MILLIONÄRE Mister Pat's großes Ding
Jeff Sullivan, 38, ist keiner, der mit seinem Schicksal hadert. »Mein Job macht mir Spaß«, erklärt der Lkw-Fahrer aus Quincy in Florida vor seinem Coca-Cola-Truck. Nur wenn Sullivan vom Großonkel erzählt, schwingt die Ironie eines Enttäuschten in der Stimme: »Die ganze Familie lacht über ihn.«
Der Großonkel wurde zum Gespött, weil er in den zwanziger Jahren das Angebot ausgeschlagen hatte, 40 Dollar in die Aktie einer ihm unbekannten Firma aus Atlanta zu investieren. »Das führt doch zu nichts«, sagte der Großonkel zum Verkäufer des Papiers, dem Präsidenten der Quincy State Bank, Mark W. Munroe.
Andere ließen sich von »Mister Pat«, wie Munroe von allen genannt wurde, beschwatzen: Sie kauften Aktien - und sorgten so dafür, dass für ihre Familien der amerikanische Traum des Aufstiegs zum Millionär wahr wurde. Denn die Firma hieß Coca-Cola, ist heute fast 150 Milliarden Dollar wert und beschäftigt außer Jeff Sullivan weltweit 28 600 Menschen.
Vorübergehend galt die Gemeinde mit heute 7796 Einwohnern als Ort mit dem höchsten Pro-Kopf-Vermögen der USA. Selbst jetzt, nachdem viele Aktien vererbt sind, leben in Quincy dutzende Cola-Millionäre. 30 Kilometer westlich der Hauptstadt Tallahassee im Norden Floridas gelegen, ist Quincy zumindest auf den ersten Blick eine typische Kleinstadt im Süden der USA. Abseits des Highway 90, an dem sich Supermärkte und Fast-Food-Läden aufreihen, wirkt der Ort wie ein verträumter Landschaftspark: Zwischen Palmen, Pinien, Gummibäumen und mit Louisianamoos verhangenen Eichen leuchten prächtig-weiße Holzvillen, die sich Farmer im 19. Jahrhundert errichten ließen.
Dass ihre Bewohner keine rückständigen Bauern sind, bewiesen sie schon 1889. Damals gründete Munroe mit Geschäftsfreunden die erste konzessionierte Lokalbank Floridas. 1892, im Alter von 32 Jahren, wurde Munroe Bankpräsident - ein Posten, der zu Mister Pat optisch nicht so recht passen wollte: Dem Kautabak-Fan troff aus den Mundwinkeln häufig Tabaksaft. Berüchtigt war seine Vorliebe, Tabakreste aus großer Distanz in einen Spucknapf zu speien. Seinen Magensäure-Mangel pflegte Mister Pat durch Trinken von verdünnter Salzsäure auszugleichen.
Vielleicht waren es die Magenprobleme, die ihn zum Fan der süßen Limonade werden ließen. 1919 jedenfalls benötigte Mister Pat's Geschäftsfreund Ernest Woodruff Kapital für die Expansion von Coca-Cola. Munroe bot an, es zu beschaffen. »Fünf Cent hat jeder für ein Getränk übrig, selbst in Krisenzeiten«, erklärte Mister Pat Bankkunden, die sich unter einem »Softdrink« nichts vorstellen konnten. Coca-Cola-Aktien waren ungefähr so exotisch, wie es heute ein Investment in Gartenzwerge wäre.
Doch »The Real Thing« (Coke-Werbespruch) entwickelte sich zu Mister Pat's großem Ding. Die Fortschritte der bekanntesten Firma der Welt, die 1998 jeden zweiten Softdrink auf dem Globus verkaufte, spiegelt eine Schauvitrine in der Quincy State Bank wider: Flaschentypen und Werbenippes aus 80 Jahren Coca-Cola können Bankkunden darin bestaunen. Ein Wandteppich mit dem Schnörkelschriftzug liegt über einem Sessel. Beim Chef der Anlage-Abteilung, Richard E. Bass, 54, flimmert ein »Enjoy Coca-Cola«-Bildschirmschoner über den PC-Monitor.
90 Kunden, so Bass, halten heute allein bei seiner Bank 3,24 Millionen Coke-Aktien im Wert von über 370 Millionen Mark - im Schnitt 4,1 Millionen pro Depot. »Die haben alle Mister Pat's Lektion gelernt: Kaufe die Aktie und lasse sie liegen.« Heute allerdings wäre Mister Pat's Treiben eher ein Fall für den Staatsanwalt. Munroe schlug Aktien nicht nur an Betuchte los. Auch Pflanzer, die Kredit haben wollten, verließen die Bank oft erst, nachdem sie Cola-Papiere gezeichnet hatten. »Ich gebe dir 2000 Dollar Kredit für das Saatgut und 2000 extra für Aktien«, lautete die übliche Offerte.
Doch schon 1927 wurde Mister Pat zur Legende. Die Brause-Firma belohnte ihre Investoren mit einer 100-Prozent-Rendite. Heute sind aus einem 40-Dollar-Papier von 1919 durch Splits 4608 Aktien für fast 300 000 Dollar geworden. Aktionäre, die zudem alle Dividenden reinvestierten, haben aus den 40 Dollar gar ein Vermögen von 6 674 302 Dollar (11,3 Millionen Mark, Stand: Ende 1998) gemacht.
