Renten Massive Abflüsse
Der Auftrag an die Rechenprofis in der Bilanzabteilung war eher ungewöhnlich - ihr Chef verlangte realistische Zahlen.
Erstmals wollte Jürgen Krumnow, im Vorstand der Deutschen Bank zuständig für Steuern und Bilanzen, den Aktionären und der Öffentlichkeit zeigen, wie es tatsächlich um das größte deutsche Geldhaus steht.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Bei ehrlicher Betrachtung ist die Deutsche Bank viel reicher, als sie sich bisher in ihren Bilanzen präsentiert hatte.
Zum Vorschein kam aber auch eine Belastung von bisher ungeahntem Ausmaß. Für die Betriebsrenten ihrer Mitarbeiter hatten die sonst so vorsichtigen Banker viel zuwenig Geld auf die Seite gelegt.
Die Rückstellungen für die in Zukunft zu zahlenden Pensionen betrugen 4,3 Milliarden Mark - tatsächlich erforderlich sind aber, so ermittelten jetzt die Bilanzexperten, fast 6,7 Milliarden Mark.
Durch die Rechenoperation entschärften die Banker eine Zeitbombe in ihrer Bilanz. Die meisten anderen Unternehmen müssen diesen Schritt noch tun. Fast alle Firmen, die ihren Mitarbeitern Betriebsrenten versprechen, haben bislang zuwenig Geld zurückgelegt, um ihre Zusagen auch erfüllen zu können.
Das Loch ist gewaltig. Auf 300 Milliarden Mark summieren sich die gesamten Rückstellungen der Wirtschaft für das betriebliche Ruhegeld langjähriger Mitarbeiter. Die tatsächlichen Kosten werden aber aller Voraussicht nach um bis zu 150 Milliarden Mark höher ausfallen.
»Ein nicht zu unterschätzendes Liquiditätsrisiko« sieht Alexander Schrader von der Deutschen Bank Research in der mangelhaften Vorsorge der Unternehmen. Zunehmend treten in den kommenden Jahren Mitarbeiter in den Ruhestand, die hohe Versorgungsansprüche gegen ihren Arbeitgeber haben. Weil die Rückstellungen dafür nicht ausreichen, sind massive Kapitalabflüsse programmiert.
Können Unternehmen nicht auf sonstige Reserven zurückgreifen, müssen Investitionsprogramme gestrichen werden. Eigenkapitalschwachen Firmen drohen gar Existenzkrisen. Für die kommenden Probleme machen Vertreter der Wirtschaft schon jetzt Politiker und Richter verantwortlich.
Das Steuerrecht lasse nur unzureichende Reservenbildung zu, während die Arbeitsgerichte die Kosten für die Betriebe immer weiter in die Höhe getrieben hätten, klagt Boy-Jürgen Andresen, Vorstandsvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung. »Das paßt einfach nicht zusammen.«
Nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts von 1978 müssen die Firmen ihren Betriebsrentnern regelmäßig einen Inflationsausgleich zahlen. Geht es dem Unternehmen schlecht, dann fällt diese Anpassung zwar aus, sie muß aber nach einem weiteren Urteil der Kasseler Richter nachgeholt werden, sobald wieder ausreichend Geld in der Kasse ist.
Auf der anderen Seite wurden die steuerlichen Bedingungen für Betriebsrenten in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert. Der Fiskus erlaubt den Unternehmen auch nicht, aktuelle Trends zu steigenden Löhnen und höheren Lebenshaltungskosten zu berücksichtigen.
Teurer wird die Altersversorgung auch durch die ständig steigende Lebenserwartung. Bei Siemens stehen 180 000 Beschäftigten heute bereits 110 000 Betriebsrentner gegenüber.
Wie die gesetzliche Rentenversicherung droht die betriebliche Altersversorgung an ihren Kosten zu ersticken.
Vor allem für die Jungen sieht es düster aus. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit ziehen viele Firmen jetzt Konsequenzen.
Die Zusagen von Betriebsrenten fallen bei Neueinstellungen meist geringer aus. Bisher garantierten die Großkonzerne ihren Beschäftigten überwiegend Renten, die einen vorher festgelegten Prozentsatz vom Endgehalt ausmachten. Bei neuen Versorgungsplänen stehen in der Regel nur die Beiträge fest - wie hoch die aus ihnen zu erwirtschaftenden Renten dereinst ausfallen werden, bleibt ungewiß.
Einige Firmen schließen ihre Versorgungswerke ganz. Wer heute beim Verlagshaus Burda oder bei Karstadt anfängt, hat keine Betriebsrente mehr zu erwarten. »Das ganze System geht den Bach runter«, fürchtet Paul Giertz, Sozialrechtler bei der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen.
Der Gewerkschafter beobachtet immer häufiger Generationenkonflikte innerhalb der Belegschaften. »Manche Betriebsräte haben gar nichts dagegen, wenn die Firma den Jungen keine Zusagen mehr macht. Denn dann bleibt der Kuchen für die Älteren größer.«
Seit Jahren sinkt die Zahl der Beschäftigten, die im Alter noch Überweisungen von ihrem früheren Arbeitgeber zu erwarten haben. Zwischen 1990 und 1993, so ergab die letzte Umfrage des Ifo-Instituts, verminderte sich deren Anteil von 70 auf 66 Prozent der Beschäftigten. »Wir rechnen damit, daß sich der Abwärtstrend fortgesetzt hat«, sagt Ifo-Experte Wolfgang Ruppert.
Zur Aushöhlung der betrieblichen Altersversorgung trägt indirekt auch die Arbeitslosigkeit bei. Anders als in früheren Jahrzehnten haben es die Unternehmen heute kaum mehr nötig, Mitarbeiter durch generöse Rentenzusagen anzulocken oder an die Firma zu binden. Belohnung für langjährige Betriebstreue steht nicht mehr hoch im Kurs.
Die Kürzungen treffen vor allem die Mitarbeiter, die aus der gesetzlichen Rentenkasse in 20 oder 30 Jahren nicht viel zu erwarten haben. »Ein Trauerspiel«, sagt Michael Schoden, Arbeitsrechtler beim Deutschen Gewerkschaftsbund.
Jetzt haben sich die Banken des Problems angenommen. Zur Stärkung der betrieblichen Alterssicherung propagieren die Geldhäuser derzeit Pensionsfonds nach angelsächsischem Muster: Das für die Ruhegelder reservierte Kapital soll nicht in den Betrieben bleiben, sondern von professionellen Vermögensverwaltern gemehrt werden.
Eine bessere Streuung des Anlagegeldes auf Aktien, Anleihen und Immobilien soll höhere Renditen abwerfen - zum Nutzen der Begünstigten wie auch der Betriebe. »So werden Risiken verringert und Ertragschancen ausgeschöpft«, wirbt die Deutsche Bank Research in einer Studie für ihren Vorschlag.
Besonders vorteilhaft wäre das Modell für die Banken selbst. Das Anlagegeschäft verheißt hohe Provisionen. Rentenexperte Andresen ist sicher: »Die wollen vor allem ihre Kapitalanlagegesellschaften füttern.«
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Vermögen der Pensionsfonds
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