Konzerne Mit einer Backe
Der Betriebsratsvorsitzende keucht fast vor Ärger. »Eine Menge Dinge haben wir schon ertragen«, schimpft Arnold Weber, »und nun setzen die noch so was drauf.«
Der Vorstand seines Unternehmens, des Frankfurter Chemiekonzerns Hoechst, hat die wichtigste Betriebsvereinbarung gekündigt - den Entgeltvertrag, der die übertariflichen Verdienste regelt. Rund 3500 erboste Hoechster gingen daraufhin am vergangenen Dienstag auf die Straße. Ein wahrlich schwarzer Tag sei das, an dem Arbeitnehmer gezwungen würden, für den Erhalt ihres Lohnes zu demonstrieren, rief Weber den Wütenden zu.
Krach im Chemiewerk - das hat es bei Hoechst seit Jahrzehnten nicht gegeben. Anders als bei den widerborstigen Metallern oder Druckern ging es in der Chemiebranche immer friedlich zu. Stets galt die stille und pragmatische Art als Vorbild sozialpartnerschaftlicher Beziehungen; Hoechst war da keine Ausnahme.
Nun kocht die Hoechster Seele: Stellenabbau, Auslagerung von Betriebsteilen und andere »Gemeinheiten« (Weber) haben die Beschäftigten hingenommen. Jetzt will der Vorstand den Chemikern, Laboranten und Handwerkern auch noch ihren Jahrhundertvertrag nehmen. »Das ist eine Nummer zuviel«, knurrt ein Arbeiter.
Der 1974 unter bundesweiten Lobpreisungen abgeschlossene Entgeltvertrag garantiert den Hoechst-Arbeitern Löhne und Gehälter von bis zu 40 Prozent über dem Tarif. Ein Chemiker etwa, der mit einem Monatseinkommen von 3345 Mark einsteigt, kommt so binnen drei Jahren auf 4333 Mark. Da sind die normalen jährlichen Tariferhöhungen noch nicht eingeschlossen, die bisher quasi automatisch auch auf die übertariflichen Einkommensteile berechnet wurden.
In Zukunft soll das alles anders sein. Hoechst will Tarif und Extras klar trennen und Zulagen nur noch nach Leistung vergeben. Wer gut arbeitet, verdient mehr; wer die Anforderungen nicht erfüllt, dessen Einkommen stagniert. Der Arbeitgeber will sich künftig vorbehalten, Tariferhöhungen mit dem übertariflich Gewährten zu verrechnen.
Mit der Kündigung des alten Entgeltvertrages folgt Hoechst dem Trend der Branchenriesen. BASF hatte Ende Mai angekündigt, alle übertariflichen Betriebsvereinbarungen und Sozialleistungen aufzulösen. Nach massiven Protesten aus der Belegschaft zog der Vorstand den Katalog zurück. Dennoch wird er mit dem Betriebsrat über Kürzungen verhandeln.
Bayer in Leverkusen hat ebenfalls die übertariflichen Leistungen gekündigt. Ein ganzer Katalog angestammter Wohltaten soll fallen.
Belegschaften und Gewerkschaften irritiert das rüde Vorgehen. Noch vor kurzem, auf einer gemeinsamen Veranstaltung zur Vertiefung der Sozialpartnerschaft, hat der BASF-Arbeitsdirektor den anwesenden Arbeitnehmervertretern versichert, die Lohnkosten spielten bei der Frage der Wettbewerbsfähigkeit nur eine nachrangige Rolle. Jetzt wird trotzdem gekürzt.
»Wir wollen keinen Lohnraub betreiben«, beschwichtigt Heinz Weinmann, Personalleiter bei Hoechst. »Wir wollen beweglicher werden und Leistung mehr belohnen können.« Der Leistungsgedanke im Hause Hoechst solle gestärkt, die Motivation gefördert werden.
Doch die Hoechst-Arbeiter, die in der Vergangenheit viel hingenommen haben, empfinden die Kündigung als Provokation. »In den Boomjahren hat man uns mit Verweis auf den Jahrhundertvertrag mit Tariferhöhungen von zwei, drei Prozent abgespeist«, zürnt Gummierungshandwerker Klaus Zinkhan. »Wir sind von allen Socken gefallen«, empört sich ein Kollege.
Einst war der Vertrag als Gabe an die Mitarbeiter gedacht, sagt Betriebsrat Weber, er sollte das Unternehmen für die Menschen in den Werkhallen und Büros attraktiv machen. Noch vor wenigen Jahren habe der Vorstand das System als Schritt in die Zukunft gepriesen. »Jetzt müssen die kleinen Leute die Zeche zahlen«, so Arbeiter Zinkhan.
Der Ärger der Arbeiter richtet sich besonders gegen den neuen Konzernchef Jürgen Dormann. Sie fühlen sich von dem Mann mit dem Jungengesicht und den hoffnungsvollen Worten getäuscht. »Wir müssen zu einer Kultur des Vertrauens kommen, und unsere Mitarbeiter sollen wieder stolz sein können auf unser Unternehmen«, hat er bei seinem Antritt gesagt. _(* Am vergangenen Dienstag vor dem ) _(Stammwerk in Frankfurt. )
Inzwischen lachen die Arbeiter darüber. »Bis jetzt haben wir keinen Grund, auf irgend etwas stolz zu sein, was von dieser Seite kommt«, höhnt ein Chemikant. »Was wir vorn aufgebaut haben, haut der mit einer Arschbacke um.«
Der neue Konzernherr macht, was schon lange geplant war. Der internationale Wettbewerbsdruck zwingt den Chemieriesen, das Unternehmen beweglicher zu gestalten. 8000 Arbeitsplätze wurden gestrichen, Unternehmensteile wie der Pflanzenschutz, die PVC-Herstellung und die Faserproduktion ausgelagert.
»Auf Dauer soll das neue Entgeltsystem selbstverständlich zu Einsparungen führen«, steht in einem Rundschreiben des Vorstands an die Belegschaft. Gleichzeitig betont der Personalleiter, daß keinem etwas genommen werde.
Die Beschäftigten fühlen sich durch die unklaren Botschaften verunsichert. »Die wollen irgendwo abzwacken, aber keiner weiß, wie und wo«, klagt Arbeiter Albert Kretschmar.
Soll der Meister künftig bestimmen, was seine Arbeiter verdienen? Was passiert mit denen, die nicht mehr so schnell können, die krank sind, alt oder verbraucht? Wird es Streit geben an den Maschinen, weil der eine mehr verdient als der andere? Fragen, über die Unternehmensleitung und Betriebsräte erst verhandeln müssen.
Diese haben, wenn auch wutschnaubend, schnell wieder zum branchenüblichen Pragmatismus zurückgefunden. Am vergangenen Freitag haben die Arbeitnehmervertreter ihre Verhandlungskommission zusammengestellt. »Protest nutzt ja nichts«, sagt Betriebsrat Weber, »wenn nichts dabei herauskommt.« Y
»Die wollen irgendwo abzwacken, aber keiner weiß, wie und wo«
* Am vergangenen Dienstag vor dem Stammwerk in Frankfurt.