen. Gleichwohl bleibt die Frage: Wie lässt sich das System so gestalten, dass auch die ethischen Grundsätze unserer Gesellschaft zur Geltung kommen?
Die Frage ist nur auf den ersten Blick einfach zu beantworten. Denn eine der zentralen Ursachen der Misere ist der Wettbewerb - ein Aspekt, der in der bisherigen Diskussion zu kurz gekommen ist. Dies ist für die Ethik von besonderer Bedeutung, weil die grundlegenden Werte unserer Kultur vor dem Hintergrund vormoderner Gesellschaften entwickelt worden sind, von Gesellschaften also, die den Wettbewerb als Systemimperativ nicht kannten.
Natürlich hat es auch schon in der Vormoderne Wettbewerb in einer quasi "natürlichen" Form gegeben. Aber in der Marktwirtschaft erlangt der Wettbewerb den Status eines Funktionsimperativs für die ganze Wirtschaft. Das bedeutet, dass sich niemand auf dem Erreichten ausruhen können soll, weil er immer damit rechnen muss, dass andere ihn morgen überholen. Dies zwingt jeden Einzelnen dazu, jederzeit, unablässig und präventiv so viele Potentiale aufzubauen wie irgend möglich. Potentiale an Macht, Geld, Wissen, Stärke, Beziehungen, um sein langfristiges Überleben, seine Selbständigkeit zu sichern. Im Wettbewerb kann sich ein Unternehmen dem Funktionsimperativ der nachhaltigen Shareholder-Value-Maximierung ebenso wenig wie der Stakeholder-Orientierung entziehen. Für moralisch motivierte Vor- und Mehrleistungen, die nicht kompensiert werden, lässt die Wettbewerbslogik daher keinen Raum.
Karl Marx hatte diese Logik klar erkannt und daraus den Schluss gezogen, den Wettbewerb abzuschaffen. Dieses Experiment ist 1989 wohl endgültig gescheitert. Dem Wettbewerb verdanken die Menschen ihren Wohlstand in dem weiten Sinn, der unter anderem auch Bildung, höhere Lebenserwartung, kulturelle Erfahrungen mit einschließt. Es ist der Wettbewerb, der für gute, preiswerte, innovative Produkte und Dienstleistungen und für die schnelle Diffusion guter Problemlösungen sorgt sowie für den Abbau von Machtpositionen, die im Wettbewerb immer wieder mal entstehen.
Seit jeher finden in der Marktwirtschaft moralische Kategorien Eingang in die Regelwerke des Wirtschaftslebens. Regeln stellen den Wettbewerb über bestimmte Parameter wie zum Beispiel Betrug, Diebstahl, Vertragsbruch, Umweltverschmutzung still, um ihn über andere Parameter wie Qualität, Kosten und Innovation richtig zu entfesseln. Die Moral liegt dann in den Spiel-Regeln, und der Wettbewerb findet in den Spiel-Zügen statt.
Das Fehlen von Regeln hat die Finanzkrise ausgelöst
Solche Regeln dienen noch nicht einmal einem höheren moralischen Ziel, sie sind vielmehr Ergebnis einer rein rationalen Erwägung: Denn der Wettbewerb ist wegen seiner Janusköpfigkeit nur unter geeigneten Regeln produktiv und erwünscht. Der Wettbewerb, der noch keine Regeln oder ungeeignete oder falsche Regeln hat, wird unvermeidlich ruinös.
Wenn wir diese Überlegungen auf die Finanzkrise übertragen, können wir als wesentliche Ursache das Fehlen geeigneter Regeln für den Wettbewerb unter den Banken und den Bankmanagern ausmachen.
Bestes Beispiel dafür sind die neuen Instrumente für den Finanzmarkt, die in den vergangenen Jahren auf den Markt kamen und naturgemäß noch keinem geeigneten Regelsystem unterlagen zum Teil dienten sie wohl auch dazu, sich den bestehenden Bilanz- und Kontrollregeln zu entziehen.
