Mega-Übernahmen: Anleger zocken beim Milliarden-Roulette - DER SPIEGEL
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Mega-Übernahmen Anleger zocken beim Milliarden-Roulette

Die jüngsten Übernahmepläne von Eon, Mittal und anderen Großkonzernen haben überwiegend euphorische Reaktionen an den Börsen ausgelöst. Doch aus Anlegersicht ist Skepsis angebracht.
Von Lutz Knappmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Die Euphorie von Analysten und Zeitungsjournalisten war kaum zu bremsen: "Eine perfekte Symbiose", lautete das Urteil, und die Wirtschaftsseiten titelten: "Beide Unternehmen brauchen einander." 

Das war 1998. Die Unternehmen hießen Daimler-Benz und Chrysler - und schickten sich an, die bis dahin größte Fusion der Automobilbranche zu besiegeln, mit einem Volumen von mehr als 40 Milliarden Dollar.

Fast identisch die Reaktionen am Dienstag, als der Stromkonzern Eon   ankündigte, den spanischen Versorger Endesa   für 29 Milliarden Euro übernehmen zu wollen. "Die Unternehmen passen zusammen wie zwei Puzzleteile", jubelte ein Analyst. Eon kaufe sich endlich, was die Börse seit langem vermisse: eine Wachstumsstory. "Beide Konzerne sind finanziell kerngesund - und gemeinsam dürften sie sogar noch besser dastehen", ergänzte ein anderer Finanzexperte.

Und die Euphorie übertrug sich auf die Börse - damals wie heute. Kaum waren 1998 die Daimler-Begehrlichkeiten durchgesickert, kletterte die Aktie des Autobauers um mehr als sieben Prozent. Die Eon-Aktie machte am Dienstag in der Spitze immerhin einen Satz um fast 6 Prozent nach oben, Endesa-Anteile gewannen gar mehr als 20 Prozent. 

Die Börse ist im Fusionsfieber. Ob ThyssenKrupp   oder Mittal Steel  , Adidas   oder Boston Scientific  : Die Ankündigung milliardenschwerer Akquisitionen führte zuletzt fast immer zu steigenden Kursen. Allenfalls im ersten Schreck über die Angebotssummen knickte die Kursperformance ein, bevor die Hoffnung auf Synergieeffekte und wachsende Marktmacht die Anleger wieder versöhnte.

Die Anleger honorieren Fusionsphantasien - und manchmal sogar Phantastereien: So hat der Kurs der TV-Senderfamilie ProSiebenSat.1   allein seit Jahresbeginn 23 Prozent an Wert gewonnen. Die Aktien des Kaufinteressenten Springer   legten seit Bekanntwerden seiner TV-Übernahmepläne um gut ein Viertel zu - und selbst als das Veto der Kartellbehörden längst absehbar war, bröckelte der Kurs nur minimal.

Immer häufiger scheint ein gewohnter Zusammenhang außer Kraft gesetzt: "Üblicherweise steigt die Aktie eines Übernahmekandidaten, wenn Fusionspläne bekannt werden, während die Aktie des potenziellen Käufers nachgibt", sagt Claudio Wieland, Managing Partner bei Ernst & Young Corporate Finance. "In letzter Zeit beobachten wir aber, dass die Anteile beider Unternehmen steigen." Das Vertrauen der Aktionäre in die Akquisitionsstrategien der Konzerne scheint gefestigt.

Doch mit Vorschusslorbeeren ist das häufig so eine Sache. Selbst wenn eine Fusion strategisch sinnvoll und chancenreich erscheint: Ob sie sich am Ende tatsächlich auch für die Aktionäre auszahlt, ist nicht vorhersagbar.

Negativbeispiel DaimlerChrysler

Mahnendes Beispiel ist nicht nur die Problemehe von Daimler und Chrysler. Auch die Einkaufstour der Telekom   Ende der neunziger Jahre hat sich aus Anlegersicht nicht ausgezahlt. Seit der 27-Milliarden-Dollar-Übernahme des US Mobilfunkers Voicestream hat die T-Aktie laut "Welt" über 70 Prozent verloren und gegenüber dem Dax fast 55 Prozent schlechter abgeschnitten.

Der US-Pharmakonzern Pfizer   schluckte Ende 2003 für 60 Milliarden Dollar den Wettbewerber Pharmacia. Kursverlust seither: rund 30 Prozent.

Zweifellos stehen diesen Problemfällen auch zahlreiche Erfolgsbeispiele gegenüber. Die Pharma-Ehe von Sanofi und Aventis   im Frühjahr 2004 brachte seither fast 50 Prozent Kursgewinn.

Doch die Reaktionen auf die Fusionsgerüchte der vergangenen Monate suggerieren eine Erfolgssicherheit, die nicht immer zu halten sein dürfte. Über den tatsächlichen Erfolg einer Fusion und damit auch über die langfristige Rendite der Anleger entscheidet einzig, ob der Deal vernünftig vorbereitet worden ist. "Entscheidend ist die Integrationsarbeit, die man bereits vor der Transaktion macht", so E&Y-Experte Wieland. "Die Fusionspartner müssen im Vorfeld eine sehr genaue Planung und Prüfung betreiben, sowohl für die Akquisition als auch für die Integration. Das bedarf allerdings einer sehr engen Zusammenarbeit der Mitarbeiter beider Unternehmen."

Und diese Prüfung kann im Idealfall sechs Monate in Anspruch nehmen - vor der tatsächlichen Fusion und ohne dass die Öffentlichkeit davon etwas mitbekäme. Gewissheit, dass alles gestimmt hat, haben die Aktionäre erst Jahre später.

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