Milliardär Flick Tod eines bekennenden Steuerflüchtlings
Hamburg - Als Friedrich Karl Flick am 3. Februar 1927 in Berlin auf die Welt kam, erblühte gerade der Ruf der Flicks als eine der großen Industriellenfamilien Deutschlands. Heute steht der Name Flick auch für düstere Kapitel der deutschen Geschichte: Der Vater war ein williger Mitspieler der Nazis, er selbst löste einen der größten politischen Skandale der Bundesrepublik aus. Die "Flick-Affäre" erschütterte Anfang der achtziger Jahre das Vertrauen in die deutsche Demokratie. Für "FKF", wie Flick auch genannt wurde, begann damit der Abschied aus der Öffentlichkeit. Nur sein unvorstellbares Vermögen sorgte immer wieder für Schlagzeilen: Angeblich 6,8 Milliarden Euro hinterlässt er seinen Erben.
Den größten Teil seines Reichtums hatte Friedrich Karl Flick seinem Vater zu verdanken: Der war Waffenlieferant der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs. Nach dessen Entnazifizierung - Friedrich Flick musste drei Jahre einer siebenjährigen Gefängnisstrafe absitzen - hatte er auch durch politische Mithilfe rasch wieder Fuß gefasst und das größte Industrie-Imperium in privater Hand aufgebaut. Als der Patron 1972 starb, erbte der Sohn Friedrich Karl große Anteile unter anderem an Daimler-Benz und dem Versicherer Gerling.
Im Familien-Konzern spielte der jüngste Sohn da bereits seit Jahren eine herausragende Rolle: Nach dem Studium zum Diplom-Kaufmann arbeitete er in den Betrieben der Familie mit, parallel legte Flick 1965 seine Doktorarbeit ab. Mit seinem älteren Bruder Otto Ernst - der dritte Bruder Rudolf war im Krieg gefallen - teilte sich Flick zunächst die Konzernaufgaben. Während Otto Ernst die Stahlfirmen betreute, übernahm er den Fahrzeugbereich sowie die Sparten Papier und Chemie. Nach einem Streit des Vaters mit Otto Ernst wurde der jüngste Sohn zum alleinigen Gesellschafter bestimmt. Um Stahlfirmen, den Papierhersteller Feldmühle, Dynamit Nobel und einem Paket von Daimler-Benz-Aktien hatte Flick eine mächtige Industriegruppe aufgebaut. 1975 wurde er alleiniger Chef des Düsseldorfer Flick-Konzerns. Drei Jahre zuvor war Eberhard von Brauchitsch, der 1970 als persönlich haftender Gesellschafter bei Flick ausgeschieden war, in das Unternehmen zurückgekehrt.
Mehr Lebemann als Geschäftsmann
Flick hatte zwar immer den Ruf, in seiner Begabung dem Vater weit unterlegen und eher ein Lebemann zu sein. Für den spektakulärsten Coup in der Familien-Vita sorgte aber dennoch er: Zusammen mit seinem Manager von Brauchitsch tüftelte er an Weihnachten 1974 in St. Moritz das Geschäft aus, das schließlich zur Parteispendenaffäre führte. Für 1,9 Milliarden Mark verkaufte Flick seine Anteile an Daimler an die Deutsche Bank. Durch eine Genehmigung des Wirtschaftsministeriums musste Flick für die dabei erzielten Gewinne keine Steuern zahlen.
Der Deal hatte von Anfang an einen üblen Beigeschmack - bestätigt fühlten sich die Kritiker im Jahr 1981. Da wurde bekannt, dass Flick am Finanzamt vorbei CDU und CSU 15 Millionen Mark, der FDP 6,5 Millionen Mark und der SPD 4,3 Millionen Mark gespendet hatte. Die Parteien der Bundesrepublik Deutschland hatten endgültig ihre Unschuld verloren. Politiker hatten versucht, ihre Verstrickung zu vertuschen und mit gesetzgeberischen Tricks einer Bestrafung zu entgehen.
Der SPIEGEL deckte die Tricksereien der Politiker auf, aus dem Fall Flick war eine Staatsaffäre geworden. "Die verkaufte Republik" titelten die Zeitungen. Als einer der Empfänger von Barspenden musste Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP) den Hut nehmen. Der ebenfalls belastete Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) kam ungeschoren davon: Er machte vor Gericht und im Bundestags-Untersuchungsausschuss Erinnerungslücken geltend - wie später auch in der Schwarzgeldaffäre der Union. Von Brauchitsch sagte, Flick habe das Geld "zur Pflege der politischen Landschaft" gezahlt. Auch Flick wurde wegen der Spendenaffäre nicht verurteilt.
Gesundheitsleiden, barocke Jagdausflüge
Flick selbst zog sich kurz nach dem Skandal aus dem Wirtschaftsleben zurück. Für 5,36 Milliarden Mark verkaufte er 1985 den Rest seiner Firmen an die Deutsche Bank - erneut mit einer Steuerbegünstigung. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten für den damals reichsten Deutschen nur noch gut hundert Menschen, vor allem Köche, Chauffeure, Leibwächter und Sekretärinnen. Zum Flick-Konzern hatten einst mehr als 43.000 Menschen gehört.
1994, vier Jahre nach der Hochzeit mit seiner mehr als drei Jahrzehnte jüngeren dritten Frau Ingrid, zog Flick, der sich selbst als Steuerflüchtling bezeichnete, nach Österreich. Deutschland entgingen damit jährlich Steuereinnahmen in Höhe von rund 100 Millionen Mark (51 Millionen Euro). Bereits 1958 hatte er - ebenfalls aus steuerlichen Gründen - die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen. Seit der Verlegung des Hauptwohnsitzes und seiner Vermögensverwaltung von Düsseldorf nach Österreich machte er vor allem privat Schlagzeilen, sei es durch gesundheitliche Probleme oder durch barocke Jagdausflüge. Die in den vergangenen Jahren in Zusammenhang mit der Einrichtung des NS-Zwangsarbeiterfonds geführte neue Debatte um die Verantwortung der Flicks ließ er ungerührt abperlen: Er verweigerte sich einer Beteiligung an dem Fonds, obwohl zur Nazi-Zeit in den Familienbetrieben Zehntausende Menschen versklavt worden waren.
Flick hinterlässt vier Kinder: Die erwachsenen Töchter Alexandra und Elizabeth aus seiner zweiten Ehe, sowie die sieben Jahre alten Zwillinge Victoria-Katharina und Karl Friedrich aus seiner letzten Ehe. Die Familie war gestern Abend am Sterbebett des Patrons.
kaz/AFP/AP/dpa