Anlagebetrug Millionen im Kleidersack
In ihrem erlernten Beruf war die Hotelfachfrau Damara Anna Herta Bertges nicht sonderlich erfolgreich. Doch sie verfügt über eine spezielle Begabung: Sie kann Menschen begeistern.
Und die nutzte sie als Präsidentin des European Kings Club (EKC) weidlich aus. »Geht raus und sammelt die Millionen ein«, beschwor sie ihre Mitglieder, »die vielen, vielen Millionen« - und mehr als 1000 Mitglieder taten es.
Fast zwei Milliarden Mark raffte der Königsklub in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen. Das ist selbst für den grauen Kapitalmarkt ein Rekord.
Das Geld ist weg, die Präsidentin in Haft. In der vergangenen Woche reichte Staatsanwalt Klaus-Dieter Benner auf 1599 Seiten eine engbeschriebene Anklage, zusammengefaßt in fünf dicken Ordnern, bei der 12. Strafkammer am Frankfurter Landgericht ein.
Der Prozeß um den bisher größten Betrug in der Bundesrepublik kann bald beginnen. Geschätzter Schaden: knapp eine Milliarde Mark.
Gleichzeitig läuft beim Amtsgericht gleich nebenan ein bislang »einmaliges Konkursverfahren«, so der Sequester Gerhard Walter, insgesamt mehr als 94 000 geprellte EKC-Anleger könnten ihre Ansprüche . Täglich gehen rund 3000 Briefe beim Gericht ein.
Die Anklage sieht im European Kings Club eine kriminelle Vereinigung. Damara Bertges, 40, und elf ihrer Spießgesellen wird Betrug in einem besonders schweren Fall vorgeworfen.
Rädelsführer sind nach Ansicht des Staatsanwalts die Präsidentin, ihr Mann Harald Bertges sowie deren Kumpane Hans Günther Spachtholz und Andreas Rast. Die trickreichen vier müssen mit Haftstrafen bis zu 15 Jahren rechnen.
Die Angeklagten kommen allesamt aus kleinen Verhältnissen, sie stammen aus Orten wie Rommelhausen, Niederlibbach, Urberach oder Altenmittlau, und sie haben biedere Berufe: Da gibt es den Baumaschinisten, einen Schmiedemeister, Elektromechaniker und eine Drogistin.
Die Präsidentin des Klubs, Tochter eines farbigen GIs, den sie nie kennengelernt hat, riß mit 14 von zu Hause aus. Fünf Kinder zog sie auf, die Ehe war zerrüttet. Schließlich machte ihr Mann als Fenstermonteur Pleite.
In der Not hatte die Kauffrau eine Idee. Im Sommer 1991 gründete sie einen Verein zur Freizeitgestaltung, den German Kings Club. Dabei war auch der Stabsarzt a. D. Spachtholz, ein gewiefter Profi für Kettenbriefe und Pyramidenspiele wie Top 12.
»Legale Spiele jeder Art« sollten organisiert werden, schrieb sie an das Vereinsregister in Frankfurt, wie Skat, Kegeln, Tennis und Minigolf. Keineswegs würden wirtschaftliche Interessen verfolgt oder Umsätze gemacht.
Die Anklage sieht das anders. Die Präsidentin habe von Anfang an ein betrügerisches Pyramidenspiel aufgebaut, so Staatsanwalt Benner, um sich »an den Einzahlungen der Opfer zu bereichern«. Bei solchen Spielen gewinnt vor allem der, der in der Pyramide weit oben steht.
Tatsächlich sammelte der Klub sofort Geld ein. Frau Bertges und ihre Freunde verhökerten zum Stückpreis von 1200 Mark blaue Papiere, Letter genannt, zusätzlich kassierten sie eine Verwaltungsgebühr von 200 Mark.
Im Gegenzug wollte der Verein in zwölf Monatsraten 2400 Mark an die Anleger ausschütten, mit fürstlichen Renditen von mehr als 70 Prozent. Die wundersame Geldvermehrung erklärte die Klub-Chefin mit Hilfe der »nichtlinearen Dynamik«.
Der Klub wurde wie eine Sekte organisiert und mit Versatzstücken diverser Heilslehren garniert. Jeder habe ein Geburtsrecht darauf, predigte die Präsidentin über »den tieferen Sinn« der Klub-Idee, alles, was die Welt zu bieten habe, auch selber zu besitzen.
Zwar verbot das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen den illegalen Wertpapierhandel, aber der Klub wurde nur in EKC umbenannt - und die Geldeinsammler machten munter weiter.
Viele Anleger brachten ihr gesamtes Erspartes, manche verschuldeten sich zusätzlich. Einige schleppten mehr als eine Million Mark bar an. Sie wurden »auf perfideste Weise«, so die Anklageschrift, zu immer neuen Letter-Käufen verführt.
