Mayers Experimente - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 30 / 58

Mayers Experimente

• aus DER SPIEGEL 5/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankreichs inflationsschwangere Wirtschaft ist mit dem Export-Franken niedergekommen. Ohne die Hilfestellung der Weltfinanzler von Bretton Woods. Und gegen die Einwände der Engländer.

Der französische Haushaltsplan für die ersten sechs Monate 1948 schließt mit einem Defizit von 370 Milliarden Franken. Monatelang suchten die Regierung und ihre Wirtschaftsexperten nach Möglichkeiten, das Bilanzloch zu stopfen. Zur Debatte standen eine allgemeine Abwertung, eine Steuererhöhung oder die Ankurbelung der Ausfuhr. Zu einer Abwertung oder Steuererhöhung fühlte sich die Regierung nicht stark genug. Die Schumänner haben sich für den Export entschieden.

In den letzten Wochen fielen Frankreichs Exporteure immer mehr aus dem Weltmarktrennen. Die Kostensteigerung der Industrie trieb die französischen Waren zu Preisgipfeln, in deren einsame Höhe sich kein ausländischer Käufer verstieg. Die Nachfrage sank. Ein Zusammenbruch des französischen Außenhandels blieb nur noch eine Frage der Zeit.

Ein Vergleich der Industriepreise in Frankreich und den USA beleuchtet das schiefe Verhältnis beider Valuten zueinander. Noch im Juli 1947 ließ sich auf Grund des Großhandels-Index' beider Länder eine Währungsparität errechnen.

Der amerikanische Index stand damals auf 170 (1939 gleich 100). Der französische pendelte um 762, stellte also 4,4mal den Wert des USA-Index dar. Bei dem Vorkriegskurs von 29,9 Franken ergab sich somit eine Parität von 130 Franken zum Dollar. Was dem offiziellen Kurs von 119 Franken noch einigermaßen entsprach.

Ein halbes Jahr später hatte sich das Bild völlig verschoben. Bis zum Januar 1948 war der französische Kosten-Index auf das 6 1/2fache des amerikanischen geklettert. Der Realwert des Dollar betrug also 6,5 mal 29,9 gleich 195 Franken.

Frankreichs Finanz-Mayer ging aufs Ganze. Er drückte die Abwertung des Franken für den Export auf 214 zum Dollar und auf 864 zum englischen Pfund durch. Im Binnenhandel bleibt es bei der alten Notierung von 119 Franken. Lebensmittel- und Kohlenimporte sollen weiter zum alten Kurs verrechnet werden.

Gleichzeitig kündigte der französische Finanzgewaltige den Freihandel mit Gold, Dollar und portugiesischen Escudos an. Damit werden die französischen Devisenschwarzhändler fast rehabilitiert. Der Dollar steht an der schwarzen Börse auf 300 Franken.

Mit diesem Schritt hofft die Regierung, Dollars und Gold aus den Taschen der Touristen und »aus den Strümpfen der Gold- und Devisenhamsterer« zu locken. Andererseits würde damit der Devisenaufwand für Luxuseinfuhren von selbst gedrosselt. René Mayer verweist dabei auf die Erfolge des italienischen Lira-Beispiels.

Den französischen Schwarzfinanzlern ist Gelegenheit gegeben, ihre »sichergestellten« Bestände innerhalb von drei Monaten den Banken zu melden. Für jeden folgenden Monat wird eine Verzugsabgabe erhoben. Die Regierung hat davon abgesehen, die Finanz-Schwarzhändler zu bestrafen.

Auf dem Weltmarkt sind die Franzosen so mit einem Schlage wieder konkurrenzfähig geworden. Die lizenzierten Exporteure brauchen nur die Hälfte ihrer Deviseneinnahmen zum Binnenkurs verrechnen. Der Rest steht zu ihrer freien Verfügung. Damit holt der französische Export in Riesenschritten auf. Die Reaktion bei den anderen Ländern ist entsprechend.

Der Internationale Währungsfonds in Washington protestierte kollektiv. Englische Stimmen waren am lautesten zu hören. Die Briten wissen, daß ihnen ein ähnlicher Schritt nicht erspart bleibt, wenn Frankreichs Exportkonkurrenz zu groß wird. Die USA-Vertreter blieben neutral.

Das steifte Frankreichs Vertreter Mendes-France den Rücken. Er gab nicht nach. Auch nicht, als Präsident Camille Gutt - der zweimal belgischer Finanzminister war - im Namen des Exekutivrates eine Einwilligung ablehnte. Nur die Belgier hatten nichts dagegen.

Frankreichs Regierung blieb fest. Obwohl für eine Abwertung von mehr als zehn Prozent die Genehmigung des Währungsfonds erforderlich ist, wurde die Abwertung durchgeführt. Eine Androhung von Vergeltungsmaßnahmen gegen die Bretton-Woods-Abtrünnigen blieb aus. Die Hoffnungen auf eine 250-Millionen-Anleihe der Weltbank müssen jedoch im Quai d'Orsay begraben werden.

Im Fallen stieß der Franken heftig an das englische Pfund Sterling. Trotz aller Dementis einer ähnlichen Abwertung sperrte Argentinien bereits den Fleischversand nach England gegen nichtkonvertierbare Pfunde.

Das Londoner Börsenbarometer stieg auf Sturm. Goldminenaktien und andere krisenfeste Papiere gewannen im Gesamtwert 20 Millionen Pfund. Britische Staatspapiere verloren fast 100 Millionen. Trotzdem garantierte Außenminister Bevin im Sinne der Westeuropa-Pläne »weitere gute Zusammenarbeit mit unseren französischen Freunden«.

[Grafiktext]

VORANSCHLAG FÜR
DAS ERSTE JAHR DES
MARSHALL-PLANES

* Sämtl. Zahlen: Millionen Dollar *

ENGLAND 5348

* BIZONE 3499

* BENELUX 1494

* ÜBRIGE 2846

* JTALIEN 2913

* FRANKREICH 3701

EUROPAS DEFIZIT

IM HANDEL MIT USA
FÜR DIE GESAMTDAUER
DES MARSHALL-PLANES

$ = US-Anteil
Sonst. Kredite
Eigener Anteil

ENGLAND $ 4190

FRANKR. $ 1573

BIZONE $ 880

JTALIEN $ 1025

NIEDERL. $ 1038

BELGIEN -
LUXEMB. $ 795

DÄNEMARK $ 216

JRLAND $ 190

ÖSTERR. $ 193

NORWEG. $ 247

SCHWED. $ 490

SCHWEIZ 424

[GrafiktextEnde]

Zur Ausgabe
Artikel 30 / 58

Mehr lesen über