Mit allen Tricks - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 45 / 104

SPEKULATION Mit allen Tricks

An der Börse von Chicago wurden Kunden um Millionen geprellt - Händler steckten die Gewinne ein.
• aus DER SPIEGEL 5/1989
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor anderthalb Wochen, keiner ahnte Böses, tauchten drei formell gekleidete Herren bei den großen Händlern und Brokern der Devisenbörse von Chicago auf. Einen hatten die Börsianer schon einmal gesehen, er stellte sich als Randy Jackson von der Bundeskriminalpolizei FBI vor.

»Sie lieben Ihr Haus, Sie lieben Ihr Auto«, legte Jackson los, »und die gnädige Frau liebt sicher auch ihren Schmuck. Aber Sie werden's nicht glauben - das gehört nun alles uns.« Die anderen beiden Herren, der eine ebenfalls vom FBI, der andere vom Justizministerium, nickten beifällig.

Die drei erklärten den entsetzten Handelsleuten, daß sie demnächst vor dem Untersuchungsrichter zu erscheinen hätten. Sie seien überführt, sich beim Börsengeschäft illegale Gewinne auf Kosten der Kundschaft und der Steuer zugeschoben zu haben.

Zur gleichen Zeit gaben andere FBI-Leute an der Warenbörse von Chicago eine ganze Handvoll Vorladungen ab. Den Händlern fiel ein jüngerer FBI-Mann mit Bart und Südstaaten-Akzent auf, den sie vorher als Ron Hanson kennengelernt hatten. Er war monatelang in goldgelber Jacke als »Runner« für die Börsenfirma Dean Witter Reynolds einer der Ihren gewesen.

Auch der zynische FBI-Mann Randy Jackson war den Börsianern in der Tat gut bekannt. Unter dem Decknamen Peter Vogel hatte er an zahllosen faulen Geschäften mitgewirkt.

Fluchend warfen sich die Jobber vor, den Herrn falsch eingeschätzt zu haben. »Er war ein richtiger Naßgekämmter«, erinnert sich Händler Tom Hicks von der Chicagoer Devisenbörse, »immer korrekt gekleidet, festgezurrter Schlips und so. Alles ganz anders als bei uns. Wir nannten ihn den Buchhalter.«

Buchhalter Vogel hatte sich vor den Händlern als Inhaber einer schlechtgehenden Firma ausgegeben und die besserverdienenden Kollegen beim Lunch zu steuersparenden Deals überredet. So sollten sie Kursgewinne beim Fremdwährungsspiel nicht selbst verbuchen, sondern einfach an ihn übertragen.

Er, Vogel, vermindere damit allenfalls seine Verluste, gerate aber nicht in Gefahr, steuerpflichtige Gewinne zu erzielen. Die Kollegen könnten dann beim Zurückreichen des Kursgewinns in bar steuerfrei kassieren. Der Rest des Geschäfts ging denn auch in Form von Briefumschlägen mit 5000- und 10 000-Dollar-Packen beim Lunch über den Tisch. Buchhalter »Vogel« notierte.

Seit US-Staatsanwalt Anton Valukas 1986 von der Handelsfirma Archer-Daniels-Midland Co. in Decatur (Illinois) erste Hinweise auf Steuer- und Kundenbetrug bei Brokerfirmen erhalten hatte, läßt er die beiden Börsen Chicagos überwachen. Nach dem Vorbild des New Yorker Wall-Street- und Mafia-Schrecks Rudolph Giuliani nutzt er dabei erbarmungslos alle Tricks der Agentenschule.

Außer den Agenten »Vogel« und »Hanson« schleuste Valukas noch mindestens drei andere an der Börse ein. Sie zapften Telephone an, schnitten Gespräche über versteckte Mikrophone auf Band mit. Oft beobachteten sie nicht nur faule Geschäfte, sondern schoben sie, wie Vogel, selbst mit an.

