Mobilfunk-Discounter Ohne Netz und ohne Boden
Hamburg - Wenn die Mobilfunkbranche einen Preis für den miesesten Service vergäbe, dann würde Easymobile ihn gewinnen. Der vor einigen Wochen in Großbritannien gestartete Billiganbieter ist per Telefon für seine Kunden grundsätzlich nicht zu erreichen. Läden unterhält er auch keine. Wer Serviceprobleme hat, muss ein E-Mail schreiben - und sich in Geduld üben. "Wir versuchen", heißt es auf der Easymobile-Homepage, "uns binnen fünf Werktagen bei Ihnen zu melden."
Dennoch versetzt der Servicerüpel die Branche derzeit in Angst und Schrecken. Das Joint Venture des dänischen Netzbetreibers TDC mit der Easygroup des griechischen Multimillionärs Stelios Haji-Iannou, versucht das Konzept von Billig-Airlines wie Easyjet oder Ryanair auf den Handymarkt zu übertragen: Schnickschnack gibt es keinen, nur niedrige Preise zählen.
Der Kunde kauft seine wiederaufladbare Prepaid-Karte übers Internet, das Telefon muss er selbst mitbringen. Wie das Vorbild Billigflieger setzt Easymobile zudem gnadenlos auf niedrige Fixkosten - samt Management besteht die Londoner Funkklitsche aus acht Mitarbeitern. Die Netzkapazität wurde im Vereinigten Königreich von T-Mobile gemietet. In den Niederlanden kooperiert Easymobile mit Telfort.
Dank der schlanken Struktur kann Easymobile die Preise kräftig drücken. Telefongespräche kosten umgerechnet 22 Cent je Minute, SMS sieben Cent. Das ist deutlich weniger, als die etablierten Anbieter verlangen. (siehe Tabelle).
So genannte Mobile Virtual Net Operators (MVNO), die auf Besonderheiten wie Multimedia-Dienste verzichten und kein eigenes Handynetz betreiben, gibt es bereits seit längerem. In Deutschland verkauft beispielsweise Tchibo Prepaid-Verträge und nutzt das Netz von O2. Wesentlich billiger als die klassischen Mobilfunkkonzerne sind die virtuellen Operatoren allerdings nicht. Jetzt aber drohen Tarif-Radikalinskis wie der von allen nur Stelios genannte griechische Reedersohn einen europaweiten Preiskrieg anzuzetteln, der vor allem Branchengrößen wie T-Mobile oder Vodafone Blessuren bescheren könnte.
Wie in Dänemark: Dort hat Easymobiles Vorbild Telmore die Preise mit einem Prepaid-Angebot ohne Handy ruiniert. Bereits sechs Monate nach Telmores Debut sei der durchschnittliche Minutentarif von 17 auf neun Cent gefallen, hat die Kopenhagener Beratungsfirma Strand Consult errechnet. Inzwischen haben Discounter in Dänemark 23 Prozent Marktanteil, bei SMS sind es sogar 30 Prozent. "Wenn es eine Mobilfunk-Hölle gibt", so ein Insider, "dann liegt sie in Dänemark."
Der bereits von mehreren MVNOs besetzte britische Markt, wird wohl nicht ganz so leicht zu knacken sein. "Aber zehn Prozent", so Stelios, "sind auf jeden Fall drin". Die ersten Konkurrenten zeigen bereits Nerven. Die zum Imperium des exzentrischen Milliardärs Sir Richard Branson gehörende Virgin Mobile beäugt den Neuling misstrauisch. Sprecher Will Whitehorn drohte Easymobile bereits einen Preiskrieg an.
"Jaja, der Will", meint Stelios und schüttelt den Kopf "der ist doch auch total durchgeschossen. Wir konkurrieren ja gar nicht mit Virgin. Aber prima PR für uns." Der Netzbetreiber Orange hat Easymobile gar verklagt - weil der Billigheimer ebenfalls die Farbe orange für seinen Markenauftritt verwendet. Auch in diesem Fall freut sich Stelios, der ein Faible für Guerilla-PR hat, über die kostenlose Werbung. Und gießt gleich noch ein wenig Öl ins Feuer. "Alle sollen wissen", schnarrt er "dass Orange der Feind ist."
