Messe in Le Bourget Luftfahrt-Manager reden die Krise weg
Der Auftakt war so düster wie die Situation: Grauer Himmel mit Dauerregen, dazu pessimistische Prognosen zur Flugzeugproduktion oder zum Passagieraufkommen. Und dann wird die Schau vor den Toren von Paris auch von dem tragischen Unglück des Air-France-Fluges 447 überschattet. Ausgerechnet die Jubiläumsfeier zum 100. Geburtstag des Luftfahrtsalons in Le Bourget begann Anfang der Woche mit einem Stimmungstief - meteorologisch wie emotional.
Es ist nicht nur eine gefühlte Flaute, sondern eine handfeste Krise. Die Visionen sind bescheiden - so wie der Blick auf die Zahlen für 2008: Nach einem Minus von 10,4 Milliarden Dollar rechnen die Airlines im laufenden Jahr mit einem Verlust von neun Milliarden. Dabei sind die Folgen einer womöglich weltweiten Schweinegrippe, das neuerliche Ansteigen der Kerosinpreise oder die drohenden Folgen einer CO2-Steuer in das Negativszenario noch gar nicht mit eingerechnet.
"Wir sitzen fest in einer schlechten Konjunktur", sagt James McNerney, der oberste Chef des US-Konstrukteurs Boeing. Sein Kollege beim europäischen Konkurrenten EADS, Louis Gallois, formuliert es zurückhaltend: "Unsere Priorität liegt auf der Auslieferung und der Unterstützung unserer Kunden."
Was tun? Optimismus verbreiten bis zum Anschlag. Das besorgen die PR-Agenturen der 2000 Aussteller, die bei Sekt und Häppchen gute Laune verbreiten. Das Thema Airbus-Absturz wird dabei großräumig umgangen, weil - natürlich - "die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind".
Da die Zukunft düster scheint, richtet sich der Blick in Le Bourget auf die glorreiche Vergangenheit: Vor hundert Jahren schufen Frankreichs Luftfahrtpioniere die erste Schau der "Locomotion Aérienne". Unter der Glaskuppel des Grand Palais schwebten Ballons und Luftschiffe, am Boden bestaunten rund 100.000 Besucher Flugmaschinen aus Metall, Holz und Leinwand. Der Knüller von 1909 war die fragile fliegende Kiste "Blériot XI", mit der Louis Blériot zwei Monate den Ärmelkanal überquert hatte. Das prominente Stück Fluggeschichte, nacherzählt in einer Pariser Neuerscheinung (*), ist auch im Jubiläumsjahr ausgestellt.
Die Begeisterung des Publikums für den Mythos Luftfahrt ist ungebrochen. In greifbarer Nähe reihen sich chromglitzernde Business-Jets neben kantigen, mattschwarzen Abfangjägern, Kolosse wie die Cargo-Version der Boeing 777 parken neben nur metergroßen Aufklärungsdrohnen, vollgestopft mit Kameras und Infrarotsensoren.
Waffen, Raketen, Zielradar
Wo Anfang der Woche Industrie-VIPs mit vielfarbigen Ausweisen - sogenannten "Badges" - die Runde machten, exotische Uniformträger und diplomatische Würdenträger in Limousinen oder elektrischen Golf-Wägelchen über das Gelände gekarrt wurden, drängelt sich seit diesem Freitag vorwiegend männliches Publikum zu Hunderttausenden. Es sind nicht einfach Laien. Die High-Tech-Liebhaber lassen sich vor Militärhubschraubern oder historischen Passagiermaschinen ablichten, beäugen mit Kennerblick Sportflugzeuge wie "Ellipse" ("nur 320 Kilo, 100-PS-Motor") oder "Simba" ("ganz und gar gebaut aus Kohlefaserverbundwerkstoff").
Und dann wecken Waffen die Neugier, Lastwagen mit Raketen und Zielradar oder die schlichte 20-Millimeter-Kanone "diskret und mit hoher Feuerkraft". Das Interesse gilt gar noch den Zulieferern, die ihre Produkte, wie beim teuersten Pariser Juwelier, unter ausgeleuchteten Vitrinen präsentieren: Hier glänzen Bolzen, Schrauben, Kugellager, Elektrokabel, Stecker, Buchsen, Gewindemuttern, Sperrklingen. "C'est cool", schwärmt ein Schüler der Luftfahrtakademie beim Anblick eines wabenförmigen Rumpfteils.
Der Höhepunkt des High-Tech-Kicks folgt am frühen Nachmittag, wenn Passagiermaschinen und Transporter über Le Bourget kreisen, Düsenjäger wie Rafale, Eurofighter oder Macchi 346 von der Startbahn 03 abheben. Bei den akrobatischen Figuren - Überschlag, Rolle, Looping - recken sich Köpfe und Kameras in den Himmel, das Klicken der Digi-Cams geht unter im Dröhnen der Nachbrenner. Dann startet zum 40. Geburtstag auch noch die Flottille der Airbus-Maschinen zur Ehrenrunde über Le Bourget und gipfelt im Vorbeiflug des Riesenvogels A380: "Ein phantastisches Gerät - unser Flugzeug der Zukunft", lobt ein Airbus-Mann und sieht den deutsch-französischen Mutterkonzern EADS schon wieder im Aufwind.
Positives weiß auch die Bundesregierung zu vermelden, in Paris besuchsweise vertreten durch Jürgen Meyer aus dem Wirtschaftsministerium. Das "Treffen der Airbus-Minister war sehr erfreulich wie immer", betont Meyer, seines Zeichens Generaldirektor für Technologiepolitik, bei einer Debatte über die europäische Luftfahrtindustrie. Zwar räumt er ein, dass sein Haus die derzeitige Krise nicht hat heranziehen sehen - dennoch wagt er vor Fachpublikum im renommiertem Institut für Internationale Beziehungen (IFRI) die Voraussage, dass "die Krise 2010 zu Ende sein dürfte."
Mit Blick auf die gefüllten Auftragsbücher von Airbus, ("rund 500 Milliarden") überrascht der Beamte aus Berlin mit der jovialen Prophezeiung: "Bei so einem Polster verträgt Airbus eine, zwei oder auch mehrere Annullierungen." Mehr "geistige Beweglichkeit" sei angesagt.
Und nur keine Miesepeterlaune. Zumal zwischenzeitlich auch das Wetter über Le Bourget in fröhliches Himmelblau gewechselt hat.
* Bernard Bombeau, Germain Chambost et Patrick Guérin: "1909-2009 Aéronautige et espace. De Paris au Bourget, un siècle de salons" (Verlag : Le Cherche Midi)