Mission impossible - DER SPIEGEL
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VERKEHR Mission impossible

Die Bahn wünscht sich saubere Bahnhöfe. In Berlin soll deshalb die Essenausgabe der Bahnhofsmission verschwinden - doch die Missionare leisten Widerstand.
Von Christoph Schlegel
• aus DER SPIEGEL 21/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Thomas hat sich seinen Job »weggesoffen«. Lange Jahre war er Verwaltungsangestellter bei der Stadt. Jetzt ist er 37, arbeitslos und hockt morgens in der Bahnhofsmission im Berliner Bahnhof Zoo, ein Brötchen kauend. Und das ist das Problem.

Denn da gibt es den Hartmut. Der ist 59, hat Arbeit, hockt meistens in der Zentrale am Potsdamer Platz und bekommt dort zu essen. Was die beiden noch unterscheidet: Der eine ist Bahn-Chef, und als solcher will Hartmut Mehdorn, dass Leute wie Thomas künftig woanders essen, weit weg vom Bahnhof Zoo.

Der Zoo, das ist der Hauptstadtbahnhof, Betonung auf Hauptstadt, und da ist der Ehrgeiz des Schienenkonzerns besonders groß, einen »sauberen Bahnhof« zu schaffen, will heißen: Fixer und Gesindel raus. Zumal die Berliner Bahnhofsmission kostenlos Essen verteilt und damit, so Mehdorn, »Wohnungslose der ganzen Stadt« anlockt. Fast nicht verkraftbar für den Chef: »Das kann nicht sein.«

Neulich hat die grüne Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer aus Solidarität mit den Obdachlosen am Bahnhof Suppe verteilt. Mehdorn war außer sich: »Soll sie das doch mal im Reichstag organisieren!« Aber da wolle man diese Leute ja auch nicht haben.

Seit Monaten schon predigt der Bahn-Chef: weg mit den Brötchen, weg mit den Suppen. Die Logik ist einfach: Gibt es kein Essen mehr, bleiben die Obdachlosen in weiter Ferne. Hofft er zumindest. Das wäre, so die Bahn, schön für die Reisenden und schön für die Optik der Bahnhöfe. Und damit auch schön fürs Geschäft, und das hat eine kleine Belebung dringend nötig. Schade nur, dass die Berliner nicht so recht mitspielen wollen.

Für Helga Fritz sind Menschen nun mal »kein Säuberungspotenzial«. Die 44-Jährige leitet die Berliner Bahnhofsmission und glaubt an vieles, nur nicht, dass sich ihre Klientel vom Gelände drängen lässt. Der Zoo ist und bleibt ein »Anziehungspunkt«.

Sie hat's ihm auch schon erzählt, dem Bahn-Chef. Gelassen, wie sie auch Streitereien sc hlichtet, wenn mal einer von der Kundschaft vor der Türe randaliert: »Geht doch alle in die DDR.« Sie macht das dann so ruhig wie jemand, der die Menschen nicht bekehren will, aber eben auch selbst ungern bekehrt werden möchte. »Wir haben hier Straßenkinder, Selbstmordkandidaten, Junkies.« Geholfen werde jedem.

Aber wo? Denn ein Umzug muss her. Mit einer Aufteilung der Mission in zwei Stationen erhofft sich die Bahn wenigstens ein bisschen Sauberkeit. Denn auf die Bahnhofsmission, die sich um verirrte und verwirrte Reisende kümmert, will die Bahn nicht verzichten, auf die Essenausgabe schon. Deshalb hat sich die Bahnspitze die S-Bahn-Station Tiergarten ausgeguckt, einen knappen Kilometer entfernt.

Dort würde die Bahn für etwa 250 000 Euro einen 160 Quadratmeter großen Raum komplett herrichten, für Strom, Wasser und Möbel sorgen. Die Essenausgabe könnte miet- und betriebskostenfrei einziehen und weiter Brötchen, Plunder und Tee verteilen, ohne dass Reisende oder Touristen über die Warteschlange stolpern.

Klingt charmant, passt aber nicht ins Konzept des zuständigen Bezirks Tiergarten. Die Bezirkspolitiker stellen sich quer, sehen der Umsiedelung »sehr skeptisch« entgegen und tun alles, um den Umzug zu verhindern. Man wolle doch »keine neuen Brennpunkte« im Stadtteil schaffen. Außerdem befinde sich in unmittelbarer Nähe ein Seniorenheim, und den Senioren, 150 an der Zahl, wolle man die Sozialspeisung nicht zumuten. »Der Bahn aber schon!«, ereifert sich die Bahn.

Nicht nur die Bezirkspolitiker, auch der Berliner Senat bremst Mehdorns Aktionismus. Zu groß ist das Interesse, dass die Bahnhofsmission bleibt, wo sie ist. Denn das Land Berlin unterstützt die beiden Missionen mit jährlich knapp 400 000 Euro und ist im Grunde ganz froh darüber, dass sich die 11 hauptamtlichen, 35 ehrenamtlichen Helfer und 6 Zivis um die Randgruppen rund um den Bahnhof Zoo kümmern. Denn am berühmt-berüchtigten Zoo sind sie auf einem Fleck versammelt: Wohnungslose, Junkies, Stricher, Straßenkinder, Punks.

Eine zusätzliche Dependance zu finanzieren - im sparwütigen Berlin ist das eher abwegig. Man plädiert für eine Lösung am Zoo. Es ist ein Kreuz.

Fast wöchentlich verhandeln nun die Träger der Bahnhofsmission, die evangelische Stadtmission, der katholische Invia-Verein und die Bahn. Die Bahn will Sauberkeit, und die Mission wiegelt ab. Man habe es auch schon anders probiert, sagt Peter Zimmermann, der stellvertretende Geschäftsführer der Stadtmission. Vor drei Jahren habe man Essensmarken verteilt an Obdachlose und Junkies, am besagten Bahnhof Zoo, für eine kostenlose Mahlzeit in einer anderen Einrichtung in Charlottenburg.

Es kam aber kaum jemand. Die Probleme ließen sich eben nicht dezentralisieren, sagt Zimmermann. Man trifft sich dort, wo was los ist. Am Bahnhof.

CHRISTOPH SCHLEGEL

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