Milzbrand-Medikament Alle gegen Bayer
New York - Helge H. Wehmeier, Chef der amerikanischen Sparte von Bayer, gab sich betont patriotisch. "Ich ging mit einem Lächeln in die Besprechung. Wie oft im Leben hast du und dein Unternehmen schon einmal die Chance, etwa Großes zu tun", sagte er der New York Times.
Das Lächeln dürfte ihm gefroren sein angesichts der neuen Winkelzüge der Konkurrenz. Mit großzügigen Geschenken setzen sie die US-Regierung unter Druck, auch andere Wirkstoffe für die Milzbrand-Behandlung freizugeben. GlaxoSmithKline ging dabei am weitesten: Sollten die eigenen Medikamente den Segen der Behörden erhalten, dann würde der Konzern kostenlos so viele Pillen bereitstellen, wie die Regierung braucht.
Auch die Selbstlosigkeit des Bayer-Vorstoßes, Ciprobay billig an die Regierung abzugeben, wird von amerikanischer Seite in Zweifel gezogen. Mehrere hochrangige Pharmavertreter streuten in amerikanischen Medien anonym die Einschätzung, Bayer werde aufgrund der hohen Stückzahl einen Riesengewinn mit Ciprobay einfahren. Nach Ansicht von Agnes Varis, einer Pharmahändlerin aus New Jersey, zeigt das schon der Weltmarktpreis. Er liegt ihren Angaben zufolge zwischen 12,5 und 20 Cent. Zum Vergleich: Bayer verlangt von der US-Regierung 95 Cent, auf dem Markt für Privatverbraucher müssen Großhändler rund fünf Dollar bezahlen.
Die Pillen reichen für fünf Tage
Damit nicht genug: Experten von amerikanischen Universitäten beteiligen sich daran, Bayer aus dem Milliarden-Markt zu drängen. Sandro K. Cinti von der Universität Michigan beispielsweise stellt öffentlich in Frage, ob die Regierung genug Cipro-Pillen von Bayer kauft. Mit der von Bayer bereit gestellten Menge könnte die Regierung rund zwölf Millionen Amerikaner für fünf Tage versorgen. Die empfohlene Behandlungsdauer bei einer befürchteten Milzbrand-Infektion liegt allerdings bei 60 Tagen. Die Regierungsbestände reichen nach dieser Rechnung also nur für eine Million Patienten.
Außerdem warnt Cinti vor einem flächendeckenden Einsatz. Damit würde die Wirksamkeit des Medikamentes auf anderen Gebieten eingeschränkt. Cipro wird Aids-Patienten bei lebensgefährlichen Infektionen der Atemwege und des Gehirns verabreicht. Nach Ansicht des Mediziners könnten diese Bakterien Resistenzen entwickeln, wenn Cipro - das momentan einzig wirksame Medikament in diesem Bereich - nicht sparsam eingesetzt wird.
Klagen gegen Bayer?
Überdies haben sich nun amerikanische Verbraucherorganisationen eingeschaltet. Insgesamt 14 Gruppen wollen mit einer bereits eingereichten Klage erreichen, dass ein Abkommen des Bayer-Konzerns mit Barr Laboratories, Ruby und Hoechst-Marion-Roussel für illegal erklärt wird. Nach Meinung der Verbraucherschützer werden damit billigere Cipro-Versionen verhindert. Bei einem öffentlichen Notstand dürfe Bayer aber billige Medikamente nicht verhindern, so eine Sprecherin.
Bayer zahlt den drei Firmen, die Generika herausbringen wollten, 200 Millionen Dollar, damit diese nicht aktiv werden. Bereits zuvor war dieses Stillhalteabkommen von Verbraucherschützern kritisiert worden. Juristen erachteten ein Klage gegen Bayer aber bisher als chancenlos.