TDC hat mit Stelios einen über 30 Jahre laufenden Vertrag abgeschlossen, der Easymobile-Gründungen in einem Dutzend EU-Ländern vorsieht. Ganz oben auf der Liste stehen dem Vernehmen nach Frankreich und die Bundesrepublik. "In Deutschland hätte das Easymobile-Konzept gute Chancen", meint Carrie Pawsey vom Marktforscher Ovum. Der Erfolg der Tchibo-Handys habe gezeigt, dass es einen Markt für Angebote ohne Schnickschnack gebe. Auch in anderen Ländern könnte das Konzept aufgehen: Einer Cap-Gemini-Studie zufolge halten 57 Prozent aller europäischen Handynutzer die Minutenpreise für überhöht.
Prepaid-Tarife im Überblick
| Euro/Minute | SMS | |
|---|---|---|
| T-Mobile Xtra Go (D) | 0,49 | 0,19 |
| Vodafone CallYa Basic (D) | 0,39 | 0,19 |
| Easymobile (GB) | 0,22 | 0,07 |
| Telmore (DK) | 0,10 | 0,03 |
| Yesss! (A) | 0,09 | 0,13 |
Vor allem für T-Mobile Deutschland könnte es unerfreulich werden. Vorstandschef Réné Obermann fährt seit einigen Monaten die Subventionierung von Gratishandys für Prepaid-Kunden deutlich zurück. Derartige Schmankerl gibt es nur noch für die umsatzstärkeren Vertragskunden. Dieser Kurs hat die Bonner bereits kräftig Marktanteile gekostet. Für viele Prepaid-Kunden könnte ein Verbleib bei T-Mobile durch Obermanns neue Knickrigkeit unattraktiv werden. Denn wenn es ohnehin nur eine Sim-Karte gibt, könnte der Wechsel zum Discounter die bessere Alternative sein.
Teilweise bauen die Netzbetreiber darauf, dass der Großteil der Kundschaft weiterhin Service will und deshalb für die Offerten der Low-Cost-Anbieter unempfänglich ist. Das könnte sich - wie seinerzeit bei den Billigfliegern - als kostspieliger Irrtum erweisen.
T-Mobile oder Vodafone stehen vor einer kniffligen Entscheidung. Entweder versuchen sie, mit niedrigeren Tarifen und schicken Gratishandys eine Abwehrstrategie zu fahren. Oder sie machen mit Easymobile und Co. gemeinsame Sache. Wer den Preispiraten sein Netz vermietet oder gleich selbst einen Discounter gründet, kann an dem neuen Geschäftsmodell zumindest mitverdienen. Schlecht für die Margen ist beides. Bisher hat sich keiner der vier deutschen Netzbetreiber zum Pakt mit dem Teufel durchringen können.
TDC und ihr Werbetrommler Stelios hatten sich die Sache zunächst einfacher vorgestellt. Am Rande der Mobilfunkmesse 3GSM in Cannes tönte der Grieche im Februar, dass es zum Deutschland-Start von Easymobile "Ende März sicherlich Neuigkeiten geben wird". Stattdessen herrscht weiter Funkstille. In der Branche wird spekuliert, dass Easymobile auch in Deutschland Zugang zum Netz von T-Mobile erhalten könnte. Die Bonner wollen Verhandlungen mit TDC weder bestätigen noch dementieren.
Als weiterer möglicher Umfaller in der Anti-Stelios-Front wird in der Branche O2 gehandelt. "Die hätten ausreichend Netzkapazität", so Analystin Pawsey. Ihrer Ansicht nach kann das deutsche Mobilfunk-Mikado noch einige Monate andauern - allerdings sei der Start des ersten Billigstanbieters lediglich eine Frage der Zeit. "Es geht nur noch darum", so Pawsey, "welcher Netzbetreiber als erster weich wird."