Diese neuen Produkte dienten im Wettbewerb wie nicht anders zu erwarten allein dazu, Rendite und Wachstum zu steigern. Und ihr Erfolg sorgte für den entsprechenden Druck auf die Konkurrenz: Es blieb dem einzelnen Bankvorstand gar nichts anderes übrig als mitzumachen. Andernfalls wäre er entlassen worden, mit der Begründung, dass er die Chancen des Marktes nicht erkannt habe. Der scharfe Wettbewerb unter unzureichenden Regeln führte also in die kollektive Irrationalität, zum Zusammenbruch des Systems - und nicht ein irrationaler "Herdentrieb". Vermutlich hat manch ein Banker diese Folge vorhergesehen, konnte aber als Einzelner unter dem Druck des Wettbewerbs nichts dagegen ausrichten.
Andere Faktoren haben in die gleiche Richtung gewirkt - und wieder sind es nicht die Handlungsmotive der Akteure wie Vorteilsstreben oder pejorativ "Egoismus" oder "Gier" , sondern die Bedingungen, die dieses Resultat erzeugt haben.
So bereitete die amerikanische Notenbank mit ihrer Niedrigzinspolitik erst den Boden für die massive Ausweitung der ausgezahlten Kredite. Auch die US-Regierung trug mit der Förderung der Hauskredite dazu bei. Weitere Faktoren waren die Möglichkeit, Zweckgesellschaften zu gründen und aus der Bilanz und der Unterlegung mit Eigenkapital weitgehend auszugliedern, um das Kreditvolumen zu erweitern, das Versagen der privaten Rating-Agenturen und der staatlichen Bankenaufsicht, die Fehlanreize aus falsch konstruierten Bonuszahlungen, und - last but not least - die Renditeerwartungen der Anleger, zu denen auch kleine Sparer und die Arbeitnehmer zählen, die auf eine gute Verzinsung ihrer Beiträge zu den Pensionsfonds pochen.
Es folgt die Welle der Reregulierung
Was also ansteht, ist die Regulierung der Finanzmärkte, da der nicht oder falsch geregelte Wettbewerb ruinös wird. Allerdings sieht es so aus, als ob die Verantwortlichen der Welle der Deregulierung jetzt eine mit ethischen Argumenten verbrämte Welle der Reregulierung folgen lassen wollten.
Doch diese Sicht der Probleme birgt eine große Gefahr: Zwar ist es richtig, dass Regeln immer Handlungsbeschränkungen darstellen; aber der Sinn solcher Handlungsbeschränkungen sollte nicht die Bändigung der "Gier" sein, sondern die Förderung von allgemein erwünschten Interaktionen, die ohne glaubwürdige Unterbindung von Erpressung, Betrug oder Intransparenz nicht zustande kommen würden. Wir sehen es in der aktuellen Krise: Wegen der wechselseitigen Intransparenz und Unsicherheit über die Bonität der Banken sind der für die Kreditvergabe so wichtige Geldverkehr unter den Banken praktisch zum Erliegen und das Vertrauen abhanden gekommen.
Wie man allseits produktive Interaktionen durch zu wenige Freiheitsgrade in Folge von Regulierung verhindern kann, so können sie auch durch zu viele Freiheitsgrade unterbleiben, weil dann die Verlässlichkeit schwindet. Es geht daher nicht um das optimale "Maß" an Regulierung, es geht vielmehr um die Struktur der Regulierung, die sich an der Frage orientieren muss, welche Parameter im Wettbewerb stillzustellen sind, damit der Wettbewerb über andere, geeignete Parameter als echter Leistungswettbewerb zum Wohl aller entfesselt werden kann.
Solche Regeln zielgenau zuzuschneiden, ist bei Innovationen allgemein und auch bei Finanzmarktinnovationen ex ante kaum möglich. Erst wenn gravierende Schäden eingetreten sind, wachsen Einsicht und Bereitschaft, sich Regeln zu unterwerfen. Das ist der wichtigste Grund, weswegen man eine Ex-ante-Regelung für die neuen Finanzmarktinstrumente nicht erwarten konnte.
