Milchpreise Bauern drohen mit neuem Boykott
Düsseldorf - Noch ist nicht abzusehen, wer den Part des Schurken spielt: Nachdem einige Edeka-Märkte am gestrigen Montag den Preis für einen Liter Milch um zehn Prozent angehoben hatten, zog am Dienstag Branchenprimus Aldi nach - und schlug nur sieben Cent auf. Prompt zogen auch der zur Tengelmann-Gruppe gehörende Discounter Plus nach. Keine Chance für Edeka und Rewe - sie mussten ihre Preiserhöhung wieder um drei Cent reduzieren. Lediglich Lidl bleibt vorerst bei der Anhebung um zehn Cent.
Entscheidend wird sein, was letztlich bei den Bauern ankommt. Aldi kündigte schon einmal an, den Molkereien im Einkauf dennoch zehn Cent pro Liter mehr zu zahlen. Einen Teil der Mehrkosten werde der Konzern damit selbst übernehmen, teilte Aldi in Zeitungsanzeigen mit. Der Preisaufschlag solle Molkereien in die Lage versetzen, den Milchbauern in Zukunft eine kostendeckende Produktion zu ermöglichen.
Zwar seien ursprünglich zehn Cent mehr geplant gewesen, und diese Erhöhung sei am Montag zunächst auch in einigen Filialen erfolgt. Das Unternehmen beobachte aber den Markt, und mit dem Preisanstieg um sieben Cent richte sich der Konzern nach dem Diktat des Marktes.
Auch Edeka versuchte die Wogen zu glätten. Der Sprecher sagte, er könne keine Details dazu nennen, wie der Zuschlag an die Molkereien ausfalle, denn die Preise würden regional ausgehandelt. Das Unternehmen bestehe aber darauf, dass der Mehrpreis für die Molkereien "eins zu eins" an die Milchbauern weitergegeben werde. Zu den Preisen für die Molkereien sowie weitere Milchprodukte wollten sich Plus und Rewe hingegen nicht äußern. "Wir werden die Marktentwicklung weiter beobachten", sagte Rewe-Sprecher Martin Brüning.
Der Discounter Lidl, der in der vergangenen Woche mit Preiserhöhungen um zehn Cent für Milch und 20 Cent für Butter vorgeprescht war, wollte zu den neuesten Entwicklungen nicht Stellung nehmen. Vorerst werde man aber bei den bisherigen Preiserhöhungen bleiben, sagte eine Sprecherin. Noch keine Entscheidung über höhere Milchpreise hat die Metro-Gruppe gefällt, zu der unter anderem die Real-Märkte gehören.
Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) sieht die mühsam ausgehandelte Preiserhöhung jedoch schon wieder in Gefahr und drohte mit einem weiteren Milchboykott. "Wir haben überhaupt kein Verständnis für die Spielchen, die Aldi da treibt", sagte BDM-Chef Romuald Schaber. Die Bauern würden die Entwicklung genau beobachten, erklärte er. "Und eins ist klar: Wenn der Preis nach unten geht, werden wir das nicht kampflos hinnehmen."
Der Sprecher des Milchindustrieverbandes, Michael Brandl, sagte: "Für uns stehen die vereinbarten zehn Cent erstmal fest." Er verwies aber auch darauf, dass jede Molkerei mit den Handelsunternehmen eigene Verhandlungen führt. Die Verträge seien Sache jedes einzelnen Betriebes. Zuletzt seien die Kontrakte Anfang Mai geschlossen worden. Sie haben eine Laufzeit von einem halben Jahr.
Ob es zu neuen Protesten kommen wird, ist indes noch nicht abzusehen. Denn selbst Experten sich nicht einig darüber, welche Entwicklung bevorsteht. "Es ist zu erwarten, dass der Preis schnell wieder bröckelt", sagte der Konjunkturchef des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) zu "bild.de". Der Milchpreis sei ein sogenannter Signalpreis, der Wettbewerb und damit der Preisdruck unter den Handelsketten sei besonders hoch. Auch der Vorstand des bundesweit fünftgrößten Milchverarbeiters Ehrmann, Werner Hahn, erklärte, durch den Streik der Milchbauern sei derzeit "viel Milch da". Es gebe mindestens zwei Tageslieferungen mehr als sonst. Sollte das Milch-Angebot hoch bleiben, seien "höhere Milchpreise dauerhaft nicht möglich".
Ganz anderer Auffassung ist dagegen der Essener Wirtschaftswissenschaftler und Professor für Mikroökonomik, Erwin Amann: "Der deutsche Milchpreis kann sich vom Weltmarkt nicht entkoppeln und dort steigen die Preise derzeit", sagte er. Vor allem in Asien sei die Nachfrage nach Milchprodukten seit etwa ein bis zwei Jahren gestiegen, nicht zuletzt aufgrund der neu entdeckten Vorliebe chinesischer Verbraucher für süße Tafeln und Pralinen.
Im Kampf um höhere Milchpreise hatten die Milchbauern in der vergangenen Woche einen zehntägigen Lieferstreik beendet, nachdem Lidl Preiserhöhungen um zehn Cent für Milch und 20 Cent für Butter angekündigt hatte. Zahlreiche Lebensmittelhändler erklärten daraufhin, sich marktkonform verhalten zu wollen. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) will angesichts der Verärgerung der Milchbauern alle Beteiligten möglichst bald an einen Tisch holen. In der kommenden Woche sei ein erstes Treffen geplant, hieß es aus Regierungskreisen.
mik/AP/dpa/AFP