Microsofts Spartenbilanz: Wundermargen und Minuskinder - DER SPIEGEL
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Microsofts Spartenbilanz Wundermargen und Minuskinder

Im Grunde lebt Microsoft von der Substanz. Gewinne erzielt der Konzern nur mit klassischen Produkten, die Zukunftsprojekte verbrennen hohe Subventionen. Allerdings erreicht das Unternehmen in seinen Kernfeldern immer noch fast unverschämte Renditen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Redmond - All jene Kritiker fühlen sich bestätigt, die schon immer behauptet haben, dass der Software-Riese nur von seiner Marktmacht lebt. Geld verdient Microsoft nämlich nur mit Betriebssystemen und seiner Office-Software. Dagegen bringen fünf andere Bereiche, die die Redmonder in ihrer Bilanz auflisten, teils hohe Verluste ein. Das geht aus einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC hervor, in der Microsoft-Chef Steve Ballmer für das dritte Quartal 2002 erstmals Gewinne und Verluste nach Sparten detailliert darlegt. Zuvor musste den Kontrolleuren die Zahl genügen, die insgesamt unter dem Strich herauskam.

Die Kritik der Konkurrenten ist freilich nur lautes Bellen der Hunde, die nichts zu beißen haben. Denn soviel wie Ballmer mit seinen Klassikern verdient, kann er in den anderen Bereichen gar nicht ausgeben. So fallen etwa bei den Betriebssystemen von jedem Dollar Umsatz 85,8 Cent operativer Gewinn ab - eine Spanne, die nur Monopolisten erzielen können. Bei den Office-Paketen sieht es nicht viel schlechter aus: 78,8 Prozent des Umsatzes bleiben als operatives Ergebnis übrig, im Bereich Server-Betriebssysteme sind es immerhin noch 34 Prozent.

Damit blieb von den insgesamt 6,8 Milliarden Dollar Umsatz in diesen drei Sparten 4,88 Milliarden Dollar operativer Gewinn übrig. Das Gesamt-Minus der Verlustsparten - dazu gehört unter anderem das Geschäft mit der X-Box, Unternehmenssoftware und Internetaktivitäten - fällt dagegen mit 830 Millionen Dollar fast bescheiden aus. Am Ende weist Microsoft für das dritte Quartal also ein Plus in Höhe von gut vier Milliarden Dollar aus.

Insgesamt verfügt Microsoft zurzeit über Barreserven in Höhe von rund 40 Milliarden Dollar und monatlich kommt eine Milliarde hinzu. Das verschafft einen langen Atem, um den seit langem propagierten Vorstoß in neue Geschäftsfelder voranzutreiben.

Dazu gehört zum Beispiel die so genannte .NET-Initiative, mit der Microsoft der Konkurrenz bereits schwer zu schaffen macht. Mit vielfältigen Web-Service-Programmen will Ballmer die zweite Revolution des Internet und des E-Business steuern und einen Großteil der Aktivitäten im Netz auf Microsoft-Basis ablaufen lassen.

Auch bei der Vernetzung der privaten Haushalte hat Ballmer bereits einen Fuß in der Tür. So genannte 'Tablet-PCs' könnten dabei als Außenstellen dienen. Die Inhalte kommen per Breitband-Kabel ins Haus, an dem sich Microsoft in den USA bereits wichtige Anteile gesichert hat. Auch Handys und andere Kleincomputer sollen künftig mit Windows-Betriebssystemen laufen - insgesamt gibt es kaum einen Umsatz versprechenden Bereich der digitalen Wirtschaft und Gesellschaft, auf dem sich Microsoft nicht noch in Stellung gebracht hat.

Dass diese Aktivitäten zurzeit eher Verlust einbringen, irritiert weder Ballmer noch Chef-Visionär und Unternehmensgründer Bill Gates. Ihre Ausdauer bei der Eroberung neuer Märkte, die ihnen viel versprechend erscheinen, ist fast sprichwörtlich. Und angesichts des bisherigen Erfolges besteht für sie auch nicht der geringste Anlass, an ihrer Strategie zu zweifeln. Bislang verhalfen sie noch jeder Software, die anfangs wegen verschiedenster Fehler kritisiert und von den Kunden gemieden wurde, durch stetiges Nachbessern zum Erfolg.

Bestes Beispiel ist Windows, das nach 16 Jahren Entwicklungsarbeit mit der XP-Version 2001 einen gewissen Reifegrad erlangte. Als Überlebenskünstler entpuppte sich auch Microsofts Internet-Dienst MSN. Der Zugangsservice mit angeschlossenem Webportal krebste sechs Jahre vor sich hin. Heute ist er das zweitpopulärste Portal im Web hinter Yahoo!. Teil des Erfolgsgeheimnisses: Microsoft investierte Hunderte Millionen in US-Handelsketten. Im Austausch dafür rührten diese die Werbetrommel für MSN.

Den Reibach mit seinem traditionellen Software-Geschäft nutzen Gates und Ballmer auch, um den Konzern noch in anderen Bereichen voranzutreiben. Allein 2001 hat der Konzern 4,2 Milliarden US-Dollar für Forschung und Entwicklung ausgegeben - mehr als die Rivalen AOL, Oracle und Sun Microsystems zusammen.

von Michael Köger