Bei dem Volumen an Verlusten an den Finanzmärkten scheinen jetzt Einsicht und Bereitschaft vorhanden zu sein, sich Regeln zu geben und sich ihnen auch zu unterwerfen. Die Politik hat inzwischen die Rolle des Mediators übernommen: Das ist zu begrüßen. Es ist nur zu wünschen, dass der Atem lang genug ist, um ein gutes Regelsystem zu entwickeln, das Innovationen nicht be- oder verhindert, sondern sie fördert und ihnen die richtige Richtung gibt. Das Setzen von Regeln ist Aufgabe primär des politischen Systems. Daher zeugt es von Blindheit und Selbstgerechtigkeit, wenn ausgerechnet Politiker von den Bankern verlangen, die Versäumnisse der Politik durch individuelle Tugenden wie Mäßigung zu kompensieren.
Neue Gefahren durch Bad Banks
Inzwischen wird über staatliche Bad Banks diskutiert, die die notleidenden Kredite der Banken übernehmen sollen. Doch selbst wenn sie die Banken verpflichten, sich an der Finanzierung zu beteiligen, würden die Staaten in die Rolle des lender of last resort geraten. Dies kann die Finanzmarktakteure erneut zu moral hazard verführen: Sie können große Risiken eingehen, weil bei Scheitern der Staat eintritt. Dadurch werden massive Fehlanreize gesetzt, die so weit wie möglich zu reduzieren sind.
Die klassische Lösung für dieses nie ganz zu beseitigende Moral- hazard-Problem sind Selbstbehalte wie bei der Kasko-Versicherung für das Auto. Für die Finanzmarktakteure müsste man so einen Selbstbehalt einführen, nicht, um sie zu bestrafen oder zum Schadensersatz heranzuziehen, sondern um sie bei ihren Aktivitäten zur Vorsicht anzuhalten. Selbstbehalte sind weder Strafen noch Schadensersatzleistungen, sondern Instrumente zur Prävention gegen zu große Risikobereitschaft (moral hazard). Deren Höhe müsste sich nach diesem Gesichtspunkt richten und nicht nach dem Gesichtspunkt, den Schaden zu kompensieren, notfalls mit dem gesamten Vermögen, was für Manager ebenso wenig möglich wäre wie für Politiker, die oftmals noch größere Schäden anrichten.
In der Marktwirtschaft mit Wettbewerb müssen ethische Prinzipien also in die Regeln der Rahmenordnung inkorporiert werden. Doch das allein genügt nicht. Sie müssen auch im eher traditionellen Sinn von moralischer Einstellung des Einzelnen zur Geltung kommen. So brauchen Führungskräfte eine Idee, eine Vision davon, was sie wollen, welchem Zweck ihr Tun letztlich dient. Wenn man so will, kann man hier auch von Werten, regulativen Ideen oder Utopien reden.
Die Ethik bietet als Kandidaten für diese letzten Ziele an: klassisch die "Glückseligkeit" oder modern ein "gelingendes Leben" für alle Menschen; eine Stufe heruntergebrochen heißt das: die Würde und Freiheit jedes Einzelnen und die Solidarität aller. Diese Ideen werden in der Ethik begründet, reflektiert und expliziert. Aufgabe der (Unternehmens-)Politik und der Führungskräfte ist es, sich diesen Werten unter konkreten Bedingungen anzunähern, wozu auch gehört, Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu schaffen und als Vorbild aufzutreten. Die Werte allein geben keine Handlungsanweisungen. Sie fungieren eher wie ein Kompass, nicht wie ein Navigationsgerät: Den konkreten Weg müssen die Führungskräfte situativ selbst suchen, und dafür brauchen sie einen ethischen Kompass.
Da Regeln immer allgemein sind, muss schließlich auch konkret entschieden werden, wie genau welche Regeln in konkreten Situationen anzuwenden sind. Das beginnt schon mit der Interpretation der Situation und setzt sich fort mit der Interpretation der Regeln und endet bei Entscheidungen unter zum Teil großer Unsicherheit, Entscheidungen, die nicht selten auch korrigiert oder revidiert werden müssen. Hier kommt es darauf an, Sinn und Zweck des Spiels Marktwirtschaft zu verstehen und in den Grauzonen, die jedes Regelsystem lässt, im Sinne dieses Spielverständnisses zu entscheiden.
In der aktuellen Finanzkrise kann die Ethik also zur genaueren Problembestimmung und damit vielleicht auch zur Problemlösung durchaus beitragen; sie muss sich allerdings über weite Strecken der ökonomischen Logik bedienen.