MobilCom-Kursrutsch "Profis am Werk"
Der Angriff begann am Dienstag vergangener Woche um 13.33 Uhr drei Minuten nach dem Anpfiff der WM-Partie Deutschland gegen Kamerun.
Während die Aktienhändler in den Handelsräumen gebannt auf die Fernseher blickten, flimmerte der "Tick", also die Verkaufsbestätigung, über den Xetra-Schirm: 2100 Mobilcom-Aktien wechselten zum Preis von 12,08 Euro den Besitzer. Der größte einzelne Handel in dieser Aktie seit Stunden.
Drei Minuten später waren es bereits elf Geschäfte: 9605 Aktien waren verkauft, der Kurs auf 11,94 Euro abgesackt.
Gnadenlos schickten die anonymen Verkäufer ihre Aktien über das Handelssystem und den Mobilcom-Kurs in den Keller. Zeitweise wurden die Papiere im Drei-Sekunden-Takt verkauft. So schafften es die Händler, in nur 71 Minuten 350.000 Papiere abzustoßen. Das ist mehr als der durchschnittliche Tagesumsatz der vergangenen Wochen.
Sogar das Handelssystem der Börse tricksten sie aus. Denn wären die Orders nicht relativ klein gestreut worden, hätte Xetra das bittere Treiben immer wieder für so genannte Auktionen unterbrochen. "Da waren eindeutig Profis am Werk", versichert ein Frankfurter Börsianer. Und die prügelten den Kurs, praktisch unbemerkt, um 28,8 Prozent in die Tiefe.
Der Absturz bis auf 8,60 Euro ist so auffällig, dass Börsianer France Télécom (FT) hinter der Aktion vermuten was der Konzern bestreitet. Doch der niedrige Kurs käme den Franzosen nicht ungelegen. Falls sie ihren Mobilcom-Anteil noch einmal aufstocken, wäre ein billiger Kurs sehr hilfreich.
Oder waren es doch nur große Aktionäre, die ihre Papiere noch schnell vor dem drohenden Crash losschlagen wollten koste es, was es wolle?
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht leitete schon am Mittwoch eine förmliche Untersuchung ein. Denn wer auch immer die Verkäufer waren offenbar wussten sie, dass FT dem deutschen Partner finanziell nicht länger beistehen würde. Sonst hätten sie ihr Kapital nicht so leichtfertig aufs Spiel gesetzt.
Die Aufseher haben sich deshalb die Daten aller Banken und Brokerhäuser besorgt, die in der fraglichen Zeit mit Mobilcom-Aktien handelten. In den nächsten Wochen werden sie von den Instituten Auskunft verlangen: Welcher Mitarbeiter hat die Papiere verkauft und für welchen Kunden?
Doch selbst wenn sich die Akteure feststellen lassen, wird es ausgesprochen schwierig, sie zu überführen. Denn schon am Freitag vorvergangener Woche gab es Spekulationen, dass FT den Vertrag mit Mobilcom kündigen will die Aktie verlor bei hohen Umsätzen.
Am Montag verdichteten sich die Gerüchte. Der Telekom-Experte einer Schweizer Privatbank berichtete seinen Kollegen am Dienstag beim morgendlichen Meeting, der Ausstieg der Franzosen bei Mobilcom "stehe wohl unmittelbar bevor". Auch die wohlhabenden Kunden des Geldhauses wurden informiert.
Aktien auf Grund derartiger Gerüchte zu verkaufen ist jedoch nicht strafbar. Und der Nachweis, dass ein Verkäufer tatsächlich gesicherte Insider-Informationen hatte, ist praktisch unmöglich. Zumindest wenn in der Finanzwelt fast jeder Bescheid weiß außer den Kleinaktionären eben. Sie haben, wieder einmal, das Nachsehen.
WOLFGANG REUTER