Mobilcom-Desaster Büdelsdorfs kurzer Traum von der großen Welt
Büdelsdorf - "Ortszentrum" steht auf dem Schild an der Kreuzung. Eine Bäckerei, ein Blumenladen, eine Kneipe, eine Bank - sonst gibt es nichts im Zentrum von Büdelsdorf. Am Ortsrand aber, direkt an der Autobahn nach Hamburg und Kiel, lag der ganze Stolz der Kleinstadt: die Zentrale von MobilCom.
Vorbei. Die drohende Pleite des Multimedia-Konzerns reißt Büdelsdorf aus seinem allzu kurzen Traum, droht die 10.500-Einwohner-Gemeinde nach nur vier Jahren aus dem Blickfeld europäischer Manager zu tilgen und in die Bedeutungslosigkeit zurückzustoßen, aus der sie kam.
Als "New Economy" noch Ehrfurcht einflößte
1998 zog MobilCom von Schleswig ins schleswig-holsteinische Büdelsdorf. Die Branche hatte Mut, die Worte "New Economy" flößten noch Ehrfurcht statt Mitleid ein. 300 Mitarbeiter hatte MobilCom damals, vier Jahre später waren es 6000. Die Büdelsdorfer Konzernzentrale beschäftigt allein 1800 von ihnen. Damit ist MobilCom der mit Abstand größte Arbeitgeber im Ort. Der Zweitplatzierte, Baumaschinen-Hersteller Ahlmann, bringt es auf ganze 250 Beschäftigte.
"Die Stimmung hier ist im Keller", grummelt Hermann Köpke, Wirt der Gaststätte am Rathaus, die zwar Café heißt, aber eher eine Kneipe ist. "Ohne MobilCom gibt's hier nicht mehr viel." Zu den direkt Betroffenen zähle er zwar nicht, da kaum jemand von der MobilCom-Zentrale den Weg in seine Kneipe finde. Indirekt aber wird auch der Wirt zu den Leidtragenden zählen, denn 250 MobilCom-Mitarbeiter wohnen in Büdelsdorf - und werden künftig wenig Geld für die Gastronomie übrig haben, sollte MobilCom die Zentrale aufgeben.
"Die machen weiter wie immer"
Ob das wirklich geschieht und wie viele Arbeitsplätze dann verloren gehen, ist nach MobilCom-Angaben zwar noch völlig offen, und auch mancher Büdelsdorfer spricht sich Mut zu. "Was soll da schon pleite gehen", sagt der Kassierer einer Tankstelle. "Die melden Insolvenz an, stoßen ein paar defizitäre Bereiche ab und machen in der Zentrale weiter wie immer."
Wenn der Mann sich da nicht mal irrt. Was Unternehmenssprecher Wilhelm Fuchs zu sagen hat, klingt nicht gut für Büdelsdorf. Oberstes Ziel eines Insolvenzverfahrens sei die Konsolidierung und Restrukturierung des Konzerns. Man müsse sich auf die Sparten konzentrieren, denen es trotz der fast 290 Millionen Euro Verlust in der ersten Jahreshälfte noch verhältnismäßig gut gehe. "Der Mobilfunk ist auf dem Weg der Besserung", sagt Fuchs. Gleiches gelte für die Bereiche Internet und Festnetz.
Arbeitslosenquote dürfte sprunghaft steigen
Nur sind diese Sparten nicht in Büdelsdorf angesiedelt. In der Konzernzentrale kümmert sich stattdessen die MobilCom-Tochter MobilCom Multimedia um die Verwaltung der UMTS-Lizenzen - jener milliardenteuren Papiere, die sich für die gesamte Branche zum kostspieligen Fehlgriff zu entpuppen drohen und mit verantwortlich sind für den Niedergang von MobilCom.
Sollte der Konzern seine Zentrale schließen, dürften in Büdelsdorf viele Lichter ausgehen. "Unsere Arbeitslosenquote beträgt 9,9 Prozent", sagt Bürgermeister Jürgen Hein, 49. "Das sind etwa 350 Personen. Wenn weitere 250 dazukommen, können sie sich ausrechnen, was passiert".
Auch die Aussicht auf künftige Steuereinnahmen schwindet. Als MobilCom nach Büdelsdorf kam, haben sie sich mit einem Schlag verdoppelt. "1998 und 1999 war MobilCom für fünf bis sechs Millionen Mark Gewerbesteuer gut", sagt Hein. Das führte etwa dazu, dass der FT Eider Büdelsdorf in einem Stadion kickt, dass eines Regionalligisten würdig wäre. Die vier Millionen Mark teure Sanierung des Eider-Stadions wäre ohne die MobilCom-Steuern kaum denkbar gewesen.
"Unser Geld hat Herr Eichel"
Doch die einst sprudelnde Einnahmequelle versiegte bereits vor zwei Jahren, nachdem MobilCom Milliarden in den Kauf der UMTS-Lizenzen steckte. Aus einem Jahresgewinn in dreistelliger Millionenhöhe wurde schlagartig ein Verlust in gleicher Größenordnung. "Unser Geld hat jetzt Herr Eichel", sagt Hein. "Ein Glück, dass wir unseren Haushalt nie auf Basis der MobilCom-Einnahmen aufgebaut haben."
Die Aktie des Unternehmens, die zu Spitzenzeiten 200 Euro wert war, rutschte am Freitag unter die Marke von einem Euro. Auch unter den Opfern dieser Entwicklung findet sich so mancher Büdelsdorfer. Der Vater eines jungen Angestellten, erzählt man sich im Dorf, habe seinem Filius 10.000 Mark für MobilCom-Aktien gegeben. "Alles weg", heißt es jetzt.
Gleiches könnte bald dem Image gelten, das Büdelsdorf sich im Glanz von MobilCom schaffen wollte. "Wir sind eine ehemalige Industriegemeinde mit einem sehr düsteren Image", erklärt Bürgermeister Hein, "und wollten ein dynamischer Dienstleistungs-Standort werden." Vorbei. Wahrscheinlich ebenso wie ein Projekt namens "Büdelsdorf goes Multimedia". 50.000 Euro steckte MobilCom in Computer-Ausrüstung an Schulen, an der die Büdelsdorfer Jugend auch nachmittags lernen konnte. Erklärtes Ziel der Aktion: Die Schüler sollten möglichst frühzeitig lernen, was im Internet-Zeitalter wichtig ist.