Microsoft-Meeting Gates weinte vor seinen Managern
Washington/Seattle - Microsoft-Mitarbeiter beschrieben ihren Chef gegenüber dem "Wall Street Journal" ("WSJ") als "emotional aufgewühlt", die Sprecher des Konzerns bezeichneten Gates' Auftritt offiziell nur als "leidenschaftlich". Bei einem Treffen von 90 Microsoft-Spitzenmanagern hat der Microsoft-Chairman nach Informationen des "WSJ" die Strategie seines Softwareunternehmens entschieden verteidigt.
Gates habe bei der internen Tagung Ende März weinend beschrieben, wie tief greifend sich das Kartellverfahren gegen Microsoft auf sein persönliches Leben und seinen Arbeitsalltag ausgewirkt habe. Die Zeitung beruft sich dabei auf mehrere Teilnehmer des Meetings. Gates habe Tränen vergossen, sein Körper vor Aufregung sichtlich gebebt, so der Bericht.
Anlass für den Gefühlsausbruch des "bebenden Bill" war offenbar eine Rede von Orlando Ayala, dem Leiter der Gruppe für Worldwide Sales, Marketing und Services. Zur Überraschung der Runde hatte er indirekt das Verhalten der Microsoft-Führung kritisiert, berichtet das "WSJ". Er sei nicht stolz darauf, wie rüde und unsensibel Microsoft zum Teil vorgegangen sei. Ayala appellierte dem Bericht zufolge an seine Kollegen, Microsoft müsse seine Produkte anders bauen und sein Verhalten gegenüber Kunden ändern. Diese unerwartete Kritik von einem angesehenen Spitzenmanager habe die Runde regelrecht geschockt, heißt es.
In einem Interview am Sonntag stellte Ayala aber klar, er habe in seiner Präsentation auch betont, wie sehr er Microsoft liebe. "Ich bin der Überzeugung, dass die Firma die Kunden noch viel besser bedienen kann. Wenn ich aber nicht stolz (auf Microsoft) wäre, würde ich nicht für dieses Unternehmen arbeiten."
Bill Gates wird im Laufe des Montags im Kartellverfahren gegen den weltgrößten Softwarekonzern vor einem US-Bundesgericht in Washington aussagen. Nach Ansicht von Beobachtern hängt der Ausgang des Verfahrens maßgeblich von dem persönlichen Auftritt ab. In der ersten Prozessrunde hatte Gates sich geweigert, den Gerichtssaal zu betreten. Eine auf Video aufgezeichnete Befragung des Microsoft-Chefs erwies sich nach Ansicht von Experten als PR-Desaster für Microsoft.
Ein öffentlicher Ausbruch von Leidenschaft, urteilt das "Wall Street Journal", sei das Letzte, was Microsoft im Kartellverfahren brauche. Dass Gates durch den Kartellprozess extrem belastet sei, sei einer der Hauptgründe dafür, dass er das Tagesgeschäft im Softwarekonzern an Steve Ballmer abgegeben habe.