Mit Schwindsucht - DER SPIEGEL
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Biermarkt Mit Schwindsucht

Den westdeutschen Brauereien, vor Jahren noch begehrte Anlageobjekte, geht der Saft aus: Überkapazität und flaue Nachfrage verderben das Geschäft.
• aus DER SPIEGEL 34/1974
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Westdeutschlands Biertrinkern vergeht der Durst, den Brauern die Lust am Geschäft: Während der Verkauf von Pils und Export, von Märzen und Malz seit Monaten stagniert, werden die Klagen der Bierbosse immer lauter, sacken die Börsennotierungen der einst hochgeschätzten Brauaktien immer tiefer -- allein im ersten Halbjahr verloren sie im Durchschnitt 22 Prozent ihres Kurswertes.

Seither macht sich unter den Großen der Branche eine immer heftigere Katerstimmung breit, bei Reemtsma und Oetker und selbst bei Anton Ernstberger, Vorstandssprecher der Bayerischen Hypotheken- und Wechsel-Bank, der in den letzten Jahren einige hundert Millionen Mark in den überschäumenden Markt investiert hatte. Ein dickes Paket Bieraktien schien ihm noch vor wenigen Jahren so attraktiv, daß er kaum einen Bluff oder Trick scheute, um seine Bank zum größten Braukonzern Deutschlands zu machen. Nun sucht er -- bislang vergeblich -- Käufer für Teile seines mühsam zusammengekauften Besitzes.

Auch die Hamburger Zigarettenfirma Reemtsma, die ihre in wenigen Jahren zusammengekauften Bierbeteiligungen erst 1972 in die Neugründung Deutsche Brau AG eingebracht hatte, hat die Lust am Bier verloren. Weil zwischen den Hamburgern und ihrem Braupartner Bruno Schubert »unterschiedliche Auffassungen über die Zukunft« (Schubert) bestehen, droht nun die Auflösung der Bierholding, die derzeit unter anderem Westdeutschlands größte Braustätte Henninger-Bräu in Frankfurt besitzt.

Und Oetkers Generalbevollmächtigter Guido Sandler verriet den Mitaktionären an der von Oetker beherrschten Dab-Hansa-Gruppe, daß »man ganz trübsinnig werden kann«, wenn man an die Kasse denke.

»Jede dieser drei Gruppen«, so Reemtsmas Bierverwalter Werner Hilberger, »ist dabei zu konsolidieren.« Endgültig vorbei sind die Zeiten der großen Biergefechte, als selbst für kleine Brauhäuser das Vierfache des Branchenrichtpreises von 100 Mark pro Hektoliter Kapazität bezahlt wurde. »Die Preise von damals«, sinniert Hilberger über die Bier-Gründerzeit, »werden sicher nie wieder bezahlt.«

Einträchtig jammern die Brauherren über schwindende Gewinne und explodierende Kosten, über Preisverfall und Überkapazitäten. »Die Erlöse schwinden von Jahr zu Jahr«, resignierte Henninger-Generaldirektor Hubert Stadler. »Wir mußten Grundstücke verkaufen, um die Dividende zu verdienen«, lamentierte das Management von Münchens Löwenbräu. Auf »galoppierende Schwindsucht bei den Gewinnen« verweist die Brau-AG in Nürnberg, und Holsten-Chef Hans-Peter Meister sieht sich von einem »kaum noch beeinflußbaren Ansteigen der Kostenflut« bedroht.

Immer deutlicher wird, daß die Rekordgewinne und stete Expansion gewohnte Branche in eine selbstgebraute Krise schlittert: Von der Bierlaune ihrer Kunden verwöhnt -- seit 1950 stieg der Konsum von 37 Liter pro Kopf auf die Weltrekordmarke von 146,7 Liter -, investierten die Brauherren unverdrossen in immer größere Anlagen. Und während neue Kapazitäten auf den Markt drängen, stagniert der Absatz, droht erstmals sogar ein deutlicher Rückschlag.

Im verregneten Juni und Juli mußten die rund 1700 deutschen Sudhäuser ihren Ausstoß um mehr als zehn Prozent drosseln. Und für den Herbst läßt sich »schon jetzt absehen, daß es weiter bergab geht«, so der Sprecher des Brauer-Bundes Rolf Hellex.

Auch die Versuche, trotz schwächlicher Nachfrage und deutlicher Überkapazität -- von Bierexperten wie Ernstberger oder Meister auf über 20 Prozent geschätzt -- die Ertragsausfälle durch höhere Preise auszugleichen, wollen nicht gelingen. Zu stark hatten sich die Brauereien darauf eingelassen, mit Billigmarken und Schleuderpreisen in die Absatzmärkte der Konkurrenz einzubrechen. Überdies hemmt der Handel den Drang zu höheren Erlösen. Denn die Lebensmittelhändler, die ihren Anteil am gesamten Bierabsatz bei »weiter stark steigender Tendenz« (Hellex) auf nahezu 40 Prozent ausgebaut haben, sind, so ein Bierdirektor. »die große Nachfragemacht, die erbarmungslos den Erpresserhebel ansetzt«.

Billiges Bier als Lockangebot ist den Händlern zur lieben Gewohnheit geworden. Und wenn deutsche Brauer nicht mitspielen, wird im Ausland gekauft. So läßt der Kaufhof sein Elite-Pils in Luxemburg abfüllen und verkauft zugleich Wernesgrüner Pils aus der DDR -- zehn Flaschen für 3,98 Mark. »Der Kampf um jedes Zehntel Prozent Marktanteil«, klagte Oetkers Sandler. »hat längst begonnen.«

Im Kampf um die Macht in Westdeutschlands Brauereien wurde es dafür um so stiller, den Gewinnern brachte ihre Beute wenig Freude. So hat der vorläufige Sieger im Bierpoker offensichtlich mehr gewonnen, als er verkraften kann: Anton Ernstberger, der mit 34 Brauereibeteiligungen rund 20 Prozent des deutschen Biergeschäftes kontrolliert (Reemtsma und Oetker halten jeweils einen Marktanteil von acht bis neun Prozent), sucht schon seit Monaten für eine Zehnprozentbeteiligung an der Dub-Schultheiß-Brauerei einen Interessenten. Die Kurse stehen schlecht für ein gutes Geschäft: Als Ernstberger 1972 die Reemtsma-Gruppe bei Dub ausbootete, hatte ihn die Bieraktie etwa 440 Mark gekostet -- heute liegt das Papier bei ganzen 248 Mark.

Insider mutmaßen gar, dem bayrischen Bierbankier sei der Geschmack am Gerstensaft ganz vergangen. Sie errechneten, daß seine Bierinvestition von insgesamt etwa 600 Millionen Mark nur die magere Rendite von einem Prozent abwirft.

Auf ihr eigenes Kapital zahlt die Hypo-Bank 18 Prozent Dividende.

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