»Coca-Cola ist doch phantastisch«, freut sich Julia Woodward, 85, die letzte in Quincy lebende Tochter Munroes. »Ich führe ein komfortables Leben«, sagt die gut aufgelegte Multimillionärin. »Coca-Cola hat mich, meine Kinder, Enkel und Urenkel erzogen.« In Woodwards Villa telefoniert die für ihre Spendenfreudigkeit bekannte Hausherrin natürlich mit einem Telefon im Coke-Flaschen-Design. Die Reminiszenz gilt auch einer Firma, die Mister Pat (18 Kinder) erlaubte, seine Familie in einen finanzkräftigen Clan zu verwandeln.
Andere Cola-Millionäre leben zurückgezogener. Wie etwa jene Erbin, die aus Angst vor Überfällen kein Wort mit Fremden spricht. »Viele konnten ihr Glück nicht begreifen«, sagt Sherry VanLandingham, 40, Geschäftsführerin der für Quincy zuständigen Handelskammer von Gadsden County. So hatte ein Mann seine Aktien jahrzehntelang nicht beachtet, bis er nachrechnete. Ergebnis: Die Papiere waren über eine Milliarde Dollar wert.
Die Erbengeneration agiert hingegen bewusster: Aktien werden verkauft, Vermögen umgeschichtet. Dennoch genießen Quincys Millionäre weiterhin besondere Aufmerksamkeit in der Coca-Cola-Zentrale. So soll ein Anruf aus dem Rathaus bei Coca-Cola, dem Hauptsponsor der Olympiade, genügt haben, und schon rannte der Fackelträger für Atlantas Olympische Sommerspiele 1996 durch Quincy. Und 1985 kam der einstige Coke-Chef Roberto C. Goizueta eigens herbeigeeilt, um vor 300 aufgebrachten Bürgern die Änderung des Cola-Rezepts zu verteidigen.
Coca-Cola hat nicht nur die Bürger, sondern auch die Gemeinde reich gemacht. Quincy verfügt über rund 60 Kirchen, ein Musiktheater, eine Privatschule sowie das Veranstaltungshaus Quincy Garden Center - allesamt Einrichtungen, die ganz oder teilweise mit Spenden der Coke-Millionäre finanziert wurden. Derzeit bauen 25 Arbeiter eine neue Kunstgalerie. Coke-Aktionäre schenkten das Gebäude und stifteten auch Aktien für 500 000 Dollar für die Sanierung des alten Warenhauses.
Cola-Geld finanziert Pfadfinder-Lager, Armen-Speisungen, Schüler- und Studentenstipendien - und es beeinflusst manche Berufswahl: »Ich habe mich für meinen Job entschieden, weil ich mit Coke-Aktien 20 Jahre Erfahrung sammeln konnte«, sagt der Finanzberater Mayo M. Woodward, 29. Nach einem mit Coke-Geld finanzierten College-Besuch macht Mister Pat's Urenkel Karriere bei der Vermögensberatung von Morgan Stanley Dean Witter.
Erstaunlich offen wird in Quincy aber ebenso über die Kehrseite des Cola-Booms geredet. »Was hat das Musiktheater für die Schwarzen getan? Und von der Privatschule hat auch nur die weiße Oberklasse profitiert«, klagt etwa Bud Branson, 58, Ex-Präsident der Quincy State Bank. 65 Prozent der Ortsbevölkerung sind Afroamerikaner. Sie leben noch heute im ärmsten Viertel südlich des Highway 90. Bis in die sechziger Jahre hinein durften dunkelhäutige Landarbeiter oft nur kündigen, wenn der neue Arbeitgeber ihre »Schulden« beim alten Herren übernahm.
Die Fortsetzung der Sklaverei mit kapitalistischen Mitteln wurde von den Coke-Millionen zumindest begünstigt. Mister Pat's Investoren waren vor allem weiße Tabakfarmer. Zuerst halfen ihnen Coke-Aktien, die große Depression der dreißiger Jahre durchzustehen, später die Pflanzungen auf Tomaten oder Pilze umzustellen. Für die neuen Gemüsekulturen wurden Wanderarbeiter aus Mittelamerika angeheuert - die Afroamerikaner verloren ihren Job.
Künftig wird die mit Cola-Geld finanzierte Galerie helfen, Quincy für wohlhabende (weiße) Dienstleister attraktiver zu machen.
Für Robert H. Bryant, 70, einer der einflussreichsten Afroamerikaner im Ort, ist Coca-Geld dennoch »wunderbar": Dank der Stipendien würden ebenso schwarze »Talente mobilisiert«. Bryant: »Einige Millionäre geben ihren Reichtum an die Gesellschaft zurück.«
Auch Jeff Sullivan träumt weiter den amerikanischen Traum. Er hat Coke-Aktien gekauft - »damit meine Enkel und Urenkel nicht über mich lachen«. Zumindest das Chrom seines Coca-Cola-Trucks blitzt schon jetzt wie poliertes Silber.
THOMAS H. WENDEL