GOLD Material aus jener Zeit
Acht Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Hehler des Dritten Reichs langsam nervös. Alfred Hirs, Vizechef der Schweizerischen Nationalbank (SNB), mahnte im Bankausschuss zur Ruhe: »Wir dürfen nicht allzu ängstlich sein.« Ein Jahr zuvor hatte sein Chef, Ernst Weber, vor dem gleichen Gremium noch selbstsicher prophezeit: »Wer will uns beweisen, dass das Gold, wie die Engländer behaupten, gestohlen worden sei?«
Zur gleichen Zeit passierten Lastautos aus dem Reich im regelmäßigen Takt die Schweizer Grenze. In Bern hievten helvetische Helfer die heiße Fracht in die Tresore der SNB - Gold aus den Nazi-Raubzügen bei europäischen Zentralbanken.
Insgesamt verschoben die Deutschen einen Schatz im Wert von damals 1,7 Milliarden Franken in die Schweiz. Die SNB-Chefs konnten der Versuchung nicht widerstehen: Bis kurz vor dem Zusammenbruch 1945 kauften sie der Reichsbank Edelmetall im Wert von 1,2 Milliarden Franken ab.
Die Geschäfte der Notenbanker mit den Nazis sind eindeutig belegt. Die Bergier-Kommission, benannt nach dem Schweizer Historiker Jean-François Bergier und mit internationalen Experten besetzt, schrieb in ihren Bericht, es wirke geradezu »erschütternd, wie die Nationalbank im Sommer 1942 auf das Problem reagierte«. Und: »Schon 1941 wussten die SNB-Verantwortlichen, dass Deutschland über Raubgold verfügte.«
Jetzt veräußert die Bank ihre überschüssigen Goldreserven, in den nächsten Jahren sollen 1300 Tonnen auf den Markt gebracht werden. Bietet die Nationalbank Ware aus den Raubzügen der Nazis an?
Noch immer nämlich befänden sich Teile des Raubgolds bei der SNB - da sind sich die Kritiker der Bank ganz sicher. Nach Rechnung des Berner Ökonomen und sozialdemokratischen Abgeordneten Rudolf Strahm ergibt sich »ein Raubgoldwert im SNB-Vermögen von heute 2,1 Milliarden Franken oder 155 Tonnen Gold«.
Das streitet die Nationalbank rundweg ab. Die Rechnung des Ökonomen sei »nicht nachvollziehbar«, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme. Einen Beleg für diese Behauptung liefern die Banker allerdings nicht. Unter dem Gold, das jetzt verkauft werde, befinde sich definitiv kein »Material aus jener Zeit«.
Der Streit um die Reste des Raubgolds bestätigt im Nachhinein die zynische Vorhersage des ehemaligen Generaldirektors Paul Rossy. Der gab im November 1943 zu Protokoll: »Die von den Angelsachsen für das Kriegsende angedrohte Nachforschung über die Herkunft des neutralen Goldbesitzes bedeutet ein gewisses Risikomoment für den, der heute Gold erwirbt. Die Gefahr ist aber mehr theoretischer Natur.« Die nummernlosen Goldstücke verschwänden »in der Masse wie ein Wassertropfen im Fluss«.
Tatsächlich ist heute der physische Verbleib des Nazi-Raubgolds nicht mehr exakt zu bestimmen. Es wurde ein- und umgeschmolzen, hin und her transferiert. Ohnehin ist für die SNB-Chefs das lästige Kapitel abgeschlossen.
1946 kaufte sich die Schweiz mit 250 Millionen Franken für den Wiederaufbau Europas frei. Forderungen gegen die Nationalbank wegen ihrer Golddeals ließen die Alliierten gemäß Washingtoner Abkommen fallen. Unmittelbar nach Kriegsende lag aber das ganze Ausmaß der Komplizenschaft noch im Dunkeln.
Als Mitte der neunziger Jahre die Angriffe aus dem Ausland immer heftiger wurden, rang sich das SNB-Direktorium dazu durch, 100 Millionen Franken zugunsten bedürftiger Holocaust-Opfer zu entrichten. Seitdem bleiben die Tresortüren der SNB geschlossen. Strahm und seine Mitstreiter fordern jedoch, endlich »reinen Tisch zu machen«. Ohne Restitution gebe »es wieder Druck aus dem Ausland«.
Und den fürchten die Eidgenossen seit der Krise um die herrenlosen Konten der Holocaust-Opfer. Am Ende mussten die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse insgesamt 1,25 Milliarden Dollar an jüdische Organisationen überweisen - nicht zuletzt dank einer massiven Kampagne von US-Politikern wie dem damaligen Senator Alfonse D''Amato.
Ein zweites Debakel dieses Kalibers will die Regierung unbedingt vermeiden. Deshalb sollen bis zu sieben Milliarden Franken aus den laufenden Goldverkäufen in eine Solidaritätsstiftung fließen, die weltweit Opfern von Gewalt und Katastrophen helfen soll.
Dem Projekt der Barmherzigkeit droht jedoch ein schnelles Ende. »Die überschüssigen Goldreserven können nicht einer erpresserischen Stiftungsidee zugewiesen werden«, sagt Christoph Blocher. Der Milliardär und Anführer der Schweizerischen Volkspartei (SVP) will die gesamten Erlöse der Goldtransaktionen in die Sozialversicherung speisen. Die Unterschriften 100 000 Gleichgesinnter für eine Volksinitiative hat die SVP fast zusammen.
Blochers Motto: »Dem Volk, was dem Volk gehört!« JAN DIRK HERBERMANN
* Am 15. Mai 1997 mit Rabbinern in Washington.