Manager Mickeys Millionen
Es ist ein Film, wie ihn die Amerikaner lieben. Ein Pastor kämpft um seine Kirche im Zentrum einer großen Stadt. Gierige Spekulanten bedrohen das Gotteshaus, die Gläubigen haben sich abgewandt, selbst die Ehefrau läßt ihren Mann allein.
Da steigt ein Engel vom Himmel herab und hilft dem ermattenden Kirchenmann. Siehe da: Nun füllt sich wieder der Gottesdienst. Und die Gattin, alias Whitney Houston, singt Gospels im Kirchenchor. Die Spekulanten ziehen von dannen.
Das Premierenpublikum, vorvergangenen Montag in New York zusammengekommen, war angetan. Die zahlreichen Kritiker prophezeiten einen Kassenhit. Michael Ovitz, Vize-Chef des Walt-Disney-Konzerns und extra aus Hollywood zur Premiere angereist, ließ sich feiern.
Es sollte der vorerst letzte Beifall für Ovitz, 50, sein. Nur drei Tage später beorderte Disney-Konzern-Chef Michael Eisner, 54, seinen Vize und langjährigen Freund zu einer unerwarteten Mitternachtssitzung.
Drei Stunden dauerte die Verhandlung in Eisners New Yorker Appartement. Dann waren sich die Herren einig: Gegen eine Abfindung von 50 Millionen Dollar und Aktienoptionen im Wert von weiteren 40 Millionen soll Ovitz die Disney-Zentrale in der Nähe von Hollywood verlassen. Kein noch so gütiger Engel konnte ihm mehr helfen.
Der nächtliche Deal hat Hollywood geschockt und Amerika empört. »Pervers«, schimpften Disney-Aktionäre, »völlig übertrieben und durch nichts gerechtfertigt«, trompeteten Disney-Kollegen. Und ein Manager rief: »Mickeys Tasche wurde geplündert.«
Sollte Ovitz tatsächlich die Rekordsumme von fast 140 Millionen Mark einstreichen - bis zum Mittwoch vergangener Woche gab es noch keine offizielle Stellungnahme von Disney -, wäre es die höchste Abfindung im Unterhaltungsgewerbe. Und: Selten zuvor ist ein Star derartig schnell abgestürzt. Michael Ovitz, einstmals mächtigster Agent Hollywoods, Strippenzieher hinter den Mega-Deals, gilt plötzlich als Versager.
Kaum ein anderer Konzern hat sich jemals zuvor ein derart teures Personalabenteuer geleistet. Ganze 14 Monate hielten es die beiden Exzentriker miteinander aus. Sie hatten sich angebrüllt und wieder vertragen. Sie waren übereinander hergezogen und dennoch gemeinsam zu Radtouren aufgebrochen.
Es ist eine Geschichte von Macht und Freundschaft in Hollywood, wo sich wie kaum irgendwo sonst Geschäfte auf Beziehungen gründen - und wo Millionen zuweilen nur Taschengeld sind.
»Warum machen Sie das?« hatte der ehemalige Disney-Finanzchef Stephen Bollenbach seinen Chef Eisner gefragt, als der ihm im August 1995 verriet, er wolle Ovitz einstellen: »Sie zerstören ein gutes Management-Team.« Der Kandidat, mahnte Bollenbach eindringlich, habe keine Ahnung, wie man eine große Firma wie Disney führe. Doch zunächst war Eisner fasziniert. Ovitz war damals Chef der Creative Artists Agency und damit einer der einflußreichsten Männer hinter den Kulissen Hollywoods. Der geniale Egomane hatte über tausend Künstler unter Vertrag, darunter Tom Cruise, Kevin Costner, Robert de Niro und Barbra Streisand.
Er half dem Elektronikgiganten Sony bei der Übernahme der Studios von Columbia Pictures und dem japanischen Multi Matsushita beim Kauf des Filmproduzenten MCA. Und entwarf nebenbei die Anzeigenkampagne für den Limonadenkonzern Coca-Cola. Gegen Ovitz' Willen ging kaum etwas in Hollywood.
Er konnte wie kein anderer Talente erkennen und Menschen zusammenspannen. Schon in der Schule, die er gemeinsam mit dem legendären Junk-Bond-König Mike Milken besuchte, erkannten seine Klassenkameraden das Talent: »Mike wußte, daß er ein Star wird«, sagt einer von ihnen, »es war ganz einfach seine Bestimmung.«
Der Mann erschien Eisner wie geschaffen für die Disney-Zentrale, er brauchte dringend Entlastung. 1994 mußte er sich vier Bypässe legen lassen. Seitdem drängten Aktionäre, Disney-Kollegen und seine Frau den Spitzenmann, Arbeit abzugeben und einen geeigneten Nachfolger aufzubauen.
Das Problem wurde noch drängender, als Eisner im Sommer vergangenen Jahres das US-Fernseh-Netzwerk Capital Cities/ABC kaufte, mit 19 Milliarden Dollar eine der größten Akquisitionen in der amerikanischen Geschichte. Schlagartig war aus dem Disney-Konzern das größte Unterhaltungsimperium der Welt geworden.
Eisner hatte Ovitz in den siebziger Jahren kennengelernt. Damals erwies ihm der spätere Stellvertreter einen großen Gefallen: Er half, eine Comedy-Show beim Fernsehsender ABC unterzubringen, deren Script Eisners Frau geschrieben hatte.
In den nächsten Jahren wurde die Freundschaft der beiden immer enger. Sie gingen gemeinsam Skilaufen und trafen sich auch sonst regelmäßig. Schon damals verband sie eine eigenartige Fähigkeit: Sie konnten sich über Geschäftliches lautstark raufen - und saßen abends einträchtig bei Tisch in einem der Nobelrestaurants der Filmstadt.
Als Eisner am Herz operiert wurde, avancierte Ovitz zum inoffiziellen Bürochef. Er wachte Tag und Nacht am Bett seines Freundes, nahm Telefongespräche entgegen und regelte die Besuche.
Trotz Warnungen von Bollenbach und anderen Managern berief Eisner seinen Freund im August 1995 zum Präsidenten von Disney und offiziellen Vize-Chef. Doch statt Erleichterung brachte Ovitz seinem Freund schon bald zusätzliche Last.
Disney-Manager mokierten sich über den allzu opulenten Arbeitsstil ihres Kollegen: Er beschäftigte ein halbes Dutzend Sekretärinnen, während sein Chef Eisner mit zweien auskam. Er bestellte Fahrer und ließ sie dann stundenlang warten. Er kam zu spät zu Meetings und ließ sich dann auch noch Telefongespräche hereinstellen.
Irgendwann, so erzählt der ehemalige Disney-Finanzchef Bollenbach, habe er Ovitz beiseite gezerrt: »So können Sie nicht weitermachen.« Er habe Ovitz angeboten, sich einen Tag mit ihm zusammenzusetzen, um ihm die Grundregeln der Disney-Kultur beizubringen.
Ovitz sei begeistert gewesen. Doch zu dem Treffen kam es nie: »Er hat einfach nicht die Pflichten eines Managers in einer so großen Firma verstanden, und er wollte sie nicht lernen.«
Was er eigentlich für Disney geleistet hat, ist selbst für Konzernspezialisten nur schwer erkennbar. »Eisner hat sich für ein Jahr die Adressenliste von Ovitz ausgeliehen«, kommentiert ein Personalberater aus Hollywood sarkastisch, »das hat ihn jetzt 90 Millionen Dollar gekostet.«
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Abfindungen von Top-Managern in der Medienbranche
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