Agent Richard »Carlson« gab sich als geborener New Yorker aus, der sich im Sojabohnen-Handel spezialisieren wollte; Agent Michael »McLoughlin« kreuzte als Händler von Schatzbriefen aus Florida auf. »Beide waren nette Kerle«, erinnert sich ein einstiger Kollege, »beide stellten allerdings entsetzlich viele Fragen, aber ich habe das für reinen Lerneifer gehalten.«

Lerneifer trieb die Agenten schließlich auch in den vornehmen East Bank Club, wo die Waren-Terminhändler kungelten. Und in barocke Privat-Parties, wo mit breitem Grinsen schwadroniert wurde, wie man den dummen Kunden das Fell über die Ohren ziehe.

Das System funktionierte, ähnlich wie Steuerbetrug, ganz simpel. Die Händler notierten für den Kunden einfach niedrigere Verkaufs- und höhere Kaufpreise von Waren oder Währungen, als sie in Wahrheit erzielten. Die jeweiligen Differenzen steckten sie ein.

Als große Nummern in diesem Spiel wollen Valukas Häscher zwei prominente Chicagoer Broker legen, die mit der republikanischen Wirtschafts-Mafia zusammenhängen: David H. Horberg und John M. Baker, beide im Yen-Futures-Handel an der Währungsbörse. Die beiden werden auf ungefähr eine Million Dollar Jahreseinkommen geschätzt.

Die von den Brokern in Scharen konsultierten Anwälte indes sehen in Valukas Aktionen Beweismängel. Tonbänder könnten konstruiert sein. »Der Staatsanwalt«, so ein Anwalt, »ist auf Kooperation angewiesen. Er braucht einen Dennis Levine.«

Investment-Banker Dennis Levine war, schwer belastet, 1986 von der New Yorker Staatsanwaltschaft überredet worden, als Kronzeuge auszusagen. Er brachte den gesamten Wall-Street-Insider-Skandal zu Tage. In Chicago ist, trotz mancher Überredungskünste der Behörden, noch kein Kronzeuge angetreten.

Die Börsianer der New Yorker Wall Street beobachten die Affäre in Chicago mit giftigem Vergnügen. »Für die Leute hier«, so ein Mann aus der Szene, »ist Chicago der Wilde Westen.«

Mit ihrem leichtsinnigen Futures-Handel, so heißt es in New York, seien die Leute in Chicago Hauptschuldige an dem Börsenkrach vom 19. Oktober 1987 gewesen. Im Gegensatz zu dem elektronisch hochgezogenen Termingeschäft pflegten sie in anderen Teilen ihres Geschäfts geradezu altmodische, zum Betrug verführende Handelsmethoden. In Chicago spiele sich manches Geschäft noch nach Art der klassischen Rindvieh-Börse ab.

Die Händler und Angestellten der einzelnen Brokerfirmen sind an der Farbe ihrer Jacken zu erkennen. Der Handel läuft nicht zentral über einen Auktionator, sondern nach dem System des »open outcry«.

Die verschiedenen Farbenträger brüllen ihre Kontraktnummer und den Preis in die Arena. Wer dann seine Handfläche vom Körper abgewandt hält, will verkaufen, wer sie zum Körper wendet, will kaufen.

Wenn es ans Abrechnen geht, können sich die Partner rasch einigen, was von den Erträgen der Kunde sieht und was sie selbst einstecken wollen. »Das ist ein sehr freischwebender Markt«, mokiert sich ein alter Wall-Street-Hase, »und man staunt hier, wie lax die mit Selbstregulierung sind.«

Die Kritik wurde gehört: Vergangenen Donnerstag stellte die Währungsbörse einen Expertenausschuß zusammen, der die größte Reform seit 115 Jahren vorbereiten soll.

Während die Selbstregulierung an den Börsen von Chicago erst noch anfangen soll, ist die Regulierung durch Marktkräfte schon im Gange. Vor der Aufdeckung des Skandals kostete die Mitgliedschaft eines Brokers an der Währungsbörse 520 000 Dollar, vergangene Woche nur noch 480 000. Bei der Warenbörse fiel der Wert eines Börsensitzes von 445 000 auf 375 000 Dollar.

Zur Ausgabe
Artikel 45 / 104

Mehr lesen über