Markteinstieg Wie man günstige Aktien findet
Spätestens wenn sich die Börsenkurse in nächster Zeit tatsächlich der Realität angepasst haben, ist für viele Anleger der Zeitpunkt zum Einstieg in den Markt gekommen. Und dann stellt sich einmal mehr die Frage: Welche Aktien sind die richtigen? Welche Werte sind günstig - und nicht nur billig?
Um das gerade in Krisenzeiten zu bewerten, halten Experten einen Blick auf das Verhältnis vom Kurs zum Buchwert für hilfreich. "In schwierigen wirtschaftlichen Phasen sollten sich Anleger nicht durch ertragsorientierte Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Aktien täuschen lassen", sagt etwa Andreas Hürkamp, Aktienstratege der Commerzbank. Der Grund: Geht es mit der Wirtschaft bergab, tendieren die Gewinnaussichten schnell gegen null. Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) schießen also in die Höhe und suggerieren, ein Papier oder ein Markt seien überbewertet. "Das stimmt aber nicht unbedingt", sagt Hürkamp.
Als Orientierungshilfe deutlich besser geeignet ist nach Ansicht des Experten daher zurzeit das Verhältnis vom Kurs zum Buchwert eines Unternehmens (KBV), das auch Value-Investoren wie Warren Buffett gern zur Beurteilung von Investmentchancen nutzen.
Kurse vielfach übertrieben stark gedrückt
Dabei gilt: Liegt das KBV über eins, so bewertet die Börse ein Unternehmen höher, als es der eigentliche Substanzwert rechtfertigt, der sich vor allem der Bilanz entnehmen lässt. Ein KBV von weniger als eins dagegen deutet auf eine Unterbewertung hin. Allein die Liquidierung aller Vermögenswerte würde theoretisch mehr einbringen, als die Aktionäre dem Unternehmen in so einem Fall an Wert zumessen.
"In vergangenen Rezessionsphasen hat sich gezeigt, dass die Kurse vielfach übertrieben stark unter den Buchwert gedrückt wurden", sagt Hürkamp. "Die Märkte schätzen die Zukunft offenbar regelmäßig zu pessimistisch ein. Die Unternehmen kommen vielfach schneller wieder auf die Beine als erwartet."
So war es auch in diesem Jahr. Bis zum März wusste noch niemand, wohin die Reise mit der Weltwirtschaft gehen würde. Selbst eine Depression wie vor 80 Jahren wurde als mögliches Szenario durchgespielt. In der Folge sackten die Aktienkurse ab, der Dax rutschte auf ein Fünf-Jahres-Tief.
Dass dieser Absturz übertrieben war, lässt sich auch am KBV ablesen. "Ende Februar, Anfang März war das Kurs-Buchwert-Verhältnis für den gesamten deutschen Aktienmarkt unter eins", sagt Raimund Saxinger, Fondsmanager bei Frankfurt Trust. "Im Durchschnitt notierte also der gesamte Markt unter seinem Substanzwert." Als Beleg verweist Saxinger auf die Entwicklung des MSCI Deutschland sowie auf dessen kumulierten Substanzwert. Der Index enthält circa 60 Werte, die den deutschen Aktienmarkt abbilden sollen.
"So etwas kommt nur sehr selten vor", sagt der Experte. "Selbst im März 2003, auf dem Tiefpunkt nach dem Platzen der Internet-Blase also, hatte der Markt noch ein KBV von eins." Bis zum Januar 2000, als der Internet-Hype seinen Höhepunkt erreichte, war das Gesamt-KBV zuvor bis auf 4,46 geklettert.
Inzwischen ist allerdings auch die Unterbewertung vom März dieses Jahres schon wieder passé. Die Kursanstiege der vergangenen Wochen haben dazu geführt, dass das KBV des MSCI Deutschland bis Mai auf 1,27 gestiegen ist.
Was ist der Name Coca-Cola wert?
"Im März notierten einige große Zykliker bei ihrem Buchwert oder darunter", sagt Commerzbank-Stratege Hürkamp. "Ein Beispiel ist die Aktie von BASF , deren KBV bis auf eins zurückging." Das Papier gibt es nach Angaben des Experten nur selten so günstig. Inzwischen ist das KBV von BASF bereits wieder auf Normalniveau angestiegen. "Im langjährigen Durchschnitt kostet die BASF-Aktie das Doppelte bis Dreifache ihres Buchwerts", so Hürkamp.
Das Beispiel der BASF-Aktie zeigt: Es ist offenbar nicht unbedingt ratsam, den Kurs einfach mit dem Buchwert in Relation zu setzen und dann zu schauen, ob das Ergebnis größer eins (entspräche einer Überbewertung) oder kleiner eins (Unterbewertung) ist. "Besser ist der Vergleich des KBV mit seinem langjährigen Durchschnitt", sagt Experte Hürkamp.
Und noch aus anderen Gründen ist Vorsicht geboten, wenn es darum geht, Aktien nach dem KBV auszuwählen. So bereitet bei vielen Unternehmen schon die Ermittlung des präzisen Buchwertes Schwierigkeiten. Problematisch ist zum Beispiel oft die Bewertung immaterieller Vermögenswerte. Wie viel ist beispielsweise der Name "Coca-Cola " wert? Wie sehr hängt der Erfolg einer Software-Schmiede davon ab, dass genau die Programmierer beschäftigt werden, die aktuell auf der Gehaltsliste stehen? Und was, wenn der wichtigste Vertriebsmann plötzlich mitsamt prall gefülltem Adressbuch das Haus verlässt?
Hinzu kommt: Selbst wenn korrekt gerechnet und summiert wird - wer nur auf das KBV schaut, läuft Gefahr, sein Portfolio einseitig auszurichten. "Es besteht die Möglichkeit, dass viel Old Economy und wenig New Economy gekauft wird", sagt Fondsmanager Saxinger. "Denn die Wachstumswerte rücken bei dieser Methode gegenüber Substanzwerten ins Hintertreffen."
Saxinger ist sich daher sicher: Bei der Aktienauswahl sollte der Blick auch auf das KBV gerichtet werden - jedoch keinesfalls ausschließlich darauf.