Die Gier nach Geld machte offenbar blind. Bei solch schönen Zinsen sei er nach drei Jahren Millionär, rechnete einer aus, der 200 000 Mark anlegte. Ein Schweizer Anleger meinte, daß seine 50 000 Franken in 30 Jahren auf 525 Milliarden anwachsen.
Die gläubigen Geldgeber waren besonders beeindruckt, als Frau Bertges den ehemaligen Sowjetführer Michail Gorbatschow für ihre Ziele einspannte. Sie ernannte ihn zum EKC-Ehrenpräsidenten und spendete seiner Moskauer Stiftung 200 000 Mark. Er sei »unfreiwillig Opfer falscher Information« geworden, schrieb dieser in einem Brief an Rudolf Augstein, nachdem der SPIEGEL darüber berichtet hatte.
Drei Jahre lang lief das Letter-Spiel nahezu reibungslos. Das frische Geld neuer Kunden reichte aus, um die versprochenen Ausschüttungen zu leisten. Bis zu 100 000 Letter im Monat wurden abgesetzt. Erst als der Geldfluß stockte, brach das Schneeballsystem zwangsläufig zusammen.
Die Polizei räumte in der Schweiz, in Österreich und Deutschland mehrere Büros aus, Frau Bertges wurde in den Basler Knast Lohnhof gesteckt.
Für die geprellten Anleger war das ein Schock. Sie fürchteten um ihre schönen Renditen und vermuteten hinter der Aktion den Einfluß der Banken. Die wollten mit dem EKC einen unliebsamen Konkurrenten vernichten, so die Klub-Propaganda, damit sie weiter ungestört Profit auf Kosten der Anleger machen könnten.
Die ermittelnden Staatsanwälte erhielten Morddrohungen von empörten Klub-Mitgliedern. Aus Sorge um ihr Geld zogen EKC-Fans mit Kuhglocken und Klub-Fahnen zur Demo vor das Gefängnis in Basel.
Insgesamt hat der Kings Club von 94 122 Geldgebern rund 1,7 Milliarden Mark aus Letter-Verkäufen bekommen, wie die Treuhandgesellschaft Coopers & Lybrand ermittelte. Weitere 300 Millionen wurden als Verwaltungsgebühren und Mitgliedsbeiträge abgegriffen.
Wieviel Geld an die Anleger zurückgeflossen ist, bleibt vorerst unbekannt. Staatsanwalt Benner schätzt den Schaden auf rund eine Milliarde Mark. Beschlagnahmen konnte er jedoch nur etwa 3,5 Millionen, kaum 0,2 Promille des ergaunerten Geldes.
Etliche hundert Millionen sind womöglich in dunklen Kanälen versickert. Einzahlungen wie Auszahlungen schleppten die EKC-Mitarbeiter zumeist als Bargeld im Pappkarton oder Kleidersack mit sich herum.
Außerdem herrschte der Klub über ein schier undurchschaubares Geflecht von Tarn- und Briefkastenfirmen mit Sitz in Liechtenstein, Gibraltar, in den USA oder auf den Bahamas.
Viel Geld wurde in die Organisation gesteckt. Als Werbegeschenke verteilte man EKC-Schampus und EKC-Schokolade, verziert mit einem prächtigen Königs-Wappen. Eigene Zeitschriften wurden gedruckt, etwa das Blatt Civilcourage. Sogar ein Beitrag des TV-Moderators und Buchautors ("Der Mob") Dagobert Lindlau erschien in der EKC-Postille.
Etliches haben die Macher auf Jubelfesten verpraßt. Allein eine Feier im Hotel »Maritim« in Köln hat rund zwei Millionen gekostet, zur Erbauung wurden die Gesangskünstler Jennifer Rush und Udo Jürgens angeheuert.
Das meiste Geld ging womöglich bei der »Beuteteilung« drauf, vermutet der Staatsanwalt. Die Verkäufer erhielten 110 Mark pro Letter. Doch beinahe die gesamte Führungsclique griff zu. Präsidentin Bertges etwa soll für jeden Letter 10 Mark bekommen haben. Mehr als 1,4 Millionen Stück wurden verkauft.
Hans-Jürgen van Munster, alias Jürgen Arnold, laut Anklage »ein Spezialist für betrügerische Kapitalanlagen«, machte seine Beute mobil. Der »Onassis von Bockenheim« kaufte Oldtimer, beispielsweise vom Typ Rolls-Royce, Jaguar, Aston Martin, DeTomaso und Maserati.
Auch die Präsidentin griff gern in die EKC-Kasse. Für rund zwei Millionen Mark gönnte sich »das einfache Mädel vom Lande« (Bertges über Bertges) Geschmeide von Cartier. Y
Die Gier nach Geld machte die Anleger offenbar blind