Milzbrand-Medikamente Bayer-Mittel wird knapp
Washington/Leverkusen - Das Mount Sinai Hospital in New York wies seine Ärzte bereits an, nach Möglichkeit auch auf andere Antibiotika auszuweichen, bis das Bayer-Medikament wieder ausreichend vorhanden ist.
Wahrscheinlich wird es noch Monate dauern, bis Bayer das Antibiotikum Ciprobay (benannt nach dem Wirkstoff Ciprofloxacin) in ausreichender Menge herstellen kann. Vorerst hieß es aus dem Konzern, man wolle am 1. November die Ciprobay-Produktion in einem stillgelegten Werk in Deutschland wieder aufnehmen.
In einer Medikamentenfabrik im US-Staat Connecticut wird schon seit dem Wochenende rund um die Uhr und auch am Wochenende Ciprobay hergestellt. Vorher galt dort die 40-Stunden-Woche. Am gleichen Standort will Bayer die Zahl der Laborapparate erhöhen, in denen Ciprobay angefertigt wird. Insgesamt soll der Ciprobay-Ausstoß so um 25 Prozent steigen.
US-Regierung ein Großabnehmer
Das wird dennoch kaum reichen, die Nachfrage zu decken - zumal die US-Regierung selbst auf Großeinkaufstour geht. US-Gesundheitsminister Tommy Thompson hatte am Sonntag verkündet, die Regierung wolle den Kongress um weitere 643 Millionen Dollar bitten, mit denen Antibiotika beschafft werden sollen, darunter insbesondere Ciprobay.
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Der so angelegte Vorrat solle für zwölf Millionen Bürger und den normalen Behandlungszeitraum von 60 Tagen reichen, so Thompson. Bereits nach den Anschlägen am 11. September hatte der Kongress einen mit 40 Milliarden Dollar gefüllten Notfall-Etat geschaffen, aus dem bis zu 1,5 Milliarden Dollar in den Kauf von Medikamenten fließen könnten. Die US-Regierung geht aber nach Angaben der "New York Times" davon aus, dass Bayer mehrere Monate brauchen wird, um die Nachfrage zu befriedigen.
Offenbar kein Notfallplan bei Bayer
Schon nach den Terrorangriffen in New York und Washington habe man diskutiert, ob die Herstellung des einzigen in den USA zugelassenen Antibiotikums gegen Lungenmilzbrand hochgefahren werden sollte, sagte eine Bayer-Sprecherin der "New York Times".
Trotzdem gab es offenbar keine Notfallpläne, um die Fertigung in kurzer Zeit zu erhöhen. Die dazu nötigen Beschlüsse fielen letzte Woche, als die ersten Anthrax-Fälle in Florida bekannt wurden. Da klopfte auch schon die amerikanische Zentralstelle für Seuchenkontrolle und -vorbeugung mit der Aufforderung zur Produktionssteigerung an die Tür.
Das wichtigste Medikament der Leverkusener
Ciprobay war bereits im vergangenen Jahr mit reinem Umsatz von 1,8 Milliarden Euro das wichtigste Medikament des Leverkusener Konzerns. Bisher könne Bayer aber nicht absehen, wie stark die Nachfrage nach Ciprobay anzieht, berichtet die "Frankfurter Allgemeine".
Lesen Sie im zweiten Teil mehr über Nachfrage-Engpässe in Krankenhäusern und Apotheken, die Konkurrenten des Bayer-Konzerns und den Kurssprung der Bayer-Aktie
Andere Indizien helfen derweil, den Nachfrageboom in den USA zu beziffern. Nach Angaben der Versicherungsgesellschaft Merck-Medco, die die Arzneimittelkosten für rund 65 Millionen Amerikaner trägt, ist in der vergangenen Woche die Zahl der Cipro-Verschreibungen pro Tag auf 12.000 bis 14.000 geklettert - bis zu 6000 mehr als in den Wochen nach den Terror-Anschlägen. Als am Freitag die Infektion einer Mitarbeiterin des TV-Senders NBC bekannt wurde, schnellte die Zahl der täglichen Verschreibungen sogar auf 18.000 hoch.
Krankenhäuser erhalten weniger als bestellt
Krankenhäuser vor allem in New York klagen unterdessen darüber, dass sie weniger Ciprobay-Pillen geliefert erhalten als bestellt. Die große US-Apothekenkette Walgreens gab an, vor allem in Florida seien die Ciprobay-Vorräte vielfach erschöpft. Seit Freitag sei die Nachfrage nach der Anti-Anthrax-Pille zumindest in Florida aber wieder leicht rückläufig. Einige Internetseiten, die Bestellungen für Ciprobay abwickeln, entstanden dagegen erst in den vergangenen Tagen. Einer dieser neuen Anbieter verspricht zum Beispiel, das Medikament aus Brasilien zu importieren.
Inder will die Nachfragelücke schließen
Außerhalb der USA stellen diverse Hersteller von Nachahmer-Medikamenten (Generika) den Wirkstoff Ciprofloxacin her. Der Vorsitzende des für kostengünstige AIDS-Medikamente bekannten indischen Generika-Produzenten Cipla, Yusuf Hamied, hat diese Woche bereits angeboten, die Produktion zu erhöhen, wenn Bayer nicht mit Lieferungen nachkomme. Bisher aber hält Bayer ein Patent auf Ciprobay, das in den USA erst 2003 ausläuft.
Analysten diskutieren nun die Frage, ob die boomende Ciprobay-Nachfrage Bayer aus der Krise hilft, in die der Konzern geriet, nachdem er den Cholesterinsenker Lipobay im Sommer wegen zum Teil tödlicher Nebenwirkungen vom Markt nehmen musste. Die Mehrzahl der Börsenbeobachter rechnet aber weiter damit, dass Bayer zumindest für das dritte Quartal unbefriedigende Umsatzzahlen vorlegen wird. Im Aktienhandel hat das Bayer-Papier allein in den vergangenen zwanzig Tagen um 16,28 Prozent auf derzeit 35 Euro zugelegt.