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Unternehmen Mit Risiken leben

Zwei Bremsen-Hersteller aus München und Ost-Berlin organisieren die erste deutschdeutsche Aktiengesellschaft. Ein Signal für andere Unternehmen?
• aus DER SPIEGEL 5/1990
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Straßen mit Kopfsteinpflaster, alte Fabrikgebäude aus rotem Backstein und schmutzigweißen Klinkern, ab und zu das stampfende Geräusch schwerer Maschinen - im Industriegebiet des Ost-Berliner Stadtteils Lichtenberg scheinen die zwanziger Jahre stehengeblieben zu sein.

Doch das höchste Bauwerk der Gegend, das unter Denkmalschutz stehende Hauptgebäude des VEB Berliner Bremsenwerk (BBW), beherbergt keineswegs eine altmodische Klitsche. Hier werden in einer hochmodernen Fabrik Bremssysteme gefertigt, die in Züge und Lastwagen eingebaut werden. Das in musealer Umgebung arbeitende Unternehmen konkurriert mit High-Tech-Schmieden im Westen.

BBW-Betriebsdirektor Eberhard Jahn führt sein Unternehmen voller Stolz, aber noch im überlieferten Sprachstil vor: »Unsere Zweikreisbremse hat internationales Niveau.« Steigende Exporte in fast alle Ostblockstaaten belegen, daß BBW-Produkte nicht nur wegen alter Lieferverträge gekauft werden. * Knorr-Vorstand Ziegler, BBW-Direktor Jahn, Knorr-Chef Thiele bei der Vertragsunterzeichnung in einem Salonwagen der Deutschen Bundesbahn.

Seit Mittwoch vergangener Woche ist Direktor Jahn, 50, ein bekannter Mann. Reporter, Agenturen und Filmteams bitten um Termine. Zusammen mit dem Münchner Unternehmer Heinz Hermann Thiele, 49, der den Münchner Konzern Knorr-Bremse (784 Millionen Mark Umsatz, 5200 Beschäftigte) führt, hat Jahn einen Plan ausgetüftelt, auf DDR-Territorium die erste deutsch-deutsche Aktiengesellschaft zu gründen.

Der Umgang mit den West-Medien bereitet dem gebürtigen Sachsen noch einige Schwierigkeiten. Die Formulierung einer bundesdeutschen Boulevardzeitung, nun helfe ein westdeutscher Macher »einem maroden DDR-Betrieb auf die Beine«, hat ihm die Stimmung für den ganzen Tag verhagelt.

»Wir sind gleichberechtigte Partner für Herrn Thiele«, grummelt der stämmige Jahn und hebt gleich noch mal zu einem Vortrag über den technologischen Standard seines Unternehmens, die modernen Maschinen von Gildemeister und Voest-Alpine und die hochqualifizierte Stammbelegschaft an.

Knorr-Bremse-Chef Thiele wußte seit langem, was in dem Ost-Berliner Unternehmen steckt. Das BBW-Werk war bis 1945 Stammsitz der Knorr-Bremse. Die Enteignung des Unternehmens durch die Sowjets und die Umwandlung in eine Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG) im August 1946 - dies veränderte die Rechtsform, aber nicht das technische Herz des Betriebs.

Seit 1959 fertigen die Berliner Knorr-Eisenbahnbremsen in Lizenz. Gegenseitige Besuche von Technikergruppen und Managern waren auch in den vergangenen Jahren keine Seltenheit. Bei diesen Treffen müssen die Firmenspitzen bemerkt haben, daß sie ein gemeinsames, zutiefst unternehmerisches Ziel haben: Beide möchten expandieren.

»Ich könnte auf einen Schlag 300 bis 400 neue Leute einstellen, zusätzliche Maschinen kaufen und den Umsatz um 50 bis 70 Millionen Mark steigern«, erklärt Jahn. Die Nachfrage sei da, ihm fehlten nur die Mittel.

