Merck-Offerte Schering will sich nicht schlucken lassen
Berlin - Für den Schering-Vorstand ist die Sache klar: "Es gibt keine Verhandlungen mit Merck", sagte ein Schering-Sprecher in Berlin. Das Unternehmen habe mit starken Zuwächsen 2005 den Erfolg seiner Strategie bewiesen, die fortgesetzt werden solle. Grund für die Ablehnung des Merck-Angebots sei dabei nicht nur der Preis: "Ein solche Übernahme würde die Rolle von Schering als maßgeblicher Spieler in den weltweiten Märkten für Spezial-Medikamente schwächen", erklärte der Sprecher.
Schering-Vorstandschef Hubertus Erlen hatte die Merck-Offerte bereits tags zuvor kategorisch zurück gewiesen: "Das Angebot ist nicht im Interesse unserer Aktionäre und reflektiert nicht den wahren Wert von Schering." Zugleich kündigte er umgehende Beratungen mit dem Aufsichtsrat an. Merck bietet 77 Euro pro Aktie, womit Schering mit 14,6 Milliarden Euro bewertet würde.
Über konkrete Abwehrpläne oder mögliche Gegengebote anderer Unternehmen wollte sich der Berliner Konzern jedoch noch nicht äußern. Der Sprecher deutete allerdings an: "Die Option zur Kapitalerhöhung gibt es." Damit würde sich eine Übernahme für den Angreifer verteuern. Schering hatte sich die Möglichkeit zur Ausgabe neuer Aktien von der Hauptversammlung 2004 genehmigen lassen.
Der Vorratsbeschluss gilt bis 2009. Der Sprecher betonte außerdem, Schering setze auf die Allianz als einzigen Großaktionär mit einem Anteil von rund elf Prozent: "Die Allianz ist ein geschätzter und seit langem bei Schering beteiligter Investor."
Ob sie deshalb aber das Merck-Angebot prinzipiell ablehnt, scheint längst nicht sicher. Merck-Finanzvorstand Michael Becker erklärte, sein Unternehmen habe bereits Gespräche mit der Allianz geführt: "Wir haben den Eindruck, dass die Allianz die Bedenken des Schering-Vorstands nicht teilt."
Aktienkurs explodierte förmlich
Im Gegensatz zum Schering-Vorstand hält die Börse offenbar ausgesprochen viel von dem Merck-Gebot. Der Kurs der Schering-Aktie explodierte regelrecht und legte bis zum Nachmittag um 26 Prozent auf über 83 Euro zu. Die oberste deutschen Finanzaufsicht BaFin will nun die auffälligen Kursbewegungen der Schering-Aktie der letzten Tage unter die Lupe nehmen. "Wir prüfen routinemäßig auffällige Kursbewegungen vor Übernahmeangeboten", sagte eine Sprecherin. Die Papiere hatten bereits in der vergangenen Woche, also kurz vor Bekanntgabe des Übernahmeangebots, mehr als neun Prozent zugelegt. Dies könnte, muss aber nicht, auf verbotene Insidergeschäfte zurückzuführen sein.
Schließt Merck den Angriff auf Schering erfolgreich ab, wäre es die zweitgrößte rein deutsche Übernahme aller Zeiten, rechnet der Finanzdienstleister Thomson Financial vor. Nur die Übernahme der Dresdner Bank durch die Allianz habe mit über 25 Milliarden Euro ein größeres Volumen gehabt. In der Pharmaindustrie habe es eine vergleichbare Größenordnung mit deutscher Beteiligung dagegen noch nie gegeben, teilte Thomson mit.
Stellenabbau nicht ausgeschlossen
Sollte die Übernahme tatsächlich gelingen, schließt Merck außerdem einen Stellenabbau nicht aus. "Natürlich wird es in gewissen Bereichen zu Reduktionen kommen", sagte Merck-Chef Michael Römer. "Der Fokus liegt aber nicht auf Einsparungen", fügte er hinzu. "Wir sind in der Vergangenheit sehr sorgsam mit diesem Thema umgegangen und werden es auch in Zukunft tun."
"Es geht nicht darum, Leute abzubauen, sondern es geht darum, Strukturen abzubauen", versuchte der Leiter der Pharmasparte von Merck, Elmar Schnee, abzuwiegeln. Aufsichtsratschef Wilhelm Simson betonte: "Es ist ganz wichtig, erst die neuen Strukturen zu entwickeln. Wir brauchen dann vielleicht auch wieder sehr viel mehr Leute." Römer betonte, Berlin als bisheriger Sitz von Schering werde auch künftig "ein bedeutender Standort der Merck-Gruppe sein". Diese werde ihren Sitz aber am angestammten Ort in Darmstadt behalten.
Mit dem Kauf entstünde ein neuer deutscher Pharma-Champion mit einem Börsenwert von insgesamt rund 16 Milliarden Euro. Gemessen an Umsatz und Mitarbeiterzahl sind die beiden Firmen etwa gleich groß: Merck beschäftigte Ende 2005 rund 29.000, Schering knapp 25.000 Mitarbeiter. Schering erzielte im abgelaufenen Geschäftsjahr 5,3 Milliarden Euro Umsatz, Merck 5,9 Milliarden Euro.
Die Geschäftsfelder von Merck und Schering überschneiden sich allerdings kaum. Während Merck auch in der Spezialchemie tätig ist, hatte Schering sich in den vergangenen Jahren zu einem reinen Pharmaunternehmen entwickelt. Schering ist weltweit Marktführer bei Verhütungsmitteln. Wichtigstes Produkt ist mit einem Umsatz von fast 900 Millionen Euro aber Betaferon, ein Medikament gegen die Nervenkrankheit Multiple Sklerose. Eine Großakquisition gilt als Gelegenheit für Merck, vor allem die Pharmasparte auf breitere Füße zu stellen.
ase/AP/AFP/dpa/reuters