Mit Bauchbinde - DER SPIEGEL
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MESSEN Mit Bauchbinde

Die deutschen Messegesellschaften forcieren ihr Auslandsgeschäft -- zum Ärger der Exportwirtschaft.
• aus DER SPIEGEL 19/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles war schön geplant: Im Herbst dieses Jahres sollte die deutsche Industrie bei einem repräsentativen Technikspektakel in Mexico-Stadt zeigen, was sie kann. Alle Firmen von Rang und Namen im bundesdeutschen Big Business waren zur Expo Tecnica Alemania 81 in die mexikanische Hauptstadt gebeten.

Doch zum Erstaunen des Veranstalters, der renommierten Münchner Messefirma Imag, hielt sich bei den angesprochenen Unternehmen die Begeisterung in Grenzen: Für mehr als ein Drittel der Ausstellungsfläche fanden sich keine Mieter.

Da gerieten die Münchner in Not, und Winfried Wachendorfer, Messereferent im Bundeswirtschaftsministerium, mußte die Schau zur Ehre der Nation mit einem Zuschuß von »vorerst« 800 000 Mark retten. »Immer schlecht«, meint der Ministerialrat resigniert, aber heiter, »wenn man nachträglich zur Kasse gebeten wird.«

Solches Mißgeschick mag ihm bald öfter widerfahren. Denn ebenso wie die Münchner verspüren neuerdings alle großen Messeunternehmen, Frankfurt ausgenommen, einen heftigen Drang in die Fremde: München bricht zu »neuen Dimensionen« auf, die Düsseldorfer »intensivieren« weltweit »ein geradezu gewaltiges Betätigungsfeld«, auch Hannover und Köln drängen mit Macht über die Grenzen.

Bislang waren die Initiativen zu Auslandsmessen meist von Regierungsstellen und dem Ausstellungs- und Messeausschuss der Deutschen Wirtschaft (Auma) in Köln ausgegangen.

Die Münchner Imag zum Beispiel arrangierte Ende 1979 im Bonner Auftrag die »Indogerma« im indonesischen Diakarta, sie zeigt in diesem Jahr »industrial design aus Bayern« in Peking und »Industrietechnik aus Baden-Württemberg« in Schenjang/Mandschurei.

Die Düsseldorfer Messegesellschaft Nowea organisiert bei der »Saudibuild« in Riad oder auf der Maschinenbaumesse im tschechoslowakischen Brünn die offizielle Gemeinschaftsschau des Landes Nordrhein-Westfalen.

Die Repräsentation, ob in Posen oder Santiago de Chile, in Moskau oder Bagdad, gilt der Exportförderung auf lukrativen Märkten. Bonn läßt sich diese Anstrengung in diesem Jahr 24 Millionen Mark kosten. Auf rund 130 Auslandsmessen treten die Deutschen, so Promoter Wachendorfer, »nicht einzeln im Gelände verstreut, sondern mit schwarzrotgoldener Bauchbinde auf«.

Die Konkurrenz unter den Messegesellschaften sorgte nun allerdings dafür, daß sich die Ausstellungsmanager zunehmend ohne amtliche Initiative rund um den Globus nach Veranstaltungsplätzen umsehen. Das Messefachblatt »m + a report« faßte bündig zusammen, was die Werbemanager in den Firmen von diesem »Ausstellungsboom« halten: »Eine kaum noch zumutbare Belastung.«

Selbst für die Experten in den Messeabteilungen der großen Firmen ist es unmöglich, noch zu erkennen, welche Ausstellungen für ihr Unternehmen wichtig sind und auf welchen ein Stand ohne Schaden fehlen kann. Die Fülle der fachlichen Spezialmessen und regionalen Ausstellungen, an die 2500 jährlich, »segmentiert und pulverisiert« den Markt, klagt Hans-Georg Döring vom Elektrokonzern Siemens.

Die Messethemen reichen von Elektronik (Peking) und Holz (Klagenfurt) bis zur Schweinezucht (Reggio nell' Emilia). Dreimal im Jahr macht sich die Münchner Imag in Tokio um das Hotelwesen verdient, ebensooft bittet die Düsseldorfer Nowea zu Maschinenmessen nach Singapur.

Das Überangebot ist längst mehr als ärgerlich. »Wir sind nicht bereit«, schimpft BBC-Messemann Herbert Sievers, »uns etwa an Ausstellungen zum Thema Energie in 27 Ländern der Erde zu beteiligen.«

Für Messen und Ausstellungen im In- und Ausland wendet die Wirtschaft immerhin, nach Branchen und Firmen unterschiedlich, pro Jahr insgesamt an die fünf Milliarden Mark auf. Die Messegesellschaften, alle fest in öffentlicher Hand, kassieren einen Gutteil davon.

Der Bonner Ministeriale Wachendorfer argwöhnt, diese »parafiskalischen Institutionen« wollten durch die Auslandsgeschäftigkeit wohl vor allem ihre überdimensionierten Verwaltungsapparate in den messeschwachen Zeiten auslasten.

Das hören die Messemanager gar nicht gern. Lieber verstehen sie sich als Schrittmacher für zögernde Mittelständler, denen sie »mit der Messebeteiligung Auslandsmärkte neu erschließen« (Nowea). Claus Groth von der Hannover-Messe behauptet gar: »Unsere Kunden fordern dieses Dienstleistungsangebot.«

Möglicherweise schaden sich die Messegesellschaften allerdings selber mit ihren bunten, weltweiten Angeboten. Denn wenn die Deutschen so wohlfeil draußen präsentieren, könnte es sich mancher Ausländer überlegen, ob die Reise zu einer Messe in Düsseldorf oder München lohnt. Messespezialist Wachendorfer: »Das kann partiell nach hinten losgehen.«

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