Mitleidige Anrufe - DER SPIEGEL
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PRESSE Mitleidige Anrufe

Noch nie drohte einem deutschen Blatt ein so hoher Schadensersatz: Ein Gericht verurteilte FOCUS wegen eines Berichts über die Mody Bank.
• aus DER SPIEGEL 30/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Helmut Markwort ("Fakten, Fakten, Fakten") brachte die Sache schnell auf den Punkt: »Exklusiv haben wir die Geschichte von der Hamburger Bank. Da können viele Menschen ihr Geld verlieren.«

Die flotte Werbung, mit der FOCUS-Chefredakteur Markwort in Fernsehspots für einen Beitrag seines Magazins über die Privatbank Mody warb, wendet sich jetzt gegen ihn selbst. Das Hamburger Landgericht verurteilte FOCUS und seinen Chefredakteur: Sie müssen zwei Aktionären der Bank, die kurz nach dem Erscheinen des Berichts schließen mußte, »alle Schäden ersetzen«. Und das könnte teuer werden: Das Grundkapital der Bank betrug 24 Millionen Mark.

»Zahlen, zahlen, zahlen«, lästerte daraufhin die TAGESZEITUNG. Doch der Fall ist zu ernst, um darauf nur mit Spott zu reagieren. Es ist ein in der Presse- wie in der Bankengeschichte wohl einmaliger Vorgang.

So ist in Deutschland noch keine Bank pleite gegangen - wegen einer nach Ansicht des Gerichts »unwahren« Berichterstattung. Bislang drohte auch keinem deutschen Blatt ein so hoher Schadensersatz. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG fragt: »Ist die Pressefreiheit in Gefahr?«

Keineswegs, sagt Michael Nesselhauf, der Anwalt der Kläger. Es gehe nur darum, daß Journalisten keine falschen Behauptungen aufstellen dürften. Das Urteil sei »ein Meilenstein, weil dieser Art von Journalismus endlich das Handwerk gelegt wird«.

FOCUS-Macher Markwort dagegen sieht die »Freiheit der Berichterstattung« gefährdet: »Hier droht ein Maulkorb.« Sein Blatt könnte »die Anleger nie mehr warnen«, fürchtet Markwort, wenn dieses Urteil in den nächsten Instanzen noch Bestand habe.

Als Serviceleistung für die Kunden der zusammengebrochenen Mody Bank versteht der FOCUS-Chef die umstrittene Werbung für den Artikel. Sie hätten dadurch noch eine Chance gehabt, ihr Geld abzuheben, bevor das Geldhaus zusammenstürzte.

»Das war die riskanteste Bank Deutschlands«, behauptet Markwort. Die Mody Bank war »als einzige nicht im Einlagensicherungsfonds der Banken«, der Kunden im Falle von Zahlungsproblemen einen weitreichenden Ersatz ihrer Gelder garantiert. Mody habe zudem »als eine Art Lumpensammler« (Markwort) gearbeitet, der Unternehmen akzeptiert, die bei anderen Banken keine Kredite mehr bekommen hätten. Entsprechend hoch seien die Risiken für die Bank gewesen.

»Wenn ich morgen schreibe, ,Dresdner Bank in Not', passiert gar nichts«, sagt Markwort. Doch die Mody Bank, die war »so morsch, die mußte man nur mit dem Finger anstoßen«.

Die Hamburger Richter aber sind davon überzeugt, daß die Bank bei Erscheinen des Artikels noch nicht gefährdet war. Erst durch den Werbespot sei »ein ,Run' der Kunden auf die Bank ausgelöst worden«.

Von Montag morgen bis Dienstag nachmittag hoben Bankkunden über 11 Millionen Mark ab. Es bedürfe bei einem Stammkapital von 24 Millionen Mark deshalb »keiner näheren Darlegung, daß der ,Run' die Liquidation der Bank zur Folge hatte«. Tatsächlich schloß das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen daraufhin die Bank.

Gegen die Behauptung, die Bank habe sich zuvor bereits in Not befunden, spricht nach Ansicht der Richter auch, daß sie noch vor dem Vergleich 90 Prozent der Gläubiger befriedigen konnte.

Das Landgericht wirft FOCUS vor allem vor, daß der Artikel über Finanzprobleme des Bankgründers Arend Mody informierte, der nur mit knapp zehn Prozent an der Bank beteiligt war, auf der Titelseite aber behauptet wurde: »Privatbank in Not«.

FOCUS und dessen Chef Markwort, so die Richter, könnten nicht so naiv oder unwissend gewesen sein, daß sie glaubten, die Begriffe ,Bankier' und ,Bank' seien austauschbar. Sie hätten deshalb »in einer gegen die guten Sitten verstoßenden Weise« den Bankaktionären »vorsätzlich Schaden zugefügt«.

»Das ist der böseste Satz des ganzen Urteils«, schimpft Markwort. Er kennt ihn auswendig und gesteht: »Das trifft mich schon.« Der FOCUS-Chef will das Urteil anfechten und notfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht gehen.

Der Rechtsstreit wird noch Monate oder Jahre dauern. Erst wenn das Urteil des Hamburger Landgerichts in letzter Instanz bestätigt sein sollte, kann der Schadensersatzprozeß beginnen, in dem über die Höhe der Zahlungen entschieden wird.

Markwort hat schon »viele mitleidige Anrufe« von Leuten erhalten, »die fürchten, ich müßte jetzt 20 Millionen zahlen«. Doch er ist überzeugt, daß es dazu erst gar nicht kommt, zumindest nicht, »wenn die Welt gerecht ist«.

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