Der Wunsch zu wachsen deckt sich mit Thieles Plänen. Der einstige Sachbearbeiter hat die Knorr-Bremse 1985 günstig von dem ehemaligen Besitzer Jens von Bandemer erworben, als dieser aus der Industriegesellschaft ausstieg und sich einer christlichen Glaubensgemeinschaft anschloß. Der erfolgreiche Manager, der durch Knorr zum reichen Mann wurde, hat sich hohe Ziele gesteckt. »Wir wollen«, sagt er, »bei Eisenbahn- und Lastwagenbremsen weltweit die Nummer eins werden.«

Neue Absatzmärkte sieht Thiele vor allem im Osten, weil dort »auf absehbare Zeit die Eisenbahn das wichtigste Transportmittel bleibt«. In Ungarn vereinbarte Thiele mit einer Werkzeugmaschinenfabrik ein Joint-venture. Mit Hilfe der BBW will er nun in der DDR Fuß fassen, später könnte dann noch die Sowjetunion drankommen.

Die Aufbruchstimmung in der DDR ermunterte die Chefs in Bayern und Preußen, gleich in die vollen zu gehen. BBW bringt, anders als üblich, sofort den gesamten Betrieb in das zu gründende Gemeinschaftsunternehmen ein; Knorr-Bremse wird sich am Grundkapital der neuen Firma zunächst mit 49 Prozent beteiligen. »Ob das mal 50 Prozent werden oder später noch mehr«, meint BBW-Chef Jahn, »hängt von den zukünftigen Gesetzen ab.«

Partner Thiele wartete nicht erst auf die neuen Gesetze und Regelungen in der DDR, die ihm größere Rechtssicherheit gegeben hätten, sondern preschte mit zweiseitigen Abmachungen vor. »In anderen Ländern müssen wir doch auch mit Risiken leben«, meint er.

Auch bei der Vertragsunterzeichnung ging es reichlich unkonventionell zu. Die Eisenbahnbremsen-Hersteller vollzogen diesen Akt in einem Salonwagen der Bundesbahn, auf der Fahrt von München an den Tegernsee.

Ergebnis der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit ist etwas ganz Neues: eine Aktiengesellschaft nach einem noch von der DDR-Volkskammer zu beschließenden Aktienrecht, die einen privaten und einen staatlichen Aktionär hat.

Ob und wie das funktionieren kann, wird vielen Theoretikern zu denken geben. Die Macher aus München und Berlin gehen einfach davon aus, daß so etwas klappt. »Warum soll Marktwirtschaft nicht auch bei Volkseigentum funktionieren?« fragt der promovierte Industrieökonom Jahn. Wichtig sei allein, daß die unwirtschaftliche Einbindung in das Großkombinat Schienenfahrzeugbau beendet werde.

Deshalb interessiere ihn jetzt auch nicht, ob das volkseigene Aktienpaket in Zukunft vom Wirtschaftsminister, vom Finanzminister oder von der Staatsbank verwaltet werde. Jahn: »Hauptsache ist, die reden mir nicht rein.«

Jahn und Thiele geben ein politisches Signal. Viele bundesdeutsche Firmenchefs zögern immer noch, mit ihren ostdeutschen Partnern gemeinsame Unternehmen zu gründen. Sie wollen abwarten, bis das Unternehmensrecht fertig reformiert ist; viele wollen erst nach den Wahlen zur Sache gehen.

Natürlich ist bei den Bremsenherstellern noch vieles ungeklärt. Ob zum Beispiel die BBW-Belegschaft demnächst einen Teil ihres Lohns in D-Mark ausgezahlt bekommt, wie Thiele vorschlug, kann Direktor Jahn noch nicht mit letzter Sicherheit beantworten. »Aber warum sollte das nicht möglich sein«, erklärt er, »wenn wir selbst genügend Devisen erwirtschaften?«

Vieles ist in der DDR heute möglich, aber, so erfuhren die Münchner Knorr-Leute, doch nicht alles. Um die Kommunikation mit dem neuen Partner zu vereinfachen, hatte Thiele einen Mitarbeiter ein Telefax-Gerät ins Auto packen lassen, das dieser, unter einer Wolldecke versteckt, zum BBW-Werk fuhr.

Der Hauselektriker allerdings weigerte sich, den Apparat anzuschließen. Das Gerät, bockte der Mann, sei ja von der DDR-Post gar nicht zugelassen. f

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