FERNSEHEN Milliarde plus x
Es war eine der wenigen Niederlagen von RTL-Chef Helmut Thoma. Er hatte seinen Pro-Sieben-Kollegen Georg Kofler als »Strohmann des Jahres« bezeichnet. Das Gericht verbot ihm im Jahr 1995 diese Anspielung auf Koflers enge Beziehung zur Familie Kirch.
Immer wieder hatte sich TV-Manager Kofler gegen den Verdacht gewehrt, Leo Kirch sei der eigentliche Herrscher bei dem Münchner Sender. Zwar halte Thomas Kirch eine 24,5-Prozent-Beteiligung - aber nicht mehr. Und zwischen Leo und Thomas gebe es nur »ähnliche Chromosomen«, so Kofler.
Die Distanzierungen sollten vor allem die Medienwächter der Bundesländer beruhigen, die stets eine allzu große TV-Macht witterten. Lange Zeit war es verboten, einen Sender ganz und zu viele auf einmal zu beherrschen.
Die Mediengesetze haben sich vom 1. Januar an geändert. Und siehe da: Die Eigentümerstruktur bei Pro Sieben ändert sich auch.
Nun übernimmt Familie Kirch, die bereits bei Sat 1 das Sagen hat, offiziell die Macht bei Pro Sieben: Thomas Kirch wird Hauptaktionär. Damit steht fest: Jahrelang haben Kofler, einst Büroleiter bei Leo Kirch, und sein Mentor die Nation genarrt.
Im Sommer, aus Marketinggründen am 7. 7. 1997, plant Kofler den schon seit längerem angekündigten Börsengang: Dann will er die Aktien der Pro Sieben Media AG, zu der neben dem Hauptsender auch der Kanal Kabel 1 sowie Firmen für Video, Merchandising, Sendetechnik und Werbung gehören, an der Frankfurter Börse plazieren. Das profitable Unternehmen will reichlich Kasse machen. »Eine Milliarde plus X« erwartet Kofler.
Doch verkauft werden nur sogenannte Vorzugsaktien: Sie sind stimmrechtslos. Die neuen Aktionäre haben keinerlei Mitspracherechte.
Die Stammaktien sind entscheidend - und die werden vorab verteilt. Thomas Kirch, der bisher im Schatten seines Vaters kaum auffiel, stockt hier seinen Anteil von 24,5 Prozent auf 60 Prozent auf. Den Rest hält der Handelskonzern Rewe.
Kirchs zusätzliche Aktien stammen aus den bisherigen Beständen der Sender-Hausbanken Bayernhypo und BHF-Bank. Auch den langjährigen Pro-Sieben-Gesellschafter Gerhard Ackermans, der Genußscheine hielt, kauft Kirch junior aus. Er galt in der Branche ohnehin nur als Treuhänder für die Kirch-Familie.
Unterm Strich profitieren Leo und Thomas Kirch enorm von dem Börsengang. Ihnen fließt direkt Geld zu. Und auch die Banken sind glücklich: Sie besitzen künftig die Stammaktien als Sicherheit. Pro Sieben ist bei Geldinstituten laut Kofler mit über 800 Millionen Mark verschuldet.
Auch als wichtigster Verkäufer großer Programmpakete bei Pro Sieben dürfte Kirch profitieren. Nun könnte der Sohn ganz ungeniert beim Vater Filme einkaufen.
Kofler hat für den neuen Kurs der Offenheit eine simple Erklärung: »Wir haben die Situation angesichts der neuen Mediengesetze überdacht.«
Bis dahin hatte der Senderchef jede Nähe zu Kirch kleingeredet. Die TV-Hüter saßen ihm im Nacken. Sie wollten einen allzu mächtigen Kirch verhindern. So stoppten sie Anfang des Jahres 1995 einen geplanten Pro-Sieben-Ableger, den Seniorenkanal Kabel plus. Sogar eine Kirch-Entflechtung leitete der Berliner Medienanstaltsdirektor Hans Hege ein.
In Schleswig-Holstein, wo Pro Sieben zuerst lizenziert war, kämpfte Ministerpräsidentin Heide Simonis vehement gegen die vermutete TV-Großmacht. Pro Sieben sollte beweisen, daß Leo Kirch dort keinen Einfluß habe.
Sein dollstes Bubenstück lieferte Kofler im Sommer 1995. Gegen drohende Sanktionen und die möglichen Anti-Kirch-Regeln in den TV-Gesetzen ließen sich die Pro-Sieben-Macher eine Entspannungsstrategie einfallen: Plötzlich, so sollte es aussehen, zog sich Kirch zurück.
So sank bei der Gründung der Pro Sieben AG der Anteil des Thomas Kirch von 47,5 Prozent auf 24,5 Prozent. Gleichzeitig stieg der politisch unverdächtige Handelskonzern Rewe ein.
Der »haltlose und so häufig mißbrauchte Vorwurf«, Kirch habe einen unzulässigen Einfluß auf den Sender, sei »ein für allemal vom Tisch«, jubelte Kofler. Es sah ganz nach Abnabelung aus: »Wir wollen künftig in der Öffentlichkeit nicht so dastehen, als ob wir vom Wohl und Wehe der Kirch-Gruppe abhingen.« Der Gedanke, Pro Sieben werde zur »Volksaktie«, entfaltete seinen besonderen Charme.
Das wirkte: Die Medienkontrolleure glaubten, sie hätten etwas erreicht. »Wenn sich Herr Kofler bewegt, bewegen wir uns auch«, sagte der Berliner Direktor Hege, die früheren »konzentrationsrechtlichen Bedenken« seien ausgeräumt. Seine Medienanstalt verlängerte kurzerhand die wertvolle Sendelizenz des Kirch-Kanals um weitere sieben Jahre.
Die Firma wuchs und gedieh. Im Jahr 1996 schaffte Kofler bei knapp 1,5 Milliarden Mark Umsatz einen Rekordgewinn von über 140 Millionen Mark. Im TV-Geschäft gilt er neben Thoma als erfolgreichster Macher.
Doch der Börsengang verzögerte sich. Der genannte Termin, Mai oder Juni 1996, entfiel, weil Pro Sieben auf einmal mehr Anleger in den USA werben wollte und die Telekom-Emission fürchtete.
Erst jetzt, wo der Gesetzgeber den Medienkonzernen viel Spielraum einräumt, klappt das Going public: Unbehelligt kann Familie Kirch nun die Macht übernehmen. Wohl aus Imagegründen geht Kofler trotzdem auf Distanz zu seinem Förderer. Er könne auch weiterhin unabhängig von den Eignern agieren, sagt Kofler, bei einer AG habe der Vorstand das Sagen.
Thomas Kirch werde »eine genauso aktive Rolle wie bisher spielen«, so Kofler: »Er ist daran interessiert, daß Pro Sieben ein rentables Medienhaus ist und sein Shareholder-value weiterwächst.«