Milliarden-Einbußen Erdbeben bremst chinesisches Wachstum
Shanghai - Die Erdbebenkatastrophe ist auch für Chinas Wirtschaft ein Schock. Die jährliche Zuwachsrate der werde um 0,4 bis 0,7 Prozentpunkte schrumpfen, zitiert das "China Securities Journal" jetzt Analysten der BOC International China. Die direkten Folgen für das Bruttoinlandsprodukt sind laut Volkswirt Fan Jianping vom State Information Centre "viel größer" als die Folgen der schweren Schneestürme, die weite Teile Chinas Anfang des Jahres heimgesucht haben. Im ersten Quartal lag das Wirtschaftswachstum im Vergleich zum Vorjahr bei 10,6 Prozent.
Die Schäden werden sich nach offiziellen Schätzungen allein für die Industrie in der Provinz Sichuan auf knapp zehn Milliarden Dollar belaufen. In Sichuan seien mehr als 14.207 Unternehmen von der Katastrophe betroffen, knapp 1400 Angestellte seien ums Leben gekommen, sagte der Vize-Minister für Industrie und Informationstechnologie, Xi Guohua.
Das Werk des japanischen Autobauers Toyota in Sichuan nahm seine Produktion wieder auf. Allen Arbeitern gehe es gut, sagte ein Sprecher. Die Fabrik in Chengdu könne jedoch zunächst nur die Hälfte ihrer früheren Tagesproduktion bewältigen. Erst kommende Woche werde wieder mit voller Leistung produziert.
Ein Ökonom der CITIC Securities, Zhu Jianfang, glaubt trotz der erheblichen Schäden laut "China Securities Journal", die Konjunktur werde im Jahresverlauf nur 0,2 Prozentpunkte durch das Beben einbüßen. "Obwohl die Erdbebenkatastrophe einen negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum und auf die Unternehmensgewinne im zweiten Quartal haben wird, werden die Auswirkungen nur kurzfristig sein." Allerdings werde die Industrieproduktion in der betroffenen Region etwa einen Monat stillstehen.
So zynisch es klingt: Zhu hält es dem Bericht zufolge sogar für möglich, dass die Wirtschaft langfristig im Rahmen eines massiven Wiederaufbaus an Fahrt gewinnen könnte.
Bei dem schweren Beben am Pfingstmontag sind allein in der Provinz Sichuan mindestens 71.000 Menschen gestorben, unter Trümmern begraben worden oder gelten seitdem als vermisst. Dies teilte ein Vertreter der Provinzregierung am heutigen Montag mit, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Bislang hatten die Behörden in der am stärksten betroffenen Provinz Sichuan von insgesamt knapp 32.000 Erdbebenopfern gesprochen. Rund 4,8 Millionen Menschen sind obdachlos.
Ein spärlicher Trost: Auch sieben Tage nach dem Unglück werden in den Trümmern immer noch Lebende geborgen - heute wurden erneut zwei Frauen gerettet. Die 61 Jahre alte Li Lingcui sei bei Bewusstsein gewesen, als sie im Bezirk Beichuan gegen 10.40 Uhr Ortszeit (4.40 Uhr MESZ) unter Trümmern hervorgezogen wurde, berichtete der staatliche Fernsehsender CCTV. Nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua litt sie unter einer Infektion und zahlreichen Knochenbrüchen.
Keine halbe Stunde später konnte die 50-jährige Wang Fazhen geborgen werden: Sie lag sieben Tage lang unter den Trümmern eines Wohnhauses des Kohlebergwerks Hanwang in der Stadt Deyang. Über ihren genauen Zustand ist nichts bekannt.
An diesem Montag beginnt eine dreitägige Staatstrauer: Flaggen wurden auf Halbmast gesetzt, Vergnügungsveranstaltungen abgesagt und die 1,3 Milliarden Chinesen aufgefordert, zum Zeitpunkt des Bebens um 14.28 Uhr (8.28 Uhr MESZ) drei Minuten lang zu schweigen. Dabei sollen die Hupen von Autos, Zügen und Schiffen sowie Sirenen ertönen. Der Handel an den Börsen soll während dieser Minuten ausgesetzt werden. Der Fackellauf für die Olympischen Spiele wird während der dreitägigen Trauerzeit unterbrochen.
Generell schwinden in der Region Sichuan die Hoffnungen auf die Rettung Verschütteter. Die Helfer konzentrieren sich zunehmend auf die Bergung von Toten, um dem Ausbruch von Seuchen vorzubeugen. Nach amtlichen Angaben stieg die Zahl der Toten auf 32.477, insgesamt werden 50.000 Tote befürchtet. Mehr als 220.000 Menschen wurden bei dem Beben der Stärke 7,9 verletzt.
Dutzende Nachbeben erschütterten die Region seither und lösten Panik aus. Bei einem Nachbeben der Stärke 6 kamen am gestrigen Sonntag drei Menschen ums Leben, mehr als 1000 wurden verletzt. Die Schäden an Häusern und Straßen vergrößerten sich weiter, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.
In der Provinzhauptstadt Chengdu seien Tausende Menschen aus schwankenden Gebäuden geflohen. Seit den ersten Erdstößen mit einer Stärke von 7,9 am vergangenen Montag wurde die Region bereits von Hunderten Nachbeben erschüttert.
ase/jjc/AFP/AP/dpa-AFX/Reuters